Aachen - Der Tivoli vor Gericht: Es geht um Millionen

Der Tivoli vor Gericht: Es geht um Millionen

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
11377842.jpg
Lange Mängelliste: Vor Gericht streiten sich die Stadt Aachen (Klägerin) und Bauunternehmer Hellmich (Beklagter) darüber. Es geht vor allem ums Dach, das so kurz ist, dass die ersten Reihen bei Regen – oder hier Schnee – nass werden. Foto: Michael Jaspers
11377876.jpg
Der Stadionvorplatz weist schon nach sechs Jahren schwere Schäden auf. Foto: Michael Jaspers
11377875.jpg
In den Tunnel am Gästeeingang strömt Wasser, Gästefans werden bei starkem Regen regelrecht „geduscht“, wenn sie ins Stadion wollen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Verhandlung findet in einem fein sanierten Altbau statt. In dem Verfahren geht es um einen über 40 Millionen Euro teuren Neubau – der allerdings in nicht unwesentlichen Teilen schon sanierungsbedürftig ist.

Apropos Millionen: Reichlich Geld spielt in dem Fall auch eine Rolle, als an diesem Tag der Vorsitzende Richter der 7. Zivilkammer, Dr. Karl Klöpper, im Saal D.1364 des alten Landgerichtsgebäudes am Adalbertsteinweg die Streitparteien begrüßt.

Insbesondere sitzen sich zwei renommierte Anwälte gegenüber: Carlo Soiron aus Aachen und Thomas Blatt aus Duisburg. Der eine vertritt die „Aachener Stadionbeteiligungsgesellschaft“ (ASB). Also jene Tochter der Stadt Aachen, die Anfang des Jahres den Tivoli für einen Euro gekauft hat. Der andere vertritt Bauunternehmer Walter Hellmich. Dessen Konzern hat das Stadion vor gar nicht langer Zeit als Generalunternehmer hochgezogen.

Die ASB hat Hellmich verklagt. Die Klage war am 21. Oktober 2014 eingereicht worden. Und damit genau einen einzigen Tag, bevor die fünfjährige Gewährleistungsfrist abgelaufen wäre. Denn am 22. Oktober 2009 war die Arena der Alemannia Stadion GmbH, die längst pleite ist, übergeben worden.

Rund 50 Mängel aufgelistet

Als sich abzeichnete, dass die Stadt das Stadion kaufen würde – sie hatte im Zuge einer Umschuldung schon die Kredite auf ihre Schultern genommen –, schaute man mal genau hin, wie denn der Zustand der Immobilie ist. Und stellte fest, dass der Fußballtempel gravierende Mängel hat. Eine ganze Liste mit Schäden kam zusammen.

Der Streitwert summierte sich schnell auf zwei Millionen Euro, mittlerweile ist man gar bei drei Millionen Euro. Zu dieser neuerlichen Steigerung später mehr. Über die Mängel gibt es ein Gutachten der Klägerseite vom Aachener Unternehmen „BFT Cognos“.

Beispiele daraus: Die Regenrinnen des Stadiondachs sind derart fehlerhaft, dass regelmäßig Wassermassen überlaufen. Mit der Folge, dass sich in darunter liegenden Gebäudeteilen – etwa Räumen mit teurer Technik – Feuchtigkeit inklusive Schimmel ausgebreitet hat. Im Tunnel zum Gästeblock kommt es wegen undichter Fugen ebenfalls zu massivem Wassereintritt. Gästefans werden bei starkem Regen regelrecht „geduscht“, wenn sie ins Stadion wollen.

Auch am Donnerstag stand dort reichlich Wasser – obwohl es seit zwei Tagen nicht mehr geregnet hat. Die Rasenheizung funktioniert in Teilen nicht. Ein mehrere Meter breiter Streifen auf der Längsseite vor den Trainerbänken muss etwa bei Schnee trotz Heizung freigeschaufelt werden – was so auch schon vorgekommen ist. Die Leitungen sollen dort zu tief verlegt worden sein.

Der Stadionumlauf – insgesamt 20.000 Quadratmeter groß, damit die größte Platzanlage Aachens und doppelt so groß wie der Aachener Markt – ist teils eine Stolperfalle. Steine senken sich wahlweise ab oder stehen hoch. Viele kann man gar locker mit der Hand aus dem Gefüge herausheben. Soiron drückt das in der Verhandlung so aus: „Das ist eine Versammlungsstätte. Doch die Verkehrssicherheit ist teils nicht gewährleistet.“

Was für die Stadt im Falle eines Unfalls teuer werden könnte. Insgesamt geht es um etwa 50 Mängel, wobei einige Punkte seitens der ASB wieder zurückgenommen wurden, weil die Probleme erledigt seien. Etwa im Bereich mangelhaft funktionierender Fluchttore.

Fronten völlig verhärtet

Es geht also um viel. Und so geraten sich die Kontrahenten an diesem Tag vor Gericht einige Male in die Haare. Die Fronten sind so verhärtet wie jene bei einem Derby zwischen Alemannia und Rot-Weiß Essen. Es geht emotional zur Sache. Die Kammer um den Richter Klöpper versucht immer wieder zu beschwichtigen und fragt nicht nur einmal, ob es denn in einigen Knackpunkten nicht doch eine gütliche Einigung geben könne.

Man schlägt gar eine „Mediation“ vor, in deren Verlauf man doch noch zusammenfinden könnte. Das aber würde laut Soiron zu viel Zeit kosten. Eile sei im Hinblick auf Sicherheitsmängel durchaus angebracht, so die Klägerseite. Also wird nichts aus der „Mediation“.

