Die schwere Maria lässt den Boden beben

Von: Thorsten Karbach
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Aachens Domglocken schlagen: Acht Glocken, sieben davon historisch, werden hier - wie diese beiden - geläutet. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Professor Rüdiger Pfeiffer-Rupp nimmt den Zeigefinger vor den Mund, als könnte er so alle Geräusche aus dem Quadrum verbannen. Das kann er nicht, die Abluftanlage brummt weiter, der Wind lässt eine Türe klappern.

Doch Pfeiffer-Rupp hat eine Aufgabe, und bei der sollen ihn Wind und Abluft nicht stören. Seine Aufgabe ist das Hören. Er hört die Glocken des Aachener Doms schlagen, zwei Mikrofone - eines vor einem Fenster zum Kreuzgang, eines im Brunnen mitten im Quadrum - zeichnen das Läuten mit. Fast drei Stunden schlagen an diesem Tag die Domglocken, es ist ein Probeläuten, eine technische Überprüfung und Pfeiffer-Rapp ist Glocken-Experte.

Beseelte Aachener Glocken

Er sieht irgendwie feierlich aus. Die Hände hat er vor der Brust gefaltet, seine wachen Augen schauen hinauf zum Glockenturm, als könnte er die Klänge nicht nur hören sondern auch sehen. Und seine Augen glänzen, so wie Augen eben glänzen, wenn sie Begeisterung ausdrücken. Pfeiffer-Rapp erzählt von einem Dopplereffekt der Aachener Glocken. „Das beseelt die Glocken”, sagt er.

Oben, aus dem Fenster des Glockenturms, in 70 Metern Höhe, winkt Dombaumeister Helmut Maintz. Von oben ist Pfeiffer-Rupp nur ein kleiner Punkt, der im Quadrum hin und her geht. Maintz trägt Ohrenstöpsel, denn wenn die Glocken läuten, dann ist es im Turm in erster Linie sehr, sehr laut. Unten im Quadrum ist der Klang leiser, irgendwie leichter. Pfeiffer-Rupp lauscht der „Nummer 3”, die schlägt und schlägt und schlägt. „Der Nebenschlagton ist höher als im Standard”, sagt er. Das gebe den Aachener Glocken ein eigenwilliges Timbre. „Die meisten Leute können das aber gar nicht hören.” Der Experte wohl.

Pfeiffer-Rupp hat schon viele Glocken gehört. Er ist Professor für Sprachwissenschaften an der Fachhochschule Köln, Spezialist für Phonetik. Die Aufnahmen am Aachener Dom sind die Basis für seine 808. Glockenanalyse. Immer wieder geht er von dem einen Mikrofon zum anderen. Er schaut, ob die Einstellungen stimmen. Hin und her, hin und her, führt sein Weg. Nur als eine Plastiktüte durch das Quadrum weht, verlässt er seinen Pfad, hebt die Tüte auf, wirft sie in den Abfalleimer. Der Professor ist nicht nur bei der Hörarbeit ein ordentlicher Mensch.

Unter Maria bebt oben gerade der Boden. Die „Maria” ist die größte der Aachener Glocken. 5,8 Tonnen ist sie schwer, hat einen Durchmesser von zwei Metern. Die kleinste Glocke „Simeon” wiegt 290 Kilo und hat 80 Zentimeter Durchmesser. Doch nun schlägt Maria und lässt den Holzboden im Turm vibrieren. Mit der „Maria” ist das auch so eine Sache. Normalerweise ist ihr Schlag alleine nur zu traurigen Anlässen zu hören. Wenn ein Papst oder Bischof stirbt, dann hören die Aachener die schwere „Maria” -Êund zwar nur die schwere „Maria”. Für diesen Test wurde aber eine Ausnahme gemacht.

Rüdiger Pfeiffer-Rupps Ohren erkennen die „Maria” sofort. Auch die von Dr. Konrad Bund, der im Innenhof unterwegs ist. Bund ist wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Glockenmuseums auf Burg Greifenstein. Zwei Experten hören eben mehr als einer. Auch ob „Maria” sauber schlägt. Sie ist die jüngste aller Glocken, kaum mehr als 50 Jahre alt. Alle anderen Glocken feiern in diesem Jahr 350-jähriges Jubiläum. Das Barockgeläut ist bis auf die Grundglocke erhalten geblieben. Das wird das Domkapitel noch feiern. Es wird ein Buch geben und mit dem Buch eine CD mit dem Domglockenläuten. Am Freitag vor dem Weißen Sonntag soll aufgenommen werden.

Der Schlag per Knopfdruck

Oben im Turm drückt Andreas Dziewior auf die entscheidenden Knöpfe. Sein Kollege Matthias Braun ist mit der Videokamera zwischen den Glocken unterwegs und gibt Anweisungen. „8, 7 und 4”, will er hören. Dann drückt er auf Aufnahme. Auch ein Video wird gedreht. Die Knöpfe für die einzelnen Glocken sind an Schaltkästen in einem großen Stahlschrank. Für jede Glocke gibt es einen eigenen Knopf. Auch unten in der Sakristei gibt es Knöpfe, so dass der Küster nicht immer die 154 Stufen den Turm rauflaufen muss, um die Glocken zu läuten. Früher mussten die Glocken noch mit einem schweren Seil geläutet werden. Für die dicksten Glocken brauchte es zwei starke Männer.

Pfeiffer-Rupp lauscht unten den sogenannten Sinustönen, die den Glockenklang ausmachen. Natürlich gebe es bessere, modernere Glocken, erzählt er und hebt dabei die Hände, als wolle er sich für seine Worte entschuldigen. Das Aachener Geläut sei vor allem ein denkmalwertes Barockensemble. Da dürfe man nicht einfach rumpfuschen. „Es gibt heutzutage ohnehin wenig Gestaltungsmöglichkeiten bei Glocken. Alle Türme hängen voll”, sagt Pfeiffer-Rupp und klingt dabei irgendwie enttäuscht. Im Aachener Turm hängen acht Glocken. Von denen hört er nun die helle „8”, dann die „7” und dann die „4”. Pfeiffer-Rupp legt wieder den Finger an den Mund und lauscht.
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