Die vormalige Gallwitz-Kaserne hat einen neuen Namensgeber

Von: Christian Rein
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Aachen. Es ist nicht recht überliefert, was Leo Löwenstein für ein Mensch war. Auch seine Enkel tun sich an diesem Nachmittag schwer, den Mann zu charakterisieren, der im Mittelpunkt der Veranstaltung steht. Den Mann, nach dem seit Dienstag eine Kaserne in seiner Geburtsstadt Aachen benannt ist.

Irene Hollander und Dan Löwenstein, die extra aus Jerusalem und aus Helsingborg für den Ehrentag ihres Großvaters angereist sind, waren schlicht noch Kinder, als sie Leo Löwenstein erlebten. Obendrein haben sie als gebürtige Schweden nicht seine Sprache gesprochen: Deutsch. Außerdem habe er nicht so recht gewusst, mit Kindern umzugehen, sagt Hollander. Und doch sind die Ausführungen der Enkel die bewegendsten Momente der Feierstunde, mit der die Namensänderung der Kaserne begangen wird.

Als „starken Charakter“ würdigt Irene Hollander ihren Großvater, als aufrichtigen Mann mit einem ausgeprägten Sinn für Ehrlichkeit. Er habe den Kindern sogar Geld geboten, wenn sie es schaffen sollten, ein Jahr lang nicht zu lügen. So lange sollte es bis zum nächsten Besuch dauern. Es war nur ein Spiel. Und „natürlich“, sagt Hollander lachend, hätten sie es nicht geschafft. Aber die Botschaft, die Hollander mit der Anekdote vermitteln möchte, kommt an: Leo Löwenstein war eine Persönlichkeit, und seine Enkel hatten, wie so viele, die mit ihm zu tun hatten, Respekt vor ihm.

Nur wenige jüdische Namensgeber

Ein starker, aufrichtiger Charakter, eine Respektsperson: Gibt es bessere Gründe, sich so jemanden als Namensgeber auszusuchen? Wohl kaum. Aber das wichtigste Merkmal an der Person Leo Löwenstein, das auch die Namensänderung der Kaserne wirklich besonders macht, ist ein anderes: Er war Jude.

Das Erstaunlichste an der Namensänderung wiederum ist, dass diese Tatsache für die Bundeswehr nur eine untergeordnete Rolle spielt. Immerhin: Es hat die Entscheidung für Leo Löwenstein „bestärkt“, wie Brigadegeneral Michael Hochwart sagt. Er ist Kommandeur der Technischen Schule Landsysteme und Fachschule des Heeres für Technik, zu der die Löwenstein-Kaserne gehört.

Bislang hatten nur ausgesprochen wenige der knapp 400 Bundeswehr-Standorte einen jüdischen Namensgeber. Genau gesagt waren es zwei: die Wilhelm-Frankl-Kaserne in Neuburg an der Donau (Baden-Württemberg) und die Dr.-Julius-­Schoeps-Kaserne in Hildesheim (Niedersachsen), die allerdings im Jahr 2003 im Zuge der Truppenreduzierung geschlossen wurde. Seit Dienstag nun heißt die bisherige Gallwitz-Kaserne in Aachen Dr.-Leo-Löwenstein-Kaserne.

Was hat eigentlich zur der Namensänderung geführt? Als der damalige Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière im vergangenen Sommer den Standort in Aachen besuchte und die Namensänderung bekanntgab, sagte er: „Der Name einer Kaserne soll für die Soldaten Vorbild sein und nicht Problem.“ Der Name Gallwitz-Kaserne war aber Problem. Denn der Armeeführer im Ersten Weltkrieg und General der Artillerie Max von Gallwitz (1852-1937) war ein Antidemokrat und ein Antisemit.

Das festzustellen, überlässt Brigadegeneral Hochwart freilich anderen, zum Beispiel dem Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp: „Wer in den Jahren der ersten deutschen Demokratie an einer Gründungsversammlung eines antidemokratischen Bündnisses wie der Harzburger Front teilnahm und im Ruf steht, ein Antisemit zu sein, kann kein Vorbild für unsere Soldaten sein“, attestiert er von Gallwitz. „Und wenn der Name einer Kaserne für die Soldaten zum Problem wird, ist dies zugleich auch ein Problem für die Stadt, in der sich die Kaserne befindet.“ Die Umbenennung der Kaserne sei deshalb ein „aufmunterndes Symbol, damit wir uns als Demokraten weiter einsetzen für eine Gesellschaft, in der Antisemitismus keine Chance hat“, bekräftigt Philipp.

Angesichts solch klarer Worte mutet die Begründung, die Hochwart für die Umbenennung liefert, nüchtern an. Der Kommandeur bezieht sich lediglich darauf, dass von Gallwitz Artillerist gewesen sei: „Bei uns hier in Aachen gibt es nunmehr seit 1969 keine Artillerie mehr. Die Stadt ist aber seit 1962 Heimat der Instandsetzungstruppe. Mit dem Namen Gallwitz verbinden unsere Soldaten kaum mehr etwas.“ Der neue Namensgeber sollte entsprechend verdienter Soldat sein, Techniker, Ingenieur oder Wissenschaftler, verdienter Bürger des Landes und einen Bezug zu Aachen haben. Und nach diesen Kriterien sei man auf Löwenstein gekommen. Das klingt reichlich pragmatisch.

Die multireligiöse Armee

Um so deutlicher hebt Leopold Weil, Oberstleutnant der Reserve und renommierter Experte für die Sicherheit kerntechnischer Anlagen, für den Bund jüdischer Soldaten die Verdienste Löwensteins hervor. Der habe frühzeitig nach dem Ersten Weltkrieg die Gefahren der antisemitischen Hetze erkannt und unter den ehemaligen jüdischen Soldaten den Abwehrkampf gegen die Nazis organisiert. Auf Löwensteins Initiative hin wurde 1919 der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) gegründet, der Mitte der 20er Jahre 35.000 Mitglieder hatte und damit laut Bund jüdischer Soldaten die größte jüdische Organisation der Weimarer Republik war. Der Bund jüdischer Soldaten, gegründet 2006, betrachtet sich als Nachfolgeorganisation und führt das Kürzel RjF als Namensergänzung.

Jüdische Soldaten in der Bundeswehr sind auch heute, in Zeiten der Parlamentsarmee, keine Selbstverständlichkeit. Der Bund jüdischer Soldaten hat 40 offizielle Mitglieder, und, so rechnet Weil vor, wenn man den jüdischen Anteil in der Bevölkerung zugrunde legt, dann müsse es entsprechend in der Bundeswehr rund 200 jüdische Soldaten geben. Erfasst wird die Religionszugehörigkeit von der Bundeswehr freilich nicht.

Immerhin, und auch das zeigt der Bund jüdischer Soldaten, ist es heute kein Problem mehr für Juden, in der Bundeswehr zu dienen. „In der jüdischen Gemeinde gibt es keine Vorbehalte“, sagt Weil. Aber es ist stets verbunden mit der Verpflichtung zum Kampf gegen „den immer noch nicht vollständig überstandenen Antisemitismus“. Genau in diesem Sinne, betont Weil, sei auch Löwenstein „für alle Soldatinnen und Soldaten ein Vorbild als Streiter für eine multiethnische und multireligiöse deutsche Armee“.

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