Designierter türkischer Honorarkonsul setzt auf konstruktive Zusammenarbeit

Von: Robert Esser
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Kooperieren statt spalten: Der designierte türkische Honorarkonsul Uwe Merklein setzt auf seine binationalen Beziehungen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Aktuell spüren wir eine gewisse Zurückhaltung“, sagt Uwe Merklein. Er ist der designierte türkische Honorarkonsul in Aachen. Im AZ-Samstaginterview erklärt er, warum die Beziehungen zum Bosporus für Aachen extrem wichtig sind. .

Ganz schön ruppig geht‘s zuweilen auf dem diplomatischen Parkett der deutsch-türkischen Beziehungen zu. Erdogan gegen Merkel, Massenverhaftungen gegen Pressefreiheit, die Flüchtlingsfrage, Reisewarnungen – all die Dispute tragen nicht gerade zur Entspannung bei. Und sie haben Auswirkungen auf Aachen. Dabei betont der designierte türkische Honorarkonsul Uwe Merklein im AZ-Samstags-Interview, wie eng die Verbundenheit des deutschen Westzipfels mit dem Land am Bosporus ist.

In seiner diplomatischen Vertretung an der Theaterstraße im Haus der Industrie- und Handelskammer (IHK) weiß man um die Gefahren des zugespitzten Konflikts nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Merklein, viele Jahre erfolgreicher Unternehmer mit besten Türkei-Beziehungen, rechnet in Kürze mit seiner offiziellen Ernennung zum Honorarkonsul. Er fordert die Rückkehr zur konstruktiven, positiven Arbeit – zu beiderseitigem Vorteil.

Welche Auswirkungen hat die extrem angespannte Situation im deutsch-türkischen Verhältnis speziell für Aachen?

Merklein: Generell ist festzuhalten: Ja, die angespannte Situation gibt es. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber in Aachen scheint mir die Lage weit gemäßigter als anderswo. Hier wird miteinander geredet und nicht einfach nur ein Standpunkt vertreten. Die Stadt spielt ja auch eine herausragende Rolle bei der Integration von Flüchtlingen. Und insgesamt gilt das, finde ich, auch für die Integration ausländischer Mitbürger. Darunter auch viele tausend Türken.

Mitunter scheint es aber so, als würden auch hier in Aachen seit Jahrzehnten lebende Türken eher Recep Tayyip Erdogan als Angela Merkel folgen.

Merklein: Es gibt hier immer noch eine gewisse Zerrissenheit. Auch nach 30 bis 40 Jahren haben wir immer noch nicht alle Türken abgeholt. Was passiert, wenn man nicht abgeholt wird? Man wendet sich dem zu, der einen abholt. Erdogan ist rhetorisch sehr bewandert und weiß genau, wie er auch Deutsch-Türken abholen muss. Das birgt eine gewisse Problematik. Das sind ja größtenteils sehr intelligente Menschen, die da zu Followern werden. Aber wir hier in Deutschland müssen einfach selbst mehr tun, um unsere türkischen Mitbürger abzuholen. Wir dürfen Türken nicht mehr als Gastarbeiter sehen. Das sind stolze Menschen. Sie erwarten eine Begegnung auf Augenhöhe. Viele türkischstämmige Mitbürger haben aber auch nach vielen Jahren noch das Gefühl, dass sie von Deutschen in die Gastarbeiter-Ecke gestellt werden. Türkische Wissenschaftler, die in den USA mit Kusshand genommen werden, haben es in Deutschland schwerer. Türkische Unternehmerschaft bedeutet auch in Aachen mehr als die Döner-Bude um die Ecke, es gibt so viele herausragende Hightech-Unternehmen in türkischer Hand.

Die Gruppe der türkischen Mitbürger in Aachen ist seit Jahren sehr stark, bis zu 8000 von rund einer Viertelmillion Einwohnern der Stadt, aktuell etwa 6300 – noch rund 12.000 mehr, wenn man die türkischstämmigen Menschen mit deutschem Pass hinzuzählt. Hat das die Stadt weltoffener gemacht?

