„Der wehrhafte Schmied”: Alles andere als ein Grafenmörder

Von: Hans-Peter Leisten
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schmiedbild
Symbolgestalt des Aachener Freiheitswillens, aber wohl eher eine „sagenhafte” Figur: „Der wehrhafte Schmied”, hier auf einer historischen Aufnahme aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Stadtarchiv Aachen

Aachen. Er ist so etwas wie das Symbol des trutzigen Aacheners, ein Mann mit Armen wie Keulen. Und die hat er angeblich auch benutzt an jenem 16. März 1278, als er mit gezieltem Schlag den Grafen Wilhelm IV. von Jülich vom Pferd holte. Seither gilt jenes gestandene Mannsbild in der Aachener Chronik als der wehrhafte Schmied, der in leicht verklärter Sichtweise zu so etwas wie einem kleinen Freiheitshelden hochstilisiert wurde.

Auf den Tag genau diesen Montag vor 100 Jahren wurde ihm zu Ehren ein wuchtiges Denkmal an der Jakobstraße enthüllt, das bis heute dort auf Höhe der Klappergasse steht.

Allein - beim Blick in die seriöse Geschichtsforschung sind Zweifel an diesem Image zwischen Sagengestalt und historischer Figur erlaubt. Aachens Archivdirektor Dr. Thomas Kraus hat die Geschehnisse in seinem 1987 erschienenen Band „Jülich, Aachen und das Reich” wissenschaftlich untersucht.

Am 27. Juli 1909 wurde das Denkmal „Der wehrhafte Schmied” enthüllt. Geschaffen hatte es der Bildhauer Karl Burger. Nur neun Jahre später wäre der eiserne Kerl aber beinahe ein Opfer der Kriegsumstände geworden, denn in der Schlussphase des Ersten Weltkrieges war Metall ein rares Gut. Die Stadtverordneten-Versammlung - so die frühere Bezeichnung des Stadtrats - wehrte sich mit Erfolg gegen die Beschlagnahmung.

Das selbe Schicksal drohte der Statue wenige Jahre später erneut, als der Schmied ironischerweise selbst als Metallspende eingeschmolzen und in die Waffenproduktion fließen sollte. Die Aachener brachten die Figur in die Talbothalle, wo sie überlebte und am 7. Mai 1947 ihr „Comeback” an der Jakobstraße feierte.

Zurück zu den historischen Verhältnissen der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Im Geflecht erzbischöflicher Territorialpolitik und königlicher Reichspolitik waren die Reichsstadt Aachen und die Grafschaft Jülich zu heftigen Gegnern geworden.

Die Fehde - so stellt Thomas Kraus dies dar - entlud sich eben an jenem 16. März 1278. Wilhelm IV. und seine beiden Söhne sowie deren Gefolgschaft ritten nach Aachen ein - und wurden von den Aachenern vor dem Weißfrauenkloster in der Jakobstraße erschlagen. In der früheren Literatur unterstelle man dem Grafen, dass er Aachen seiner Herrschaft einverleiben und die Stadt zur Landstadt habe degradieren wollen.

„Opfer mehrerer Bürger”

Gegen diese These erhebt Kraus klare Bedenken. Der Graf sei damals bereits knapp 70 Jahre alt und ein erfahrener Mann gewesen - wohl kaum die richtigen Voraussetzungen für ein nächtliches Hasardeurstück, zumal er sich in Begleitung seines nächsten Erben befunden hätte. In wirtschaftlicher Not sei der Graf nicht gewesen. Wilhelm IV. sei vielmehr nach Aachen gekommen, um eine Sondersteuer einzutreiben, welche der König auferlegt hatte.

Die wahren Gründe für den Totschlag sieht der Archivdirektor in einer Verquickung der bestehenden Fehde zwischen Aachen und Jülich sowie der Steuerforderung. Und so schreibt Kraus: „Graf Wilhelm IV. fiel nicht durch die Hand eines Aachener Schmiedes, sondern war das Opfer mehrerer Aachener Bürger.”

Der Graf wurde also eher zum Opfer des Aachener Volkszorns, als dass er als Gegner der Freiheit der Reichsstadt Aachen besiegt wurde. Ein Trost für die Entmythologisierung: In ihrer Geschichte wurde die Plastik irgendwie selbst zu einem Freiheitssymbol.
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