Aachen - Die bestbewachte Gulaschsuppe der Stadt beim Ministertreffen

Die bestbewachte Gulaschsuppe der Stadt beim Ministertreffen

Von: Oliver Schmetz und Stefan Herrmann
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Inszenierung ist alles: Gemessen am Brimborium, das um das Ministertreffen gemacht wurde, könnte man zu der Meinung gelangen, dass die „Aachener Erklärung“ später einmal von Historikern irgendwo zwischen dem Westfälischen Frieden und den Maastrichter Verträgen eingeordnet wird. Mindestens. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Einer kommt aus Brüssel, einer aus Den Haag, die anderen aus Berlin, Düsseldorf, Hannover und Mainz – und zusammen wollen sie einen ziemlich großen Coup landen. Es geht um reisende Banden an diesem Morgen im Rathaus der grenznahen Europastadt Aachen, in der man so manches Lied singen kann von Einbrechern und Autodieben.

Aber heute bleiben die Täter rund um den Markt, wo so einige Geschäftsleute zuletzt ungebetenen nächtlichen Besuch bekamen, außen vor.

Sind ja auch ziemlich viele Polizisten unterwegs. Schließlich treffen sich deren höchste Chefs gerade in Aachen. Angereist sind der Bundesinnenminister, seine Länderkollegen aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachen, der niederländische Innenminister und in Vertretung des Innenministers der belgische Finanzminister.

Der Coup, den sie planen: Sie wollen verkünden, wie sie die grenzüberschreitende Eigentumskriminalität bekämpfen wollen. Also besser bekämpfen als bisher. Und vor allem gemeinsam. Und weil auch Politiker wissen, wie wichtig Titel sind, bekommt das Projekt einen gewichtigen Namen. Nicht weniger als die „Aachener Erklärung“ wird an diesem Morgen unterzeichnet.

Zeit für Smalltalk

Diejenigen, die die Botschaft transportieren sollen, werden derweil gründlich durchleuchtet. Gegenüber dem Rathaus, im Haus Löwenstein, ist ein Pressezentrum eingerichtet. Hinein kommt man nur, wenn man einen Sicherheitscheck wie am Flughafen durchläuft. Drinnen gibt es dafür Kaffee, Brötchen und die vermutlich bestbewachte Gulaschsuppe der Stadt. Der Sinn der Kontrollen erschließt sich nicht ganz. Denn die Musik spielt draußen, wo die Limousinen der Minister vor der Rathaustreppe anrollen. Und dort stehen zwar Polizisten, aber keine Absperrungen.

Wer den Smalltalk zwischen NRW-Innenminister Ralf Jäger und Bundesinnenminister Thomas de Maizière beim Händeschütteln hören möchte – kein Sicherheitscheck. Wer zur Gulaschsuppe will – Sicherheitscheck. Später erhält das Ganze doch noch ein wenig mehr Sinn. Denn wer zur Pressekonferenz in den Krönungssaal möchte, muss vom Markt aus zur Gulaschsuppe ins Haus Löwenstein – Sicherheitscheck –, um dann von dort über den Markt in der Gänsemarschgruppe ins Rathaus geführt zu werden.

Absperrgitter sind aber auch überflüssig. Erstens ist es ziemlich früh, als die Minister eintrudeln. Und zweitens ist Brückentag. Da sind viele weg. Der Andrang des Volkes hält sich also in engen Grenzen. Der Oberbürgermeister ist auch nicht da. Stadtdirektorin Annekathrin Grehling begrüßt die hohen Herren auf der Rathaustreppe. Hat Marcel Philipp etwa auch einen Brücken...? „Nein“, widerspricht Evelin Wölk vom städtischen Presseamt vehement. Der OB habe „auswärtige Termine“, und das „natürlich dienstlich“.

Zeit fürs Familienfoto

Während die Minister zum „Fachgespräch“ im Rathaus verschwinden, fotografieren die Fotografen draußen Polizeiautos aus drei Staaten und drei Bundesländern. Der Beobachter lernt: Der Holländer fährt VW, der Belgier BMW, der Bundespolizist Opel. Und man hört hinter vorgehaltener Hand, dass die NRW-Polizisten mit ihren neuen BMWs eher unzufrieden sind. Später posieren die Politiker vor den Polizeiautos.

Und das Gruppenbild wird generalstabsmäßig inszeniert. „Hier machen wir gleich das Familienfoto“, sagt ein ziemlich wichtig wirkender Polizeibeamter den Fotografen und Kameraleuten. „Also hier wäre dann ungefähr de Maizière, würde ich sagen“, zeigt er auf ein Stück Marktpflaster. „Und es sind sechs Stück nebeneinander, kommt ihr damit klar?“ Kein Witz. Der Mann sagt das wirklich so.

Oben im Krönungssaal ist der Eindruck, einer großen Inszenierung beizuwohnen, komplett. „Unterzeichnung dort, Pressekonferenz dort“, dirigiert ein Vertreter aus dem Pressestab des Bundesinnenministers die Medienleute wie ein Verkehrspolizist Blechlawinen. In einer Ecke des geschichtsträchtigen Saals ist ein schöner alter Schreibtisch aufgebaut, dahinter sind die sechs Fahnen drapiert. Dort nehmen die Minister einzeln Platz, um im Blitzlichtgewitter zu unterschreiben – unterstützt von einem Seitenumblätterer, der ihnen zeigt, wo die Unterschrift hin soll.

Am Kopfende des Saals stehen sechs edle Stehpulte bereit für die Pressekonferenz, daneben eine Simultandolmetscherkabine, davor gut 100 Stühle für die Journalisten. Und eine andere Ecke ist bestens mit Scheinwerfern ausgeleuchtet – für Einzelinterviews. Sozusagen die Mixed-Zone für die Minister. Gemessen an dem Brimborium, das veranstaltet wird, könnte sich der Eindruck aufdrängen, dass diese Aachener Erklärung später einmal in den Geschichtsbüchern vom Stellenwert her irgendwo zwischen den Maastrichter Verträgen und dem Westfälischen Frieden landen dürfte. Mindestens.

Zeit fürs Mittagsessen

Die Minister erzählen dann, wie sie ihren „Pakt“ gegen die Eigentumskriminalität in die Tat umsetzen wollen, und beantworten Fragen. Auch de Maizière tut dies bereitwillig. Aber seine Antworten enthalten auch nichts, was beunruhigen könnte. Schließlich soll diese Aachener Erklärung ja das Gegenteil bewirken: die Bürger beruhigen. Und dann ist alles relativ flott vorbei. Als die Minister wieder abreisen, ist es kurz vor Mittag. Eigentlich Zeit für eine Gulaschsuppe...

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