Aachen - Die große Offenheit darf als Vertrauensvorschuss gewertet werden

Die große Offenheit darf als Vertrauensvorschuss gewertet werden

Von: xen
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Seit 1995 Heimat der Jüdischen Gemeinde: die Aachener Synagoge am Synagogenplatz. Foto: Andreas Steindl

Aachen. 1995 wurde die Aachener Synagoge nach Plänen des Architekten Alfred Jacoby an historischer Stelle am Synagogenplatz eingeweiht. Mitten in der Stadt in einer belebten, vielleicht auch nicht immer ganz konfliktfreien Lage zwischen Kugelbrunnen und Rehmplatz.

Die Nachbarn sind Kneipenbetreiber und ihre Gäste, orientalische Gemüsehändler und Rotlichtbetriebe. Die Drogenszene am Kaiserplatz ist nicht weit, ebenso die Adalbertstraße, Aachens erste Einkaufsmeile.

Mitten im Leben, könnte man sagen. Und dennoch ist das, was man von der jüdischen Gemeinde von außen wahrnimmt, eher, dass sie kaum wahrnehmbar ist. Andersherum bleibt das Leben draußen ebenso außen vor, wenn man erst die Sicherheitsschleuse samt Taschenkontrolle hinter sich gebracht hat.

Eine Erfahrung, die auch Studierende – angehende Religionslehrer und Kommilitonen, die im neu gegründeten Studiengang „Gesellschaftslehre“ am Institut für katholische Theologie der RWTH Aachen studieren – machten. Sie begaben sich im vergangenen Semester auf Spurensuche der „Geschichte der Aachener Synagogengemeinde“ als Folge des Seminars „Erscheinungsformen des Antisemitismus“.

Keine Reduzierung

„Die Studierenden hatten das Bedürfnis, die ‚Mutterreligion‘ des Christentums nicht allein auf den Antisemitismus zu reduzieren“, erklärte Dozent Dr. Christian Bremen. Doch sie mussten feststellen, dass „die Zeit nach 1945 kaum mit unseren zur Verfügung stehenden Mitteln zu recherchieren“ war, wie Bremen aus der Seminarpraxis zu berichten wusste. „Die Zeit des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ist dank des ehemaligen Leiters des Aachener Stadtarchivs, Dr. Herbert Lepper, gut aufgearbeitet. Auch der Verein ‚Gedenkbuchprojekt für die Opfer der Shoa aus Aachen‘ hat gute Arbeit geleistet. Nach 1945 ist es schwierig.“

Also entschieden sich die Seminarteilnehmer, die jüdische Gemeinde selbst zu fragen. Durch die Vermittlung des OB-Referenten Alexander Lohe kam der Kontakt zu Stande: Der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde, Friedrich Thul, besuchte die Studierenden in ihrem Seminarraum und stand Rede und Antwort über die Vergangenheit, auch die Gegenwart und über den Stand der Integration der 1500 Gemeindemitglieder, die in großer Mehrheit in den 1990er Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion emigrierten.

Ein Gegenbesuch mit Begleitung durch die Aachener Zeitung in der Synagoge war ebenfalls möglich, samt Führung durch den Rabbiner Mordechai Bohrer und einem interreligiösen Dialog mit Religionspädagoge Shimon Ohr. „Fragen Sie alles, was Sie fragen wollen“ ermunterte Bohrer seine Besucher – eine Offenheit, die nicht immer so war und als Vertrauensvorschuss gewertet werden kann. Erlebten die Studierenden hier also eine sonst eher nicht so stark wahrnehmbare Öffnung der Gemeinde?

Möglicherweise. „Es gibt viele Ansätze für eine künftige Zusammenarbeit“, zog Bremen ein positives Fazit. Da ist zum einen die positive Reaktion innerhalb der jüdischen Gemeinde auf den Vorschlag einer Studierenden, die in ihrer katholischen Heimatgemeinde in der Messdienerausbildung tätig ist, jüdische und katholische Jugendliche zusammenzubringen.

Auch Ohr kann sich vorstellen, an der Theologischen Fakultät ein Seminar zu leiten. Schon jetzt unterrichtet er Schüler unterschiedlicher Konfession im jüdischen Religionsunterricht am St.-Leonhard-Gymnasium.

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