Merklein: Ich rede hier in Aachen sehr oft mit den Menschen, natürlich vor allem mit Türken. Hier ist man tatsächlich offener, vielleicht liegt das auch an der gewachsenen Lage im Dreiländereck. Ich spüre hier nicht den Hass und diese ablehnende Haltung, also diese Dramatik, die wir aus anderen Städten kennen – grundsätzlich, wenn es um den Umgang mit Ausländern geht! Hier sind ja 6000 Flüchtlinge hingekommen, und alle – Vereine, karitative Organisationen, so viele Privatleute – haben mitgeholfen, die Aufgabe zu stemmen. Das finde ich sehr erstaunlich und beeindruckend.

Als designierter Konsul der Türkei in Aachen liegen ihre Aufgabenschwerpunkte aber eigentlich ganz woanders.

Merklein: So ist es. Es sind grundsätzlich drei Bereiche: konsularische Aufgaben, der Sektor Kultur und schließlich wirtschaftliche Aktivitäten. Da gibt es natürlich sehr, sehr enge Kontakte zur Türkei. Auch im Bereich Wissenschaft und Hochschule. Gerade sprechen wir zum Beispiel in Sachen Kultur mit dem Leiter des Yunus-Emre-Instituts, um in Aachen Themen wie Konzerte im Dom und Ausstellungen mit Fokus auf die Türkei – auch Lesungen zur Türkei – zu besprechen. Das ist uns sehr wichtig und soll künftig eine größere Rolle spielen. Das Thema konsularische Aufgaben ist derzeit noch etwas zurückgestellt, so lange ich hier als designierter Honorarkonsul fungiere. Aber das soll sich schon bald ändern.

Der frühere türkische Honorarkonsul Hans-Josef Thouet war 18 Jahre lang, bis 2013, im Amt. Aber die offizielle Nachfolge dauert relativ lange; ist das auch eine Folge der derzeit angespannten deutsch-türkischen Lage?

Merklein: Der formale Prozess ist seit zwei Jahren abgeschlossen. Dazwischen gab es zwei Wahlen, einen Militärputsch und das Referendum und einen Verwaltungsstau, so dass die Unterschriften des Außenministers, des Ministerpräsidenten und des Staatspräsidenten nicht so einfach zu bekommen sind. Die Zusammenarbeit mit dem Generalkonsul Hüseyin Emre Engin läuft extrem positiv auf der Ebene eines etablierten Konsulats. Vergangene Woche war ich beim türkischen Botschafter in Berlin, die nötigen Unterschriften werden demnach bald vorliegen.

Also nur noch eine Formalie?

Merklein: Ja.

Ihre persönlichen Verbindungen zur Türkei gehen über intensive wirtschaftliche Kontakte hinaus. Als Geschäftsführer des Technologietransferunternehmens 3T GmbH waren Sie bis zum Jahr 2015 nicht nur Bindeglied zwischen universitärer Forschung und industrieller Anwendung sowie Partner des Instituts für Textiltechnik der RWTH Aachen. Sie haben maßgeblich die Erweiterung der 3T auf den türkischen Markt durch die Gründung der 3T Ltd. ti in Bursa vorangetrieben. Hat das die besondere Liebe zur Türkei ausgelöst?

Merklein: Die geht viel weiter zurück. Schon im Jahr 1974 war ich dort das erste Mal mit meinen Eltern in Urlaub. Ich habe damals schon gesehen, dass die Türkei kein Gastarbeiterlieferant ist, in dem die Menschen nur auf Eseln daherreiten. Im Gegenteil: Da gab es ausgezeichnete Schulen auch schon Gymnasien und Universitäten. Das hat mich tief beeindruckt und sicher auch geprägt. Seit 20 Jahren bin ich beruflich intensiv in der Türkei unterwegs – von Industriekontakten, Umgang mit Verbänden und politischen Institutionen bis hin zu Universitäten in ganz verschiedenen Funktionen. Heute bin ich alle fünf bis sechs Wochen in der Türkei.

Beruflich spielt bei Ihnen unter anderem die Textilindustrie eine große Rolle – gerade in der Türkei. Da schließt sich doch ein Kreis zur alten Tuchindustrie in der Kaiserstadt Aachen, oder?

Merklein: Das kann man durchaus so sehen. Die Türkei ist außerhalb Asiens die bedeutendste Textilnation der Welt. Das ist ein ungemein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Und dieser strahlt bis nach Aachen?

