Aachen - Die Straßenbahn fährt für ihn immer noch

Die Straßenbahn fährt für ihn immer noch

Von: Max Stollenwerk
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Reiner Bimmermann sammelt Fotos der Aachener Tram. 4000 bis 5000 hat er schon – und sucht noch mehr „alte Schätzchen“.

Aachen. Die Adalbertstraße. Menschenmassen schieben sich durch die Einkaufsstraße. Es herrscht geschäftiges Treiben. Plötzlich ist eine durchdringende Stimme aus Lautsprechern zu hören: „Achtung, Straßenbahn fährt ein. Zurücktreten bitte!“ Unvorstellbar? Gewiss. Doch was heute utopisch erscheint, war einmal Realität.

Und das ab 1880, für fast 100 Jahre. „1974 ist die letzte Straßenbahn durch Aachen gefahren, dann wurde der Betrieb eingestellt“, erinnert sich Reiner Bimmermann noch ganz genau. Seit über 40 Jahren fährt nun keine „Tram“ mehr durch Aachen und Umgebung. Noch länger sammelt Reiner Bimmermann leidenschaftlich alte Fotos, Fachzeitschriften oder Geschäftsberichte über die „Stadt-Eisenbahn“, wie er sie nennt. Denn für ihn lebt diese Straßenbahn immer noch. Er hat sich schon in seiner Kindheit für Straßen- und Eisenbahnen begeistert. „Damals hatte ich noch keinen vernünftigen Fotoapparat, um Aufnahmen von Straßenbahnen machen zu können“.

Über die Jahrzehnte hat sich die stattliche Sammlung auf dem Dachboden von Reiner Bimmermann Stück für Stück vergrößert. „Es dürften mittlerweile mindestens 4000 bis 5000 Fotos sowie zahlreiche Geschäftsberichte und sämtliche Fachliteratur sein“, schätzt er.

Vertieft sitzt der Sammler vor einem Stapel alter Bilder, die Straßenbahnen an den verschiedensten Orten Aachens zeigen. Er studiert jedes einzelne genau und weiß sofort, an welcher Stelle es aufgenommen wurde. „Das war auf der Trierer Straße in Brand“, kommentiert er eines der Bilder, die das „Aachen von damals“ zeigen, wie er es beschreibt. Und er erzählt dabei, dass ihn nicht nur die Straßenbahnen faszinieren, sondern „im Laufe der Zeit mehr und mehr auch das Aachen von damals“.

Das Sammeln alter Fotos und Dokumente sei heutzutage durch das Internet um einiges einfacher. „Früher habe ich Anzeigen in Fachzeitschriften geschaltet oder bin über Kontaktangebote von Fotografen in diesen weitergekommen. Da hat alles etwas länger gedauert.“

Gerne erinnert sich der 55-Jährige, der eine Apotheke in der Jakobstraße betreibt, an eine ältere Geschichte: „Ein Bekannter von mir hat in den 1930er-Jahren an einem Skatturnier in Ostende teilgenommen und wollte mit der Straßenbahn dorthin fahren. Allein die Hinfahrt hat insgesamt vier Tage gedauert“. Über zehn Mal habe er umsteigen müssen, ehe er an der belgischen Küste angekommen war. Eine Höllenfahrt, die heutzutage unvorstellbar erscheint.

Das Straßenbahnnetz in Aachen war eines der ausgedehntesten in ganz Deutschland. Über 181 Kilometer Gesamtstrecke, Teile davon im benachbarten Grenzgebiet von Belgien und den Niederlanden hatte die Öcher Tram zu bieten.

1995 erlebte der leidenschaftliche Sammler einen absoluten Höhepunkt: Er hat damals dabei mitgeholfen, zwei Straßenbahnwagen am Elisenbrunnen auszustellen. „Die Museumswagen wurden komplett und originalgetreu restauriert, und der eine oder andere Besucher hat beim Begehen ein Tränchen verdrückt“, erinnert sich Bimmermann. Mehrere Tausend Besucher wollten sich das Schauspiel nicht entgehen lassen und besichtigten die Museumswagen, die inzwischen im Lütticher Straßenbahnmuseum einen würdigen Platz gefunden haben.

Bimmermann hat mittlerweile damit begonnen, Teile seiner umfangreichen Sammlung zu digitalisieren. „Aus Platzgründen ist das einfach irgendwann notwendig geworden.“ Doch das Sammeln zu beenden, kommt für ihn nicht in Frage. Eine Sammlung sei nie vollständig – er hat großes Interesse an weiteren „alten Schätzchen“. „Mit Sicherheit schlummern in vielen Haushalten noch alte Bilder und Dokumente von Straßenbahnen, für die ich mich sehr interessiere“, hofft er auf Rückmeldungen. Die Dokumente gebe es selbstverständlich zurück, da er sie einscanne.

Beim Betrachten der alten Fotos wirkt Bimmermann etwas wehmütig. „Hätten in Aachen damals andere Politiker das Sagen gehabt, wäre vielleicht vieles anders gelaufen“, sagt er. Ob es zukünftig in Aachen noch einmal eine Straßenbahn geben wird? Bimmermann ist da skeptisch. „Wenn, dann müsste man seriös an die Sache herangehen, aber das Geld fehlt bei der Stadt ja bekanntlich an vielen Stellen.“

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