Die Umweltzone verpufft wirkungslos

Von: Stephan Mohne
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Von „oben“ angeordnet, aber bisher ohne Wirkung: Die Umweltzone hat in Aachen seit dem Start im Februar die zu hohen Stickoxid-Werte nicht senken können. Sie sind sogar leicht gestiegen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die städtischen Umweltexperten hatten es schon vorher prophezeiht – und im Sinne der Luftqualität in Aachen haben sie leider bisher Recht behalten. Die am 1. Februar zwangsweise innerhalb des Außenrings eingeführte Umweltzone ist nicht mehr als ein überflüssiger Schilderwald.

Was sich insbesondere auf die Werte des gesundheitsschädlichen Stickstoffdioxids in der Luft bezieht. Denn diese chemische Verbindung ist in Aachen das Problem. An den Messpunkten Adalbertsteinweg und Wilhelmstraße wird der von der EU als Maximum angegebene Wert von 40 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft weiterhin deutlich überschritten.

Für die Station Wilhelmstraße lässt sich das schwarz auf weiß in den monatlich vom Landesumweltamt veröffentlichten Zahlen ablesen. Seit Februar hat es keine Verbesserung gegeben, im Gegenteil. Die Monatswerte bis Juli: 47, 52, 48, 49, 52 und 45. Macht im Schnitt 48,8 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft. Und nun zum Vergleich die sechs Monate vor Einführung der Umweltzone: 44, 43, 44, 50, 49, 56. Das macht im Durchschnitt einen Wert von 47,6. Das ist zwar erst eine Kurzzeitbetrachtung, die allerdings doch recht vielsagend ist.

Eigentlich eine „Feinstaubzone“

Die städtischen Umweltexperten hatten stets betont, dass die Umweltzone in Bezug auf die Stickoxide kaum eine, gar keine oder sogar die gegenteilige Wirkung erzielt. Die Umweltzone ist vom Sinn her nämlich eine Zone zur Senkung des Feinstaubgehaltes in der Luft. Doch bei den kleinen gesundheitsgefährdenden Staubpartikeln hat Aachen gar kein Problem mehr. Und das war längst vor dem „Befehl“ der Bezirksregierung zur Einführung der Umweltzone schon so, wie man in einem aktuellen Bericht der Verwaltung zur Luftqualität und zum Luftreinhalteplan liest.

Wobei schon der Name Quatsch ist, denn eine nicht reine Luft kann schließlich nicht rein gehalten werden. 2015 jedenfalls wurde der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft an der Wilhelmstraße nur an zwölf Tagen überschritten. Das festgelegte Maximum liegt bei 35 Tagen. 2014 wurde die Messlatte an 21 Tagen „gerissen“. Nur 2013 gab es einen Ausreißer mit 46 Tagen, doch da war gerade der Bau des Aquis Plaza mit einer enormen Staubentwicklung voll im Gange.

Das Widersinnige an der Sache: Wer ein Auto hat, dem von den Abgaswerten her nur eine rote oder gelbe Plakette zusteht, der muss mit einem Rußpartikelfilter nachrüsten, um die geforderte grüne zu erhalten. Nur: Die Nachrüstung kann insbesondere bei schweren Dieselfahrzeugen dazu führen, dass sich ausgerechnet der Stickoxid-Wert erhöht, was für Aachen eben kontraproduktiv ist.

Oder man kauft sich ein neues Auto, das die aktuellsten EU-Normen beim Abgas erfüllt. Mit Euro 4, 5 oder 6 darf man die grüne Plakette an die Windschutzscheibe pappen. Doch da geht dann der Wahnwitz erst richtig los. Und zwar wegen des Abgasskandals, also dem Umstand, dass insbesondere moderne Diesel viel mehr Schadstoffe aus dem Auspuff pusten, als sie laut EU-Norm eigentlich dürften. Im Bericht der Verwaltung steht, dass laut aktuellen wissenschaftlichen Studien, basierend auf konkreten Abgasmessungen, bei Diesel-Fahrzeugen der Euro-Normen 1 bis 6 kaum Unterschiede festgestellt werden konnten. Mit anderen Worten: Ein topmoderner Diesel ist kaum sauberer als ein alter „Stinker“.

Mehr noch: Eigentlich hätte das ein Absinken der Stickoxid-Werte an der Wilhelmstraße und am Adalbertsteinweg um drei bis sechs Mikrogramm pro Kubikmeter Luft zur Folge haben müssen. Zitat: „Der sogenannte ‚Abgasskandal‘ der Automobilindustrie berührt damit ganz unmittelbar die Interessen der Bürgerschaft an gesundheitsverträglichen Umweltbedingungen, aber auch die der Stadt Aachen selbst, die für die schnellstmögliche Einhaltung der EU-Anforderungen jetzt deutlich höhere Investitionen tätigen muss.“

Katalog von Maßnahmen

Aachen will wie in den vergangenen Jahren weiter auf einen ganzen Katalog von Maßnahmen setzen, von denen einige umgesetzt, andere auf dem Weg dahin sind – und wieder andere noch in der Pipeline hängen. Wichtige Dinge sind zum Beispiel die Erneuerung der Busflotte, die Förderung des Radverkehrs, die Forcierung von Jobtickets für den ÖPNV zur Reduzierung des Autoverkehrs oder auch der Ausbau der E-Mobilität. Mit dem Maßnahmenpaket habe man es geschafft, dass die Werte – auch wenn sie immer noch viel zu hoch sind – kontinuierlich leicht sinken.

Allerdings sei es für einen Erfolg dessen nötig, dass „Bund und Länder deutlich bessere Voraussetzungen schaffen müssen, soll der Grenzwert von 40 Mikrogramm in den kommenden fünf Jahren tatsächlich eingehalten werden“. Klaus Meiners vom Fachbereich Umwelt konkretisiert das anhand von Beispielen: Stärkere Vergünstigungen im Bereich der E-Mobilität seien wünschenswert. Zudem müsse man sich Gedanken über die Steuervergünstigungen für Diesel machen, denn die seien schließlich das Hauptproblem.

Kurios bleibt in diesem Zusammenhang, dass das Land zwar die Umweltzone angeordnet hat, selber aber wenig tut, um die Aachener Luft zu verbessern. So weigern sich viele Landesbehörden standhaft, von Mitarbeitern und Besuchern Parkgebühren zu kassieren und ein Jobticket einzuführen. Das gilt für die Justiz wie auch für die Finanzbehörden. Die Einbindung aller Landeseinrichtungen sei ein längst überfälliger Schritt und ein „dringend notwendiges Signal“, so steht es im Luftreinhalteplan. Mit der FH sei man im Gespräch. Einzig die RWTH hat umfassend mitgezogen. Vor dem Hintergrund, dass das Land sich sogar weigert, in Ausschreibungen für Baumaßnahmen auf abgasarme Baumaschinen zu achten, kommen am Engagement jedoch arge Zweifel auf. Hauptsache Umweltzone. Auch wenn die wirkungslos verpufft.

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