Aachen - Der Tivoli erlebt einen würdigen Abschied

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Der Tivoli erlebt einen würdigen Abschied

Von: Hans-Peter Leisten und Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Die wohl größte Choreographie in 2214 Spielen: Die organisierten Alemannia-Fans haben sich einen eindrucksvollen Abschiedsgruß einfallen lassen, der den 101 Jahren Tivoli die Ehre erweist. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Als der Hausmeister am Sonntagmorgen um 8 Uhr den alten Kasten aufschließt, ist nur äußerlich alles so wie viele Male zuvor. Schlüssel und Zahlencodes für die Türen, alles wie gehabt. Aber Horst Krause spricht einfach frei weg von der Leber, wie er sich dabei gefühlt hat: „Besch...”.

Aber Job ist Job, und so sind die kommenden Aufgaben ein wunderbares Verdrängungsmittel auf dem emotionalen Tageskarussell. Er ist da, der Abschied vom Tivoli.

In der Tat sucht an diesem Sonntagvormittag beziehungsweise frühen Mittag manch einer seine ganz persönliches Rezept, um der drohenden Pein zu entgehen. Vor dem Restaurant Soers auf der Krefelder Straße singen sich etliche Fans Mut an: „Olé, olé, olé - Kaiserstadt AC”, kennt man ansonsten eher als akustische Unterstützung für die Mannschaft.

Gefühlsbeladene Momente

Am Stand der Fan-IG (siehe auch Dia-Show unten) wird ein besonderes Trikot vorbereitet: das Abschiedsgeschenk für Keeper Stephan Straub, der wenig später zum letzten Mal eingewechselt werden soll. Alle Alemannia-Anhänger können das Dress signieren und „Straubi” mit auf seinen weiteren Lebensweg geben. Ansonsten lächeln die meist so fröhlichen Gesichter an der Holzbude der IG eher gequält.

Oder gar nicht. Es herrscht eine ungewohnte emotionale Gemengelage, man begrüßt sich noch etwas herzlicher als sonst. So als ob man sich an diesem Sonntag etwas stärker gegenseitig zur Seite stehen müsste.

Umso willkommener tritt man den Weg in den alten Tivoli an. Es wird wirklich etwas geboten. Keine effektheischende Show, sondern gefühlsbeladene und sensible Momente. Viele Spieler aus vergangenen Zeiten hat die Alemannia eingeladen.

Die Bilder gehen nahe: Erik Meijer und Günter Delzepich haken Fritz Neußl unter. Und der ist in der Tat eine Legende: 97 Jahre ist er alt, der Mann, der von 1933 bis 1940 125 Mal das Tor der Alemannia hütete. Das Trio wird von tosendem Jubel begleitet. Ihnen folgen Spieler, die mitreißende Partien vor dem geistigen Auge wieder lebendig werden lassen.

Gerd Klostermann aus der ersten Bundesligamannschaft, der Abwehrchef der 80er Jahre Norbert Buschlinger, „Bübbes” Kehr, Mario Krohm, Stephan Lämmermann und Willi Landgraf. Kurz vor dem Anpfiff gegen den FC Augsburg stehen rund 25 lebende Legenden Spalier für Sänger Jupp Ebert, der in seinem „Alemannia Olé” dem Blues einen neuen Sinn zu geben scheint. Emotionen pur.

Zum Glück wird dann auch noch Fußball gespielt. Man kann durchatmen. Die Kicker geben dem Abschied den passenden sportlichen Rahmen. Die Augsburger Fans spielen mit: mit einem großen Transparent „Tschö Tivoli” und später auch bei der Öcher „La Ola” -Êsehr sympatisch.

Die alte „Kassen Müller”-Stadionuhr, die längst nicht mehr so heißt, zeigt beharrlich 15.15 Uhr, als wollte sie sich gegen den letzten Abpfiff stemmen. Die Wirklichkeit ist der Uhr aber längst weggerannt. Der letzte Abpfiff am Tivoli ist ertönt. Das war´s.

Die Mannschaft sinkt erschöpft auf den Platz, die Zuschauer auf den Tribünen singen mit den Amigos. Und selbst die Fans im S-Block, die neue Tivoli-Lieder nicht immer leiden können, schwenken wehmütig mit ihren Fahnen.

Die Knie werden weicher, nur Susanne Kannen geht unberührt ihren Weg. Sie packt bereits an und ein - die Eckfahnen. Auch wenn die Mannschaft mit den Fans noch feiert, startet das große Aufräumen. Kannen zieht Eckfahne für Eckfahne aus dem Boden, geht ihre ganz eigeneÊEhrenrunde um den Platz. Nur die letzte hält sie aufrecht und das Emblem der Alemannia flattert im Wind. Es sieht aus, als würde auch sie zum Abschied der Amigos mit der Fahne schwenken.

Dann verschwindet sie, später die Mannschaft - unter die Dusche - und noch viel später der letzte Fan Richtung Vorplatz, wo noch lange mit dem Team weiter gefeiert wird. Verlassen bleibt der alte Tivoli zurück, die Fernsehkameras sind eingepackt, die Tornetze hochgeklappt. Nur Horst Krause sitzt noch mitten auf dem Platz - als wollte er nie wieder gehen. Abschließen muss er dennoch.
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