Aachen - Die Weihnachtskisten-Packer: „Ich möchte gern etwas zurückgeben“

Die Weihnachtskisten-Packer: „Ich möchte gern etwas zurückgeben“

Von: Matthias Hinrichs
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Sie schenken vor allem Zeit: Claudia Gävert nimmt sie sich, trotz Familie und Vollzeitbeschäftigung als Richterin. Foto: Michael Jaspers
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Peter Golz findet sie noch öfter; der ehemalige Versicherungskaufmann engagiert sich nicht nur für die Aachener Tafel. Foto: Michael Jaspers
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Endlich mal aus dem Vollen schöpfen: Am Ende sind 2000 Weihnachtskisten im Ballsaal zusammengekommen – genug für jeden, der kommt.

Aachen. Gertrud Krüger und Renate Lindner hüten an diesem Morgen sozusagen das Tor. Und die beiden Tafel-Helferinnen am Eingang zum Alten Kurhaus sehen innerhalb von ein paar Stunden wohl weit mehr gelbe Karten als die Alemannia-Kicker in der gesamten Saison. Das ist auch gut so. Denn hier geht Gelb vor.

Kunden, die eine Familie zu versorgen haben, müssen einen Ausweis in dieser Farbe vorweisen, bevor sie sich oben im Ballsaal eine Weihnachtskiste aussuchen dürfen. Rot, Blau und Violett kommen später an die Reihe. Das klappt – alle Jahre wieder – hervorragend, denn die Aachener haben auch im Advent 2017 rund 2000 Geschenkpakete zur größten Bescherung der Region bereitgestellt.

Auch heute wird niemand mit leeren Händen nach Hause gehen – obwohl die Zahl der Tafel-Kunden kontinuierlich steigt. Inzwischen, im 13. Jahr der Adventsaktion, sind rund 10.000 Menschen in der Forster Vereinszentrale registriert. Trotzdem kennen Gertrud Krüger und Renate Lindner die meisten der geduldig Wartenden persönlich. Wenn man Letztere nach ihrem Namen fragt, erntet man stets ein freundliches Lächeln – mehr nicht. „Den möchte ich lieber nicht in der Zeitung lesen“, sagt eine ältere Dame, die sich auf eine Gehhilfe stützt.

Man hört diesen Satz heute oft – und viele Geschichten, die fast klingen wie eine Entschuldigung. „Wissen Sie“, erzählt die Seniorin, „ich bin heilfroh, dass ich seit Kurzem eine Grundsicherung kriege – 740 Euro. Ich bin allein und behindert, sehen kann ich auch nicht mehr gut. Aber bislang schaffe ich es immer noch bis nach Forst und auch zum Bushof.“ Nein, ohne die Angebote der Tafel käme sie nicht über die Runden. „Wenn ich alle Festkosten abziehe, bleiben mir im Monat ungefähr 150 Euro.“ Sie zeigt auf eine große Tüte, die schlaff über ihrer Schulter hängt. „Da packe ich nachher alles rein, was ich gebrauchen und tragen kann.“

„Es macht einfach Spaß“

Ein bisschen Geduld muss sie noch aufbringen, bis es auch bei ihr „Klick“ macht, auch die Besitzer der roten Ausweise bis zum Eingang des großen Saals vorgedrungen sind. Dort „tackert“ Jutta Schlockermann jede Berechtigungskarte per Heftklammer. So viel Bürokratie muss sein, wenn die Tafel-Vorsitzende den Überblick behalten will.

Auch in ihrem Rücken hat sich eine kleine Schlange gebildet: Peter Golz ist einer von ungefähr 40 Ehrenamtlichen, die dort bereitstehen, um den Kunden zu helfen, sich aus der gewaltigen Menge der bunt verpackten Pakete das Passende herauszusuchen. Genauso wie Claudia Gävert – oder Sigrid. Auch sie legt keinen gesteigerten Wert darauf, ihren Nachnamen zu nennen – wenn auch aus anderen Motiven. „Muss nicht sein“, winkt die 53-Jährige lächelnd ab. „Es macht mir einfach Spaß, mich hier zu engagieren, zumal ich gerade wegen eines anstehenden Jobwechsels mehr Zeit habe.“

Peter Golz hat auch Zeit – und große Lust, sich für andere ins Zeug zu legen. „Als ich vor sieben Jahren in Rente gegangen bin, hab‘ ich mir vorgenommen, mich in drei Bereichen zu engagieren: für Menschen, für Tiere und für die Musik“, erzählt er. Claudia Gäverts Terminkalender ist wohl trotzdem noch viel dicker. Sie arbeitet als Richterin, in Vollzeit. Trotzdem: „Einmal die Woche helfe ich auch bei der Lebensmittelausgabe in Forst. Dann holt eben mein Mann unseren Sohn vom Sport ab – alles eine Frage der Organisation“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Und fügt einen Satz an, den man an diesem Vormittag im Ballsaal ebenfalls immer wieder hört: „Ich möchte gern etwas zurückzugeben.“

An den großen Tischen im hinteren Teil des Saals hilft die angehende RWTH-Absolventin Brikena Shazimani, Konserven, Schokolade und jede Menge Plüschtiere in kleine Einkaufswagen oder große Taschen zu kramen. Sie engagiert sich in der Hochschulgruppe des Verbands Deutscher Wirtschaftsingenieure. „Wir sind mit zehn Studierenden angerückt“, sagt sie nicht ohne Stolz. „Gemeinnützige Arbeit ist uns sehr wichtig – und da schien uns der Einsatz für die Tafel ideal.“

Wenn es um die enorme Unterstützung der Spender angeht, muss Jutta Schlockermann am Ende des Tages nicht auf die Rechenkünste der angehenden Ingenieure zurückgreifen. Etwa 100 Weihnachtskisten sind tatsächlich übrig geblieben, berichtet sie am Abend. Da haben etliche Mitarbeiter der Deutschen Bank bereits die Ärmel hochgekrempelt, um den Ballsaal aufzuräumen – und so nach Feierabend auf ihre Weise etwas zurückzugeben, das sich in Heller und Pfennig schwerlich berechnen lässt.

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