Die sanfte und soziale Seite des Kampfsportes

Von: Hans-Peter Leisten
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Freuen sich auf weitere Teilnehmer: Diese Sportler der Engel aus fast allen Altersgruppen heißen auch junge Menschen mit Problemen im Zentrum an der Kleinkölnstraße willkommen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Am Anfang war die Idee, von Krebs betroffenen Menschen zu helfen. Das war so etwas wie die Initialzündung des Hilfsvereins Aachener Engel beim Start vor beinahe zehn Jahren. Diese Idee ist geblieben und hat weder an Brisanz noch an Notwendigkeit verloren.

Und das betont der Gründer und Vorsitzende Martin Lücker unermüdlich – gerade wenn er auf die zahlreichen neuen Angebote des Hilfsvereins angesprochen wird. Denn im Laufe der Jahre hat sich das Hilfespektrum erheblich ausgeweitet. Wer unverschuldet in Not geraten ist, findet bei den Engeln genauso offene Ohren wie Menschen – vor allem Kinder und Jugendliche – aus schwierigen sozialen Verhältnissen.

So hat sich ein Netzwerk gebildet, das seit kurzem über eine neue sportliche, soziale und gleichzeitig gesellschaftspolitische Komponente verfügt. „Sport ist für uns ein entscheidender Ansatzpunkt, um an schwierige Charaktere heranzukommen“, sagt Martin Lücker. Er verweist begeistert auf den neusten Schlüssel zu Herz und Verstand dieser Personengruppe: das Sport- und Begegnungszentrum der Engel an der Kleinkölnstraße. „Aachener Engel aktiv“ lautet der Name des Angebotes.

Einst Sitz des Schöffenbürgermeisters, Ende des 18. Jahrhunderts in Beschlag durch den französischen Präfekten, zuletzt nach dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg Adresse eines Aachener Möbelhauses, bietet das zweiflügelige Haus jetzt in zwei Trakten Platz für das besondere Sportangebot der Aachener Engel. Eine unmissverständliche Aussage gibt die Richtung vor: „Ein ausgeglichener Körper hat die Kraft, auch im Kopf Berge zu versetzen und sich einer friedlichen Auseinandersetzung zu stellen.“ Genau darauf kommt es den Engeln an, oder wie Lücker es formuliert: „Die Begriffe Anerkennung, Zugehörigkeit, Respekt und Verständnis bekommen viele junge Menschen in ihren Familien nicht mehr vermittelt. Hier setzen wir mit unserem Angebot an.“

Der Weg dorthin ist nicht zwangsläufig jedermanns Sache – aber eben ein Angebot. In erster Linie trainieren die Besucher des Engel-Zentrums Kampfsport – Boxen, Ringen, Selbstverteidigung, Selbstbehauptung, WingTzun und andere Sportarten wie Zumba und Cross-Training. Die aggressionshemmende Wirkung des Kampfsportes ist dabei längst nicht mehr in Frage gestellt. Das Training wird von qualifizierten Übungsleitern angeboten, hat aber eine ganz besondere soziale Komponente. Viele Teilnehmer des Trainings sind gut situiert, haben teils hoch qualifizierte Berufe und gehen vor allem mit einer sozialen Intention ins Zentrum an der Kleinköln-straße: junge Menschen mit Problemen zu integrieren.

Unaufgeregte Vorbilder

Das geschieht auf unaufgeregte Art und Weise. Zum einen, indem die Leistungsträger als sportliche Vorbilder fungieren, zum zweiten, indem sie genau die genannten Werte Respekt, Verständnis und Rücksicht praktizieren. „Das ist schon ein bemerkenswertes Bild, wenn ein 120-Kilo-Koloss mit einem Burschen trainiert, der gerade mal die Hälfte wiegt. Aber das sind Schlüsselsituationen: Stärke wird nicht ausgenutzt – der Große hilft dem Kleinen.“ Manch einer leistet Sozialstunden und erlebt gelebte Integration. Genau dieser Begriff erfährt eine ganz spezielle Interpretation im Zentrum an der Kleinkölnstraße. Quer durch die Räume ziehen sich an den Wänden schwarz-rot-goldene Farbbänder.

Die deutschen Nationalfarben sind kein Zufall: „Die Besucher sollen sehen, dass sie hier in Deutschland sind und deutsche Regeln gelten.“ Jedem Verdacht eines übertriebenen Nationalismus kommt Lücker zuvor: „Deutsch bedeutet Grundgesetz, Toleranz, Demokratie. Hier ist jeder gleich.“ Man könne nur das lieben, womit man sich auch identifiziere. Was mitnichten bedeute, dass jemand seine Wurzeln negieren müsse: „Bei uns haben die Christen vorgeschlagen, die Trainingszeiten so zu verschieben, dass die Muslime nach dem Fastenbrechen mitmachen können. Und die Moslems wollten mit in die Messe, um diese Glaubensform kennenzulernen.“ Respekt vor Religionen und Kulturen wird groß geschrieben.

Netzwerk der Engel greift

Auch dieser Ansatz entspricht dem Netzwerkcharakter des Engel-Angebotes. Sind junge Menschen mit Problemen erst einmal beim Sport angekommen, können sie dort auch sanft für das Nachhilfeangebot der Engel gewonnen werden. „Der Erfolg gibt uns Recht“, freut sich der Engel-Vorsitzende und formuliert als Ziel: „Wo bei unserer Zielgruppe noch ein Flämmchen für die Gemeinschaftswerte lodert, wollen wir wieder ein Feuer entfachen.“

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