Die Feuerwehr sucht dringend neue Leute

Von: Stephan Mohne
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Großeinsatz auch in Sachen Personal: Die Aachener Feuerwehr sucht händeringend neue Leute – für den Einsatzdienst 25 bis 50, für das Klinikum 23 und für die Leitstelle nochmals ein halbes Dutzend. Foto: Roeger
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wachemja3 29.06.2016 Feuerwache Stolberger Straße Umbau

Aachen. Stell‘ Dir vor, es brennt und die Feuerwehr hat nicht genügend Leute, um die Flammen zu löschen. Das ist zum Glück ein Horrorszenario, dass in Aachen so schnell nicht zur Realität wird. Und dennoch: Die Feuerwehr braucht dringend neue Fachkräfte.

Das gilt einerseits für die Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr, bei denen die Nachwuchsfindung in den vergangenen Jahren aufgrund eines völlig veränderten Freizeitverhaltens junger Leute und eines nicht immer toleranten Umgangs von Arbeitgebern mit diesem lebenswichtigen Ehrenamt nicht gerade einfacher geworden ist.

Das gilt aber auch für die Berufsfeuerwehr. Das hängt vor allem mit EU-Richtlinien zur Arbeitszeit der Feuerwehrleute zusammen, die stark gesenkt worden ist. Aber auch mit Großprojekten wie dem RWTH-Campus und gestiegenem Personalbedarf bei Großveranstaltungen.

Wie viel Personal auf den Mann (oder die Frau) genau deswegen aktuell mehr benötigt wird, kann Feuerwehr-Chef Jürgen Wolff nicht beziffern. „Das ändert sich anhand der Einsatzzahlen permanent“, berichtete er dem für die Feuerwehr zuständigen Umweltausschuss. Aber es sind auf jeden Fall zwischen 25 und 50 Vollzeitstellen. 2015 und 2016 sind bereits 39 zusätzliche Kräfte eingestellt worden.

400.000 Notrufe

Dass mehr Personal benötigt wird, liegt aber auch an den nackten Zahlen, die stetig steigen. 400.000 Notrufe gehen pro Jahr in der Leitstelle an der Stolberger Straße ein. 100.000 Einsätze werden dann tatsächlich gefahren. Beispielsweise jene Leitstelle, die seit einigen Jahren als städteregionale Aufgabe unter Aachener Federführung fungiert und mit einem Aufwand von sechs Millionen Euro neu gebaut wurde, ist laut Wolff auf dem Personalbestand von 2006.

Das führe zu einem Wust von Überstunden. „Das Leitstellenpersonal wird extrem hoch belastet“, heißt es in einer Vorlage für den Ausschuss. Deswegen soll „zeitnah“ Abhilfe geschaffen werden. 6,5 Stellen seien dafür nötig, was einen Mehraufwand von rund einer halben Million Euro ausmacht.

Unterbesetzung

Noch deutlich tiefer wird das Land ins Portemonnaie greifen (müssen). Denn es hat jüngst ein Gutachten zur Werksfeuerwehr am Klinikum gegeben. Auch dort ist die Unterbesetzung krass. Die Aufgabe hat Ende der 1990er Jahre nach den beiden großen Bränden im Klinikum die Aachener Feuerwehr als Auftragnehmer fürs Land übernommen. Doch es fehlen den jetzigen Erkenntnissen zufolge 23 Feuerwehrleute zur Erledigung dieser Aufgabe – derzeit sind es 36, 59 müssten es sein.

Was auch damit zu tun hat, dass erstens das Klinikum längst nicht mehr nur aus dem reinen Klinikumsgebäude, sondern aus vielen Nebengebäuden besteht und dass zweitens das Klinikum in den kommenden Jahren mit Investitionen um die 400 Millionen Euro kräftig erweitert werden soll. Auf dem Tisch liegt dementsprechend eine „Anordnung“ der Bezirksregierung, dass aufzustocken ist. Zudem soll anders als bisher an den Unikliniken auch jeweils ein Löschfahrzeug platziert werden, was bislang nicht der Fall ist. Mehrkosten alleine fürs Personal: rund 1,7 Millionen Euro pro Jahr, die das Land dann an die Stadt zu überweisen hat.

„Personal-Piraterie“

Nur: Man muss erstmal genügend Interessenten für den zwar spannenden, aber auch gefährlichen und nicht gerade spitzenmäßig bezahlten Job finden. Wolff sagt, dass in ganz NRW zwischen 3500 und 5000 Feuerwehrleute gesucht werden. Und er berichtet von eigentlich untragbaren Zuständen. Der Feuerwehrchef benutzt das Wort „Piraterie“ in Bezug aufs Personal.

So lockt manche Wehr mit schneller Beförderung – und damit mehr Geld. Aachen hat da noch Glück. Im Umkreis von 40 Kilometern gebe es keine andere große Berufsfeuerwehr, so dass die Fluktuation nicht ganz so hoch sei wie etwa in eng beieinander liegenden Ruhrgebietsstädten. Trotzdem bleibt es schwer, den Nachwuchs an Land zu ziehen.

Klar, die Aachener Feuerwehr forciert die Ausbildung. Aber auf der anderen Seite gibt es auch die demografische Entwicklung. Viele Feuerwehrleute, für die mit 60 Jahren aufgrund der Anforderungen Schluss ist, gehen in Pension. Mit der verstärkten Ausbildung könne man zumindest diese Lücke schließen. Aber eben nicht den Gesamtbedarf decken.

Die Akquise neuer Leute hat indes auch etwas damit zu tun, wie eine Feuerwehr infrastrukturell aufgestellt ist. Da geht es auch um die Gebäude, in denen die Feuerwehrleute – ob freiwillig oder beruflich – Dienst tun. Rund 20 dieser Gebäude gibt es in Aachen. Die Hauptfeuerwache an der Stolberger Straße wird gerade mit einem Aufwand von weit mehr als zehn Millionen Euro saniert.

Im Frühjahr 2017 soll die mehr als 300 Personen starke Mannschaft wieder von ihrem Übergangsdomizil auf der Hüls umziehen. Auf der Agenda stehen auch diverse Erneuerungen von Gerätehäusern, so etwa in Sief und Walheim. Zudem in Richterich, wo die Zustände laut Wolff ebenfalls „untragbar“ seien. Als Vision warf der Feuerwehrchef im Ausschuss weitere Gedanken in den Raum.

So gibt es im Stadtzentrum überhaupt keine Wache. Die sind alle drumherum platziert. So ist es kurios, dass es einen Löschzug Mitte der Freiwilligen Feuerwehr gibt, der aber keineswegs dort beheimatet ist, wo er dem Namen nach hingehört, sondern an der Charlottenburger Allee einige Kilometer entfernt. Das könnte sich mit einer Innenstadtwache ändern – wenn dereinst für so etwas das Geld da sein sollte. Das alles soll Teil des neuen und zukunftsgewandten Feuerwehrbedarfsplans werden, der bald zu diskutieren sein wird.

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