Aachen - Die Helden der Kreisliga stehen oft abseits

Die Helden der Kreisliga stehen oft abseits

Von: Christoph Classen
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Szenen eines Spitzenspiels: F
Szenen eines Spitzenspiels in der Kreisliga C. Foto: Christoph Classen

Aachen. Bevor Hans-Dieter Dahmen die Tür hinter sich zugezogen hat und die paar Meter durch den Wald zum Sportplatz gegangen ist, hat seine Frau ihn noch gefragt, ob es in seinem Leben eigentlich auch noch etwas anderes gebe als Fußball.

Dahmen hat dann kurz überlegt, wie seine Frau das gesagt hat, und weil er zu dem Ergebnis kam, dass sie nicht auf eine Grundsatzdiskussion aus war, hat er einfach „Ne” gesagt. Dann ist er gegangen.

Jetzt sitzt Dahmen in einem weißen Plastikstuhl. Wer sehen will, wie Germania Freund gegen TuS Lammersdorf spielt, muss an ihm vorbei. Die Begegnung an diesem Sonntagnachmittag ist das Spitzenspiel in der Kreisliga C, Gruppe 7. Freund ist Erster, Lammersdorf Zweiter, aber die Eifeler haben noch zwei Nachholspiele. Die beiden Mannschaften werden den Aufstieg wohl unter sich ausmachen, so dass eine von ihnen in der kommenden Saison nicht mehr in der niedrigsten Liga spielt, die der Amateurfußball im Fußballkreis Aachen zu bieten hat.

Der Vorsitzende

Der Eintritt kostet für Erwachsene zwei Euro, für Frauen und Germania-Mitglieder einen Euro. An der Kasse sitzt Dahmen, er sagt Sätze wie „Na Willi, wie is et, Jung?”, und dass er jetzt der „Platzkassierer” ist, sei „der Situation geschuldet”, normalerweise machten das ja die Ältesten im Verein, im Amateurfußball ist das so etwas wie ein Gesetz. Dahmen, 54, ist seit dem vergangenen Jahr 1. Vorsitzender von Germania Freund, der Nachfolger von Hans-Walter Close. Aber wenn es sein muss, macht Dahmen auch den Platzkassierer, er ist ja sowieso da, oft vor denen, die älter sind als er. Dahmen trainiert eine C-Jugend-Mannschaft, und er spielt in der Altherren-Mannschaft. Am Vormittag stand er noch selbst auf dem Platz. „Und Samstag war ich auf Raspo”, so sagt Dahmen das. Sein Sohn, der jüngere, spielt für Raspo Brand, aber bald wechselt er zurück zu Freund. Der ältere Sohn ist mittlerweile Schiedsrichter.

Dahmen braucht seine Wochenenden nicht zu planen, sie werden vom Spielplan vorgegeben. Warum er das macht? „Das frage ich mich auch desöfteren”, sagt Dahmen, und als er lacht, klingt es ein bisschen heiser. Angefangen hatte alles damit, dass seine Söhne Fußball spielen wollten. So kam Dahmen zur Germania. Und er blieb. Dahmen sagt, er mache das alles, weil es ihm um die Jugend geht, und das Umfeld, in dem er lebt.

Man kann von Fußball halten was man will, aber so eine Sportanlage ist einer der wenigen Orte, über die man tatsächlich sagen kann, dass er die Menschen zusammenführt. Die, die so eben noch laufen können, und die, die es gerade erst gelernt haben. Es geht um Dinge wie Identität, Zusammenhalt, Gemeinschaft. In der Kreisliga vielleicht noch ein bisschen mehr als in der durchkommerzialisierten Bundesliga.

Der Grillmeister

Menschen wie Hans-Dieter Dahmen sind die Eckpfeiler dieses sozialen Gefüges. Für Hermann-Josef Laven gilt das auch. Laven steht hinter einem Grill, dort findet man ihn bei fast jedem Heimspiel der Freunder. Normalerweise, sagt er, gebe es bei ihm ja nur Bratwurst, aber weil die Begegnung mit Lammersdorf ein Spitzenspiel ist, hat er neben die Würste Schnitzel, Koteletts und Cevapcici gelegt. Und Pute. „Für unsere türkischen Freunde”, sagt Laven, und natürlich auch für alle anderen, die kein Schwein essen. Laven ist ein Mann der mit zwei Stimmen spricht, neben dem Fleisch verteilt er laut deftige Kommentare und droht mit der Grillzange. Aber wenn er etwas ernst meint, dann spricht er leise, und man muss genau hinhören, um ihn zu verstehen.