Und überdies steht man sich in einem Punkt derart unversöhnlich gegenüber, dass jede gütliche Einigung ohnehin undenkbar erscheint. Da geht es um die besagte Million, die zur ursprünglichen Mängelliste hinzugekommen ist. Es geht um eine echte Kuriosität. Das Dach des Stadions ist nämlich zu kurz, wie die Gutachter vor gut einem Jahr bemerkt haben.

Zu kurz jedenfalls, wenn man den ursprünglichen Vertrag zugrunde legt. Dort steht, dass die Sitzreihen der Tribünen vor „schräg einfallendem Regen“ zu schützen sind. Wer schon einmal bei „schräg einfallendem Regen“ in den ersten Reihen gesessen oder gestanden hat, der weiß, dass man dort alles andere als geschützt ist. Man wird vielmehr pitschnass.

Was steckt dahinter?

Da wird es spannend: Hellmich-Anwalt Thomas Blatt geht an dieser Stelle seinerseits in die Offensive. Denn offenkundig ist später anderes besprochen worden, als es im Vertrag steht. Ebenfalls in den Akten schlummernde Planzeichnungen zeigen dann nämlich ein Dach, das kurz vor den Sitzreihen gerade abschließt – also so, wie es heute aussieht. Regenschutz? Fehlanzeige.

Wer hat das damals von Alemannia-Seite gutgeheißen? Und warum? Oder wurde es einfach übersehen, weil man die Vertragsdetails nicht mehr präsent hatte? Oder gibt es andere Gründe? Die Hellmich-Seite ist felsenfest überzeugt, dass alles seine Richtigkeit hat – auch aus Sicht des damaligen Bauherrn Alemannia, wie man schriftlich belegen kann.

Und überhaupt sei der Tivoli ein „wunderbares Fußballstadion“, aber keine Sporthalle oder eine geschlossene Schalke-Arena. Die Klägerseite sieht hingegen den Vertrag nicht erfüllt, verlangt „Nachbesserung“. Wie die aussehen kann? Klar, man könnte das Dach umbauen, neu bauen oder wie auch immer. Oder es könnte eine Minderung der Baukosten geben, eine Ausgleichzahlung vielleicht.

Doch abseits des juristischen Plots hat man den Eindruck, dass es hier noch um etwas Anderes geht: Merkwürdige Vorgänge aus der „dunklen Zeit“ inklusive Stadionbau, Niedergang, Insolvenz sollen nicht unter dem Teppich landen. Fatal wäre das. Eigentümerin ist jetzt schließlich die öffentliche Hand. Seltsam ist schon, dass es trotz aller Mängel seinerzeit eine Abnahme des Stadions gab.

Eine Mängelliste gab es damals auch. Anfangs wurde einiges davon abgearbeitet. Dann plötzlich nicht mehr. Warum? Hatte man bei Alemannia mittlerweile andere Sorgen? Gab es Abstandszahlungen des Bauunternehmers, die Alemannia dann aber nicht in die Sanierung, sondern in den Spielbetrieb steckte? Auch dieser Verdacht ist bereits aufgekeimt.

Beweise fanden Soiron und Co. in den Akten nicht, wohl aber Indizien, die der Staatsanwaltschaft übergeben wurden. Wobei einiges an Schriftstücken auch einfach spurlos verschwunden zu sein scheint.

Zurück in den Gerichtssaal. Thomas Blatt platzt zwischenzeitlich der Kragen. In Sachen Dach gebe es nichts Ominöses, nichts Dubioses, wie es die Klägerseite andeute. Das verbittet sich der Anwalt. Und überhaupt: „Fünf Jahre lang hat das Dach niemand auch nur ein Mal gerügt“, wettert ein Hellmich-Vertreter. Blatt sagt, der Gegenseite gehe es darum, „möglichst viel herauszuschlagen“.

Dann wird gefeilscht. Blatt bietet an, dass Hellmich bereit wäre, Mängel zu beheben. Sogar Mängel, bei denen nicht klar ist, ob Hellmich überhaupt dafür verantwortlich ist – in Sachen Vorplatz etwa. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Klägerseite das Thema Dach fallen lasse. Ansonsten werde man gar nichts tun. Soiron lehnt ab. Es gebe einen klaren Beschluss des ASB-Aufsichtsrats dazu.

Beweissicherung

Aufmerksam zugehört haben die Richter der 7. Zivilkammer. Dr. Karl Klöpper hat es schon zum Auftakt gesagt und sagt es zum Abschluss nochmals: Es gibt Indizien dafür, dass die Klägerseite Recht hat. Aber ebenso gibt es Indizien dafür, dass die Beklagten Recht haben. Also erstmal ein Unentschieden, sozusagen.

Da keine Seite unter besagten Grundvoraussetzungen bereit ist, auch nur ansatzweise zurückzuweichen, und eine gütliche Einigung so weit entfernt ist wie Alemannia aktuell von der Tabellenspitze der Regionalliga, kommt es nun zum Beweissicherungsverfahren. Zu diesem Zweck wird ein renommierter Gutachter eingeschaltet, der nicht aus Aachen kommen soll. Er soll die millionenschwere Angelegenheit unter die Lupe nehmen.

Die Partie rund um den Bau des neuen Tivoli bleibt spannend. Man hat das Gefühl, dass längst noch nicht alle Themen auf dem Tisch liegen. Jetzt geht es noch eine ganze Weile in die Verlängerung.

Leserkommentare

Leserkommentare (6)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert