Der Tag, an dem auch hier das Morden begann

Von: Christoph Classen
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Machte mit Melodien auf den 9. November aufmerksam: Geiger Illya Kiuila spielte auf dem Synagogenplatz vor etwa 120 Menschen. Sie haben die Ereignisse der Reichspogromnacht nicht vergessen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die Bilanz nach knapp 20 Jahren fällt erschreckend aus. „Seit 1990”, sagt Kurt Heiler von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifachisten (VVN-BdA), „wurden allein in Deutschland über 130 Menschen von Neonazis ermordet.”

Allein weil ihre Hautfarbe, ihr Glauben, ihre Gesinnung oder ihr Pass nicht ins arg beschränkte Weltbild der Täter passen wollten. Ja, es ist die schaurige Bilanz eines vereinigten Deutschlands. Genau 20 Jahre nach dem Mauerfall ist er allgegenwärtig: Dabei ist der 9. November nicht nur mit grenzenloser Freude verbunden.

Das wollen die Menschen auf dem Synagogenplatz nicht in Vergessenheit geraten lassen. Es sind erfreulich viele, annähernd 120. Einer von ihnen ist OB Marcel Philipp. Sie stehen dort, weil am 9. November nicht nur die Mauer, sondern auch jegliche Hemmungen fielen. Das war 1938. Als Reichspogromnacht werden die Ereignisse später in die Geschichtsbücher eingehen. Es war das erste Kapitel der dunkelsten Episode der deutschen Historie. „Beginn eines Völkermordes nie da gewesenen Ausmaßes” nennt Birgit Valder, Moderatorin der Mahnwache, die Reichspogromnacht.

Auch in Aachen bildete sie nur den hasserfüllten Auftakt für folgende Gräueltaten. Nachdem die jüdischen Geschäfte in der Großkölnstraße verwüstet sind, wird die Synagoge in Brand gesteckt. Als die Feuerwehr die Kirche erreicht, facht sie die Flammen mit Brandbeschleuniger weiter an. 268 Aachener Juden werden verschleppt, viele von ihnen sterben im KZ Buchenwald einen grausamen Tod. Bei manchen ist die Verzweiflung so groß, dass sie den Zeitpunkt selber wählen. „Sie liefen in den elektrischen Zaun oder stürzten sich in die Latrinen, wo sie qualvoll erstickten”, zitiert Birgit Kreitz aus einem Erfahrungsbericht „Buchenwald 1938”.

Faschismus ist heute weniger Gespenst der Vergangenheit als aktuelles Problem. Kurt Heiler sagt das und belegt es mit Zahlen. 80 Prozent der politisch motivierten Straftaten in unserer Region gingen von Rechten aus, 383 Fälle seien allein vergangenes Jahr gezählt worden. Mehr Sorgen als der extreme Rand macht Heiler aber, dass rechtes Gedankengut zunehmend in der gesellschaftlichen Mitte salonfähig werde. Bestes Beispiel seien die jüngsten Äußerungen von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin. „Hätte jemand in England oder Frankreich so über Migranten gesprochen, wäre er aus dem Amt entlassen worden. Sarrazin widerfährt nichts außer einer Schubkarre zustimmender Briefe”, sagt Heiler.

Bevor Rabbiner Mordechai Bohrer das Totengebet spricht, thematisiert der Arbeitskreis „Kein Vergessen” den aktuellen Kriegsverbrecherprozess gegen Ex-SS-Mann Heinrich B. Heute werde das Gericht über die Einstellung des Verfahrens entscheiden.
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