Bei der Germania ist Laven seit zwölf Jahren Mitglied, und wenn er nicht grillt, spielt er bei den Alten Herren, selten noch in der dritten Mannschaft. „Das muss nicht mehr sein. Ich geh auf die 60 zu”, sagt er. Manchmal läuft er auch als Schiedsrichter auf. Nach Freund ist Laven gekommen, als der Verein, in dem er vorher spielte, die Reserve-Abteilung zugemacht hat. Wenn er das erzählt, klingt es immer noch ein bisschen wütend, zwölf Jahre hin oder her.

Früher, sagt Laven, der eigentlich Metzger ist, hätten die Leute bei Heimspielen immer Pizza bestellt. „Da habe ich gedacht: Das geht auch billiger”, sagt Laven, seitdem steht er am Grill.

Die Lammersdorfer

An diesem Tag gibt es dort eine Menge zu tun, etwa 300 Menschen sind gekommen um Fußball zu schauen und Gegrilltes zu essen, auch die Lammersdorfer sind hungrig. Etwa 70 Fans sind aus der Eifel angereist, sie haben dafür extra einen riesigen Bus gemietet. Die Lammersdorfer hören sich an, als seien sie noch viel mehr, weil sie eine Trommel mitgebracht haben und den Vorsatz, jedem zu beweisen, dass sie eine Trommel mitgebracht haben. Nach dem Spiel sieht das Fell der Trommel ziemlich mitgenommen aus, weil Swen Ewald es unablässig mit einem Gummihammer bearbeitet hat. Ewald würde gern in der ersten Mannschaft der Lammersdorfer spielen, im Moment gehört er zur zweiten, aber auch dort spielt er nicht, Fußverletzung. Sein Bruder Stephan steht heute auf dem Platz, aber nicht nur deshalb ist Ewald gekommen. „Wir wollen einfach, dass die Erste aufsteigt”, sagt Swen Ewald, dafür gibt er alles, notgedrungen eben an der Trommel.

Die Bude

Es hilft nicht viel, Freund führt mittlerweile mit 3:0, und auch wenn Walter Miß den Treffer nicht sehen konnte, weil er gerade Bierkästen aus dem Kühlwagen geholt hat, freut er sich jetzt.

Miß steht in einem dieser holzverkleideten, quadratischen Häuschen, die, wenn sie neben einem Fußballplatz stehen, immer Bude heißen. Das ist etwas ungewöhnlich, weil dort eigentlich nur die Mütter oder Partnerinnen der Spieler arbeiten, auch so ein Gesetz.

In der Bude wird Kaffee und vor allem Bier verkauft. Miß, 55, ist fast jedes Wochenende da, seine Frau Margret auch. Die beiden sind seit 20 Jahren Mitglied bei Germania obwohl sie nie Fußball gespielt haben, aber da waren ja die Kinder.

1983 sind die Miß aus der Aachener Innenstadt nach Freund gezogen, wie man es so macht, wenn man ein Kind erwartet. Die beiden Söhne wurden Mitglied der Germania. Vor sechs Jahren hörte auch der jüngere auf zu spielen, aber die Eltern sind noch immer da. Walter Miß ist mittlerweile Kassierer des Vereins, Margret Miß ist seine Stellvertreterin, und bei Heimspielen stehen sie in der Bude. „Es geht um das Umfeld, die Leute, die man kennt”, sagt Walter Miß.

Und um Fußball. 4:1 gewinnt Freund gegen Lammersdorf, ein schönes Spiel. Hermann-Josef Laven steht immer noch am Grill und sieht zufrieden aus. Er sagt: „Vom Spiel hab ich nicht viel gesehen, aber die Würstchen sind alle weg.”
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