Die Angst vor dem Feuer ist in Aachen gering

Von: Annika Kasties
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Entspannung am Europaplatz: Die Fassade des Hochhauses besteht aus nicht-brennbarem Beton. Foto: Michael Jaspers
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Entspannung am Europaplatz: Die Fassade des Hochhauses besteht aus nicht brennbarem Beton. Peter Haberland macht sich deshalb keine Sorgen, dass es zu einer Brand-Katastrophe kommen könnte. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Mehr als 30 Hochhäuser gibt es in der Stadt, schätzt Martin Schniedermeier, seit 2016 Leiter der Abteilung Vorbeugender Brandschutz der Stadt. Eine flächendeckende Untersuchung der Fassaden nach leicht entzündlichen Materialien gibt es nicht.

Die Sätze, die zur Beruhigung und Information beitragen sollen, stehen auf einem gelben Zettel im Raum hinter der Hausmeisterloge des Euro-Hochhauses, neben Briefkästen und Informationen der Hausverwaltung.

„Das von Ihnen bewohnte Hochhaus wurde nach den geltenden Bestimmungen und den neuesten Erkenntnissen des vorbeugenden Brandschutzes errichtet“ heißt es in der Mitteilung der Feuerwehr an die rund 500 Bewohner des Hochhauses am Europaplatz. „Alle erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen wurden eingeplant und verwirklicht.“ Darunter folgt eine Liste mit Verhaltenstipps im Brandfall. Es sind Tipps, die nach dem verheerendem Brand in London und der Evakuierung eines elfstöckigen Gebäudes in Wuppertal am Dienstagabend auch in Aachen an Brisanz gewonnen haben.

Mehr als 30 Hochhäuser (ab einer Höhe von 22 Metern) gibt es in Aachen, schätzt Martin Schniedermeier, seit 2016 Leiter der Abteilung Vorbeugender Brandschutz der Stadt. Sie ragen unter anderem in Wahlheim, Preuswald und an der Lagerhausstraße in die Höhe. Auch die Uniklinik gehört dazu. Mit gut 85 Metern ist das Euro-Hochhaus an der Joseph-von-Goerres-Straße das mit Abstand höchste in der Stadt. Auf 22 Etagen verteilen sich 302 Wohnungen, die Bewohner leben überwiegend in Ein-Zimmer-Appartements.

Auch Peter Haberland bewohnt seit zehn Jahren sein Appartment am Europaplatz. Er vertraut den Worten der Feuerwehr, die neben seinem Briefkasten hängen, und zwar nicht nur, weil er von seiner Wohnung in der zweiten Etage aus im Ernstfall innerhalb relativ kurzer Zeit über die Fluchttreppe nach draußen gelangen könnte. „Ich habe absolut keine Befürchtungen, dass es hier zu einem ähnlichen Brand kommen könnte wie in London.“ Mit den Nachbarn werde das Thema aktuell nicht intensiv diskutiert. „Die Feuerwehr kontrolliert regelmäßig, überall hängen Feuermelder.“ Das reicht Keldenich. Dass es damit allein nicht getan ist, weiß Klaudius Pohl von der Pohl Objektverwaltung mit Sitz in Eschweiler.

Als Hausverwalter behält er den Überblick über das Aachener Hochhaus, das 1975 fertiggestellt wurde. Auch wenn ihm die genaue Brandursache im Grenfell Tower nicht bekannt sei, sagt er: „Die Problematik der brennbaren Fassade, wie sie in London und anscheinend auch jetzt in Wuppertal besteht, gibt es hier nicht.“ Der Grund: Am Euro-Hochhaus gibt es überhaupt keine Wärmedämmung an der Fassade, zumindest nicht im klassischen Sinn mit Styropor oder Glaswolle. „Die Fassade besteht aus Waschbetonplatten.“ Und Beton ist nur schwer entzündlich. Dass sich im Brandfall die Flammen an der Fassade blitzschnell ausbreiten, sei somit ausgeschlossen. Sollte es dennoch brennen, stehen auf jeder Etage Feuerlöscher bereit, die Brandmeldeanlage im Haus sei direkt mit der Feuerwehr verbunden und werde regelmäßig gewartet. Darüber hinaus gebe es im Euro-Hochhaus einen separaten Aufzug, der – auch im Brandfall – nur von der Feuerwehr genutzt werden kann, ergänzt Schniedermeier. Dadurch sei gewährleistet, dass die Brandschützer im Ernstfall möglichst zügig das Feuer erreichen und Bewohner rechtzeitig evakuieren können.

Auch bei „den Türmen“ an der Rütscher Straße sieht Jochen Kühn, Leiter des Gebäudemanagements des Aachener Studierendenwerks, den Brandschutz gewährleistet. Die vier Studentenwohnheime belegen mit einer Höhe von rund 50 Metern Rang 2 der höchsten Wohnhäuser Aachens. Laut Kühn leben insgesamt 893 Studenten in den vier Hochhäusern auf jeweils 17 beziehungsweise 19 Etagen. Die Gebäude wurden zwischen 1965 und 1968 gebaut, von 1988 bis 1996 saniert. Zumindest bei drei Türmen könne Kühn definitiv ausschließen, dass sich brennbare Elemente in der Fassade befinden. In der sogenannten Vorhangfassade sorgt nicht brennbare Mineralwolle für die entsprechende Wärmedämmung. Beim ältesten Turm – dem Otto-Petersen-Haus – müsse das Studierendenwerk allerdings noch prüfen, ob auch brennbares Material verbaut wurde. Unabhängig von der aktuellen Diskussion um den Brandschutz in Hochhäusern will das Studierendenwerk bei den Türmen auf jeden Fall aktiv werden. Seit Jahren sei geplant, die Fassaden der Türme zu sanieren und in den Gebäuden jeweils einen zweiten Fluchtweg zu bauen, teilte Kühn mit. 2020 soll es mit dem Otto-Petersen-Haus losgehen.

Kein Handlungsbedarf

Ausgehend von den jüngsten Entwicklungen in Wuppertal sieht die Stadt hingegen keinen Grund, selbst aktiv zu werden. Eine flächendeckende Untersuchung von Hochhäusern werde es in Aachen nicht geben, teilte Stefan Herrmann vom städtischen Presseamt auf Anfrage mit und verwies auf die regelmäßig vollzogene „Brandverhütungsschau“. In Aachen untersucht die Feuerwehr in einem Abstand von sechs Jahren rund 2900 Objekte, darunter Kitas, Schulen, Hochhäuser wie das Euro-Hochhaus und Industrieanlagen. Zudem werde die Feuerwehr im Planungsprozess solcher Projekte frühzeitig eingebunden, ergänzt Schniedermeier, damit sich ein Feuer wie in London gar nicht erst so schnell ausbreiten kann. Darüber hinaus suchen die Brandschützer im Rahmen ihrer Ausbildung zur „Orts- und Gebietskunde“ regelmäßig die entsprechenden Gebäude auf, um sich mit den Räumlichkeiten vertraut zu machen. „Wenn man die Gebäude schon mal gesehen hat, ist das oft die halbe Miete“, sagt Schniedermeier.

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