Aachen - Die besondere Stadtführung: Leben und Sterben im 14. Jahrhundert

Die besondere Stadtführung: Leben und Sterben im 14. Jahrhundert

Von: Svenja Pesch
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Spannende Berichte aus dem Mit
Spannende Berichte aus dem Mittelalter vor fürstlicher Kulisse: Reinhard Mäurer kann mit seinen Geschichten über das 14. Jahrhundert auch so manchen Ur-Öcher verblüffen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Reinhard Mäurer taucht ab. Und mit ihm eine ganze Gruppe. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise in eine andere Welt. Besser gesagt in eine andere Zeit. Der Ort wird dabei nicht verlassen, es wird lediglich ein wenig Phantasie benötigt. Doch auch das fällt nicht schwer.

Denn Reinhard Mäurer, nun „Christoffel zu Aachen” ist ganz Gentleman-like zuerst in der längst vergangenen Zeit eingetroffen und hat alles für die Ankunft der Anderen vorbereitet. Zudem begrüßt er sie in dem zur besagten Zeit üblichen Sprachjargon. Einen Öcher Singsang kann man da noch nicht heraushören, oder vielleicht doch? Aachen im 14. Jahrhundert. Eine Epoche, die immer noch eine große Faszination ausübt und neugierig macht.

Die Stadtführung „Leben, Lieben, Leiden” erzählt von der Geschichte der Kaiserstadt aus einem anderen Blickwinkel. Hier stehen nicht die historischen Bauten mit ihrer Geschichte im Vordergrund, sondern hier dreht sich alles um die Menschen und wie sie damals gelebt haben. „Christoffel zu Aachen”, stilecht in mittelalterlichem Gewand, führt seine „Gefährten” zuerst in Richtung des Doms.

Doch kurz vor St. Foillan mahnt er zum Stillstehen. Schließlich befinde man sich vor einem Gericht. Die kleine, in die Wand eingravierte Figur mit verbundenen Augen, lässt keine Zweifel. Das Sendgericht, das sich mit Moralstrafen auseinandersetze, liegt direkt vor uns. Erste Station, erstes Staunen: „Dat hab ich ja jar nich jewusst, dat da so ein Figürchen ist.” Schnell wird deutlich: Die eigene Stadt überrascht auch alt eingesessene Öcher mit manch einer Geschichte.

Nur ein paar Meter weiter, auf dem Domhof vor der Stiftkirche St. Marien, lassen die Fassaden erahnen: Hier trieb sich einst der Adel herum. Und zwar der alleroberste Adel. Man kann auch sagen, dass sich hier die Könige die Klinke in die Hand gereicht haben. 600 Jahre lang wurden sie dort gekrönt. Erhobenen Hauptes und mit dem Bewusstsein, auf königlichen Fährten zu wandeln, führt die Route zum Stadtarchiv in der Schmiedstraße.

Wo bis vor kurzem noch wertvolle Zeugnisse aus alten Zeiten lagerten, war einst das Rathaus. 1267 gebaut, diente das Grashaus vor allem dem Führer der freien Reichsstadt als Aufenthaltsort. Dort hatte er nämlich die volle Kontrolle auf die Bösen, die Undurchschaubaren: die Hexen. Im dunklen Kerker warteten sie auf ihre Hinrichtung. Auch an der Vielfalt von Foltermethoden mangelte es nicht. Sei es eine Schraube, die die Finger durchbohrte, der „Spanische Stiefel”, der die Unterschenkelknochen brach, oder der „Wipp Galgen”, bei dem die Arme auf den Rücken gebunden wurden.

Am Könighügel kamen durch den Feuertod sechs Frauen und ein Mädchen ums Leben. Leid gab es viel. Nicht zu vergessen die Hungersnöte und Seuchen, die auch vor den Stadtmauern nicht Halt machten. Doch wer kümmerte sich um die Leiden der ganz normalen Bürger? Johann Chavoir. In der Rommelsgasse, mit Blick auf den Hof, verhalf er dem zuweilen kranken Volk zu neuen (Seh-) Kräften. Dem Grauen Star rückte er mit einer Nadel zu Leibe. Ob die meisten die schmerzhafte Prozedur überlebt haben, bleibt ein Geheimnis.

Kein Geheimnis dagegen war, dass diejenigen, die nicht mit dem Tod rangen, Geld verdienen mussten. Und was liegt in einer Stadt mit handwerklicher Tradition nahe? Die Herstellung von Tüchern. Besonders schwarze und blaue Tücher waren sehr gefragt. Doch bevor sie auf Reisen gingen, mussten sie erst am Werkmeistergericht im heutigen Rathaus freigegeben werden. Damals waren es über 150 Tuchfabriken, heute ist gerade mal eine übrig.

Bleibt noch ein Punkt offen: die Liebe. Die gab es sicherlich auch damals schon - natürlich auch die käufliche. Da Ehen eine teure Angelegenheit waren und das Leben in „wilder Ehe” verteufelt wurde, blühte das Geschäft mit den leichten Mädchen. 70 Prozent aller Männer nahmen im Spätmittelalter diese Dienste in Anspruch. Leben, Lieben, Leiden - von allem etwas.

Und selbst wenn sich die Zeiten ändern, bleibt eins gewiss: Geliebt, gelitten und vor allem gelebt wurde auch im vermeintlich oder tatsächlich dunklen Mittelalter. Und so taucht er nach vielen spannenden Geschichten wieder auf: Reinhard Mäurer, der „Christoffel zu Aachen” ist wieder angekommen im Jahr 2012. Zumindest für eine gewisse Zeit.

Der nächste Treff zur Stadtführung „Leben, Lieben Leiden” ist am 17. Oktober um 18 Uhr vor der Tourist Info am Elisenbrunnen.
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