Aachen - Die doppelte „Sitzende“ lässt Burtscheid hoffen

Die doppelte „Sitzende“ lässt Burtscheid hoffen

Von: Stefan Herrmann
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Hoffen, dass genug Spenden zusammenkommen, damit die Zwillingsschwester der „Sitzenden“ bald im Burtscheider Kurgarten steht: (v.l.) Uwe Reuters, Leonie Stettner und OB Marcel Philipp. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Als Leonie Stettner am Morgen des 8. Dezember aus ihrer Wohnungstür trat und die Dammstraße entlanglief, traute sie ihren Augen nicht. Die Bronzeskulptur „Die Sitzende“, die seit Jahrzehnten den Burtscheider Kurgarten schmückte, war verschwunden.

Nur der verwaiste Blausteinsockel ragte noch aus dem Boden. „Tag ein, Tag aus habe ich einen Blick auf sie geworfen, wenn ich morgens zur Arbeit aufgebrochen bin“, erinnert sich Stettner. Nun war „Die Sitzende“ plötzlich nicht mehr da.

Stettner sprach einen Mitarbeiter des Stadtbetriebs an, der zufällig an jenem Dezembermorgen in der Nähe seine Arbeit verrichtete, und fragte ihn, ob das Kunstwerk möglicherweise zur Reinigung abgebaut worden sei. Doch das war nicht der Fall. Da nahm das mulmige Gefühl bei Leonie Stettner zu – und sie wurde aktiv. Gut zwei Wochen später wächst in Burtscheid nun die Hoffnung, dass „Die Sitzende“ vielleicht doch wieder an ihren angestammten Platz zurückkehrt. Zumindest fast. Denn was bisher in Aachen niemand wusste: Die Skulptur besitzt eine Zwillingsschwester.

Diese steht in einem Garten in Bergisch-Gladbach. Genauer gesagt: auf dem Grundstück der Künstlerin Heide Dobberkau, die die Plastik 1962 nach Aachen gebracht hatte. Dass die Info von der Zwillingsschwester überhaupt bekannt wurde, ist vor allem dem Engagement von Leonie Stettner und Uwe Reuters zu verdanken. Beide sind mit rund 300 anderen Mitglied in der äußerst aktiven Facebookgruppe „Burtscheider Heimatfreunde“. Dort löste das Verschwinden der „Sitzenden“ erst einmal Entsetzen aus.

Doch nach dem ersten Schrecken begannen Stettner und Co., sich auf Spurensuche zur „Sitzenden“ zu begeben. Sie machten die mittlerweile 86 Jahre alte Künstlerin Dobberkau in Bergisch-Gladbach aus und teilten ihr mit, dass ihre Aachener Skulptur geklaut worden sei. „Frau Dobberkau zeigte sich davon sehr betroffen“, sagte Uwe Reuters am Mittwoch. Doch das war nicht alles. Denn sie konnte eine Geschichte erzählen, mit der die Burtscheider niemals gerechnet hätten und die viele Jahrzehnte zurückreicht.

Als die damals junge Frau ihre ersten Schritte in der Kunstwelt tat, erhielt Heide Dobberkau Unterstützung von vermögenden Nachbarn. Diese stellten ihr nämlich 1959 Geld zur Verfügung, damit sie ihre erste große Plastik gießen konnte: „Die Sitzende“. Dobberkau überließ diese zunächst ihren Nachbarn – sie hatten schließlich das teure Material gekauft –, die die Bronzeplastik in ihrem Garten aufstellten.

Als 1962 eine Kunstausstellung in Aachen stattfand, wanderte die Original-Sitzende dann in den Westzipfel. Und da sie wunderbar ins Stadtbild passte und vielen Öchern so gut gefiel, blieb sie schließlich dank der finanziellen Unterstützung der Aachener Bank in Burtscheid.

Dobberkaus Nachbarn bedauerten den „Verlust“. Und da es die Gussform noch gab, fertigte die Künstlerin 1962 kurzerhand eine Zwillingsschwester der „Sitzenden“ an, die zunächst wiederum bei ihren Nachbarn stand. Nach deren Tod erwarb Dobberkau ihre liebgewonnene Plastik aus der Erbmasse und platzierte sie wiederum in ihrem eigenen Garten – wo sie bis heute hin steht. Nach kurzer Überlegungszeit hat sich Dobberkau nun bereiterklärt, die „Sitzende“ an die Heimatfreunde zu verkaufen.

Dafür möchte die Initiative jetzt Spenden sammeln  – und erhält bereits Unterstützung von der Stadt. Oberbürgermeister Marcel Philipp persönlich – selbst gebürtiger Burtscheider – rührte am Mittwoch die Werbetrommel, damit die Zwillingsschwester den verwaisten Platz im Kurpark einnimmt.

Denn Hoffnungen, dass das Original, welches wohl in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember geklaut worden ist, noch einmal auftaucht, bestehen nicht mehr. Dreiste Metalldiebe haben den Schrottwert der etwa 100 Kilogramm schweren Bronzefigur – der bei gerade einmal rund 300 Euro liegen dürfte – vermutlich längst eingelöst.

Die Ermittlungen der Polizei, die nach dem Verschwinden der „Sitzenden“ sofort eingeschalten worden war, laufen zwar noch, treten generell jedoch auf der Stelle. Erst vor wenigen Wochen hatten unbekannte Täter auch schon versucht, die Marktfrau-Figur am Lousberger Teufelsdenkmal abzutransportieren. Dass kriminelle Energie selbst vor beliebten Denkmälern keinen Halt macht, darüber herrscht überall in der Stadt nur Kopfschütteln.

Die frohe Botschaft kurz vor Weihnachten, dass in Burtscheid womöglich bald doch wieder eine „Sitzende“ Platz nehmen kann, stimmt die rührigen Initiatoren derweil optimistisch. Nun hoffen sie vor allem auf die Unterstützung der Bürger. Vergangenes Wochenende sind Stettner und Reuters nach Bergisch-Gladbach gefahren und haben die Künstlerin (und die bronzene Zwillingsschwester) besucht. „Es ist so ein Zufall, dass es genau diese Skulptur noch einmal gibt. Und ein Glück, dass sich die Künstlerin bereiterklärt hat, dass wir sie in Aachen aufstellen können – dann natürlich diebstahlsicher“, meinte Reuters am Mittwoch.

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