Aachen - Der trübe Blick durch die Promille-Brille

Der trübe Blick durch die Promille-Brille

Von: Von Valerie Barsig
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Nicht den Überblick verlieren: Mit der Promille-Brille können Schüler bei den Gesundheitstagen erfahren, wie der Rausch die Koordination beeinflusst. Foto: Michael Jaspers
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Heikles Thema nach jüngsten Skandalen: Bei Bernd Büttgens, stellvertretender AZ-Chefredakteur, diskutieren Experten – Mediziner wie auch Vertreter des Betroffenenverbands – über Organspende.

Aachen. Carolin Benkert braucht genau 24 Sekunden, um im Slalom Hütchen zu umrunden, gerade auf einer Linie zu laufen, Kleingeld vom Boden aufzusammeln und kleine Bälle in einen Eimer zu werfen. Das ändert sich schlagartig, als sie eine Rauschbrille auf die Nase setzt, die 0,8 Promille simuliert. Die Hütchen wackeln, das Geld bleibt zur Hälfte liegen, sie greift erst neben die Bälle und verpasst den Eimer.

„Distanzen sind einfach nicht mehr abschätzbar“, erklärt Yvonne Michel von der Suchthilfe Aachen. Im Rahmen der Gesundheitstage unter dem Motto „KIG hält fit“ am Paul-Julius-Reuter-Berufskolleg stellt sie Jugendlichen die Promille-Brille vor.

KIG steht für Kaufleute im Gesundheitswesen. „Die Idee, Gesundheitstage zu organisieren kam uns im Fach ‚Betriebsorientiertes Projektmanagement‘, bei dem wir ein eigenes Projekt auf die Beine stellen müssen. 23 weitere Azubis und ich wollten zeigen, dass wir genauso einen Kongress auf die Beine stellen können, wie große Veranstalter“, erklärt Rita Frost, die im Medizinischen Zentrum in Würselen eine Ausbildung macht.

Am Krankenwagen der Johanniter zeigt Rettungssanitäterin Simone Emmerich, wie ihr Gefährt von Innen aussieht. „Für die Schüler ist es spannend, sich das Ganze mal aus der Nähe anzusehen und sich selbst mal auf die Krankenliege zu legen. Viele denken, dass wir mit viel mehr Know-how ausgestattet sind, aber wir sind ja kein mobiles Krankenhaus.“ Dennoch komme man auch mal in nicht alltägliche Situationen: „Einem kleinen Jungen habe ich im Rettungswagen auf die Welt geholfen, das war natürlich ein besonderes Erlebnis.“

Vier Tage lang können Besucher bei den Gesundheitstagen ihre Füße vermessen lassen, sich in Sachen Aids und Knochenmarkspende informieren, an einem Erste-Hilfe-Kurs teilnehmen, Blut spenden oder ihre Hand-Auge-Koordination testen. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wurde auch das Thema Organspende aufgegriffen. „Nach der alten Rechtslage oblag es den Angehörigen über die Organe eines Patienten zu entscheiden, wenn er keinen Organspendeausweis hatte. Das kann sich für Angehörige, gerade nach einer Organentnahme zu einem Problem entwickeln. Schuldgefühle setzen oft später ein“, erklärte Rudolf Henke als Präsident der Ärztekammer Nordrhein und Vorsitzender des Marburger Bundes. „Dadurch, dass inzwischen die Krankenkassen ihre Mitglieder fragen, ob sie nach dem Tod Organe spenden wollen, kann Angehörigen eine solche Entscheidung erspart bleiben.“ Der Hirntod sei der Knackpunkt, stellte der Moderator der Veranstaltung, der stellvertretender AZ-Chefredakteur, Bernd Büttgens, fest.

„Für mich ist man nach dem Hirntod nicht tot, es kann nicht ausgeschlossen werden, dass ich vielleicht noch etwas spüre. Hinzu kommt, dass Organe bei Hirntoten nicht immer mit Narkose entnommen werden“, kritisierte Ralf Pickartz vom Betroffenenverband. „Außerdem können Angehörige aufgrund der Belastungssituation, in der sie stecken, kaum umfassend aufgeklärt werden.“

Melanie Schäfer, Transplantationsbeauftragte des Uniklinikums in Aachen, kennt solche Situationen und die Ängste, die mit einer Organspende verbunden sind: „Es gibt viele Angehörige, die sich schon mit der Organspende befasst haben. Oft fragen sie von selbst, ob eine Entnahme in Frage kommt. Schlimm wird es immer dann, wenn das Thema für sie neu ist, oder sie nicht wussten, was der Patient eigentlich für sich wollte. Die beste Vorbereitung auf eine solche Situation ist definitiv eine aufgeklärte Bevölkerung.“

Die Skandale an Transplantationszentren im letzten Jahr waren da keine große Hilfe. „Für das System bedeutet es einen großen Vertrauensverlust“, meinte Rudolf Henke. Organspenden werden von drei unabhängigen Stellen organisiert: Die Klinik, in der der potenzielle Spender liegt, meldet sich bei der Verwaltungsbehörde Eurotransplant. Dort entscheiden Mitarbeiter anhand von Listen, wer ein Organ bekommt und melden das an die Kliniken, die Transplantationen vornehmen können. Diese benachrichtigen dann den, der das Organ braucht. „Wesentlich bei der Entscheidung für oder gegen den Spenderausweis ist, dass man Verantwortung für andere hat – umgekehrt wird mir vielleicht auch mal von jemandem geholfen, der Spender ist. Das darf man nicht vergessen“, mahnte Pfarrer Martin Großmann, Synodalbeauftragter für die Diakonie des Kirchenkreises Aachen.

Auf den Gesundheitstagen werden Spenden gesammelt, die der Hazienda Arche Noah und dem Peruprojekt der zahnmedizinischen Hilfe zugute kommen.

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