Merklein: Ja, auf jeden Fall; aber wahrscheinlich eher im Verborgenen. Man bekommt das in der Öffentlichkeit kaum mit. Jedes große Unternehmen pflegt Beziehungen zur Türkei, gerade auch in Aachen. Und da spielt die Textilbranche eine große Rolle. Das ist für Europa und Deutschland ganz wichtig. Mehrere Institute – speziell auch das Institut für Textiltechnik – an der RWTH Aachen pflegen intensiven Austausch mit türkischen Hochschulen und Unternehmen. Auch die Alumnivereine spielen für die nachhaltigen Verbindungen eine besondere Rolle. Besonders die Kontakte aufgrund persönlicher Verbindungen sind extrem fruchtbar. Bei einem Treffen mit einem geschäftsführenden Vorstand eines der größten Unternehmen der Türkei hat sich herausgestellt, dass seine Frau aus Aachen-Brand stammt. Das ist schon hilfreich. Für Deutschland gilt: Fast 7000 Unternehmen sind in der Türkei etabliert, so viele wie sonst aus keinem anderen Land. Eine ganze Reihe davon haben eine Verbindung zu Aachen – auch wenn ich da jetzt keine genaue Zahlen nennen kann.

Inwiefern leidet die unternehmerische Zusammenarbeit unter den belasteten politischen Beziehungen?

Merklein: Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Beziehungen über viele Jahre hinweg immer weiter gewachsen sind. Dass der Austausch intensiviert wurde, dass auch der Warenaustausch immer größer wurde. Das ist sehr positiv zu bewerten. Aktuell allerdings spüren wir eine gewisse Zurückhaltung – das betrifft insbesondere Investitionen deutscher Unternehmen in der Türkei. Deswegen werbe ich für eine Versachlichung der Debatte. Wenn Außenminister Sigmar Gabriel vor Reisen und Investitionen warnt, ist das natürlich nicht hilfreich. Das ist schade. Die Türkei wird sich nicht erlauben können, einen Bruch mit Europa einzugehen. Aber Deutschland sollte sich das umgekehrt auch nicht leisten wollen. Da ist viel lautes Säbelrasseln dabei, während Unternehmen in aller Ruhe weiter kooperieren. Selbst die Tulpenzwiebeln für unsere niederländischen Nachbarn kommen aus der Türkei. Das weiß kaum jemand. Die Türkei ist da der mit Abstand größte Importeur – nach wie vor.

Also ist die Türkei Ihrer Einschätzung nach ein sicheres Land für Investitionen und ein sicherer Ort für den Urlaub?

Merklein: Ich habe nicht das Gefühl, dass man Angst haben muss. Aber diese Entscheidung will ich niemandem abnehmen, diese Verantwortung kann ich nicht übernehmen. Natürlich gibt es in Städten wie Istanbul mehr Polizei auf der Straße – vor allem zur Vermeidung möglicher Anschläge. Ich finde, das gibt einem zumindest ein sicheres Gefühl.

Zuweilen könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Austausch mit China – Hochschule wie Wirtschaft – inzwischen lebendiger und zahlreicher gepflegt wird als die Zusammenarbeit mit der Türkei. Über 2250 Studierende leben schon in Aachen – sie sind die drittstärkste ausländische Gruppe in Aachen. Läuft China der Türkei hier den Rang ab?

Merklein: Alle Welt schielt seit 15 Jahren immer mehr nach China. Da wartet schließlich ein riesiger Markt. Das muss man völlig unabhängig von der Türkei sehen. Gerade aber das Verhältnis der Stadt Aachen zur türkischen Partnerstadt – Istanbul-Sariyer am Bosporus – zeigt die Verbundenheit zwischen Aachen und der Türkei. Diese jüngste Partnerschaft Aachens – sie wurde erst 2013 geschlossen – zeichnet sich durch eine innige Verbundenheit aus, die gerade erst mit dem „Internationalen Stille Helden Preis“ für den Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp und seinen türkischen Amtskollegen ükrü Genç mit der Auszeichnung „Stille Helden“ gewürdigt wurde. Wenn man gesehen hat, wie die beiden sich in den Armen lagen, kann man nun wirklich nicht davon reden, dass Aachen hier irgendwo zurückhaltend agiert.

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