„Die Katze auf dem heißen Blechdach”: Bittere Familien-Analyse

Von: Sabine Rother
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Spannungsgeladen: Szene aus de
Spannungsgeladen: Szene aus der Aachener Inszenierung von Tennessee Williams Stück „Die Katze auf dem heißen Blechdach” mit (im Vordergrund) Nadine Kiesewalter und Benedikt Voellmy. Im Hintergrund Emilia Rosa de Fries mit Kinderstatisterie. Foto: Carl Brunn

Aachen. Das Atmen fällt schwer. Über allem liegt die schwüle Hitze eines heranziehenden Gewitters, die sich mit dem kaum zu ertragenden, bleiernen Druck einer familiären Situation verbindet.

Deren Eskalation ist nicht mehr aufzuhalten, doch verglichen mit einem Naturereignis wird sie keine reinigende Wirkung haben, das steht von Anfang an fest: In Tennessee Williams Stück „Die Katze auf dem heißen Blechdach”, uraufgeführt 1955, sind biografische Themen wie das Alkoholproblem oder die gewalttätige Dominanz eines Vaters sowie das Ringen um ein gesellschaftlich geächtetes Anderssein - sprich Homosexualität - mit schmerzlicher Präzision analysiert.

Musik sorgt für Erinnerungen

Chefregisseur Ludger Engels folgt in seiner Inszenierung für das Große Haus des Aachener Theaters der vielschichtigen Familienaufstellung in Form einer radikalen Sektion.

Schnitt für Schnitt legt er Lügen, unterdrückte Gefühle, psychische und physische Gewalt offen. Ric Schachtebeck schuf ein realistisch-surreales Bühnenbild, in dem sich die Handlung abspielt. Malcolm Kemp sorgt mit seinem Sound Design für die Dimension der Erinnerungen.

Da vermitteln ein paar auf dem alten Klavier angeschlagene Akkorde kindliche Sehnsucht, schlägt eine Uhr, gibt es den alten Plattenspieler.

Big Daddy hat 65. Geburtstag. Die Familie trifft sich - einerseits um ihn zu feiern, andererseits um sich Ansprüche auf ein großes Vermögen zu sichern, denn Big Daddy ist krank. Zunächst lässt man ihn glauben, alles sei harmlos - empfindlicher Darm, ja, Krebs, nein. Wie man schnell begreift, ist das Schwindel. Als es herauskommt, sind alle längst enttarnt.

In einem Schaukasten spielt sich im Hintergrund permanent die vermeintlich heile Welt von Sohn Gooper mit Ehefrau Mae und Kindern ab. Tänzchen und Gesänge werden geübt, das Interieur wirkt muffig. Auf der Bühnenschräge stehen Doppelbett und Koffer.

Hier ist das Zimmer von Brick, dem jüngeren Sohn, und seiner Frau Margaret. Die beiden sind kinderlos. Brick, der sich einen Fuß gebrochen hat, braucht Krücken - tatsächliche und die Batterie aus Whiskyflaschen. Eine Duschkabine erlaubt räumliche Varianten, im Vordergrund stehen ausladende Sitzmöbel.

Nach und nach prallen die Menschen und ihre Schicksale aufeinander. Ludger Engels steigert durch zunehmendes Tempo und eine geschickte Engführung der Charaktere die Dramatik bis alles außer Kontrolle gerät.

Schade nur, dass man häufig den gesprochenen Text nicht so gut versteht. Das fällt besonders beim langen Einstiegsdialog zwischen Margaret (Nadine Kiesewalter) und Brick (Benedikt Voellmy) auf. Zierlich, stets in Bewegung, verzweifelt bemüht, ihren Mann zu erreichen und neu zu binden, der ihr längst entglitten ist, krallt sie sich wie „die Katze auf dem heißen Blechdach” trotz aller Widerstände fest.

Brick hat aufgegeben und flieht in den Alkoholismus. Benedikt Voellmy gibt ihm den jungenhaften, labilen Charakter eines Mannes, der als Lieblingssohn seine Neigungen leben konnte, es aber nie gelernt hat, sich Konflikten zu stellen.

Das Familiendrama nimmt Fahrt auf. Big Daddy, Big Mama kommen hinzu. Elisabeth Ebeling ist laut, direkt, eine reifere Frau, die gern alle bevormundet und die Illusion einer glücklichen Ehe 30 lang bewahrt hat. Rainer Krause als Big Daddy - großspurig, verletzend, einer, der stolz auf rohe Redensarten ist, und in der vermeintlich hoffnungsvollen Diagnose sofort neue Lebensgier (Frauen, Sex, Luxus) entwickelt.

Seiner Frau bellt er den Ekel ins Gesicht. Und sie? Wie in all den Jahrzehnten duckt sie sich unter den unflätigen Worten weg mit einem „Ach, das meinst du doch gar nicht so”. Was man zuvor im Schaukasten betrachten konnte, wird zur lästig-lauten Realität. Mae, von Emilia Rosa de Fries als eifrige quäkende Super-Mamma gespielt, leitet den Nachwuchs zu Tanz und Gesang an, niedlich und stimmig von den Kinderstatisten umgesetzt, die ab und zu auch nerven dürfen.

Die Idylle ist hier gleichfalls Fassade. Trotz des Kinderreichtums unbefriedigt, zupft und fingert Mae beständig an sich herum, hat Hitzewallungen, greift sich unter das hässliche Hängerchen (sehr treffende Kostüme: Moritz Junge), um die Bluse zu richten. Und auch Gooper mit Anzug und Texaner-Hut scheint nicht gerade ausgeglichen - eine Onanierszene mit anschließendem Händereinigen am großen Teddy ist allerdings völlig überflüssig.

Philipp Emmanuel Rothkopf spielt ihn als stets bemühten, unglücklichen Menschen, der trotz seines Wohlverhaltens als Sohn nie die Liebe der Eltern erringen konnte.

Schließlich der finale Ausbruch. Die Torte fliegt an die Wand, Glas zersplittert, Menschen stürzen zu Boden, erstarren und gleiten in emotionale Abgründe.

Big Daddy ist nicht mehr dabei. Man entdeckt ihn im Schaukasten (ohne Hosen) einträchtig mit den Kleinen die Glaswand bemalend. Die „Hosen” hat nun Big Mama an. Eine spannungsgeladene Inszenierung, die schonungslos aufzeigt, was Williams ausdrücken wollte.

Die Frage: „Warum tun sich Menschen das an?” Und die Erkenntnis: „Es bleibt alles, wie es ist . . .”. Begeisterter Applaus für enorme Leistungen hinter und auf der Bühne.

Viele Aufführungen und weitere Akteure

„Die Katze auf dem heißen Blechdach”, Stück von Tennessee Williams, Theater Aachen, Großes Haus. Weitere Aufführungen: 17., 25. März, 4., 8. April, 12., 19., 24., 25. Mai, 8., 22. Juni, 10. Juli.

In weiteren Rollen: Jürgen Esbach spielt den hilflosen Reverend Tooker, Danijel Pavisa den bekümmerten Doktor Baugh.

Kinderstatisten: Bastian vom Dorp, Emanuel, Johanna, Simon, Tabea Förster-Heyne, Henning Glock, Robin Kall, Federico Pastor-Itt, Kathrin Schiffgens, Diane Zenner.

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