Aachen - Der OB glaubt an die Multifunktionshalle

Der OB glaubt an die Multifunktionshalle

Von: Robert Esser und Albrecht Peltzer
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„Ein arbeitsreiches und erfolgreiches Jahr“: OB Marcel Philipp im Gespräch mit Albrecht Peltzer (r.) und Robert Esser (M.). Foto: Michael Jaspers

Aachen. Intuition ist wichtig in der Politik. Bauchgefühl, ein Gespür für die richtige Entscheidung. All das gilt auch für Verwaltungsarbeit – auf allen Ebenen, auch an der Spitze. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille, die andere heißt „Kennzahlen“.

Daten, Zahlen, Fakten. „Entwicklung der Stadt Aachen 2016“ ist ein Papier überschrieben, mit dem sich Oberbürgermeister Marcel Philipp und seine Kolleginnen und Kollegen im Verwaltungsvorstand intensiv auseinandersetzen. Um Strategien zu entwickeln, Leitlinien zu finden, Perspektiven zu erarbeiten. Aachen ist eine wachsende Stadt, eine junge dazu. Und eine, die für auswärtige Gäste immer attraktiver wird. Im Gespräch schaut OB Philipp auf das Jahr 2016 und über den 31. Dezember hinaus.

2016 – ein gutes oder eher ein schlechtes Jahr für Aachen?

Philipp: Es war ein arbeitsreiches, aber auch ein sehr erfolgreiches Jahr. Weil sich die schwierigen Themen, die uns Anfang 2016 beschäftigten, gut entwickelt haben.

Zum Beispiel?

Philipp: Das Thema Flüchtlingsaufnahme zum Beispiel. Da sind wir gut aufgestellt. Es gibt nach wie vor eine große Hilfsbereitschaft, die Menschen in Aachen gehen ausgesprochen ruhig und besonnen mit dem Thema um. Und ich glaube auch, dass das insgesamt eine sehr gute Leistung der Verwaltung war.

Was war für Sie persönlich das bestimmende Thema in diesem Jahr?

Philipp: Das ist ganz wesentlich die Weiterentwicklung der Verwaltungsstruktur. Etwas, das draußen weniger wahrgenommen wird. Aber dieser Teil meiner Arbeit ist mit sehr hoher Verantwortung verbunden. Meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber, aber auch den Aachenern selbst, für die wir Dienstleistung erbringen. Die Anforderungen werden immer größer, daher müssen sich unsere Strukturen modern entwickeln. Wir haben zum Beispiel massiv in den Bereich Familie investiert, in die Bereiche Sicherheit und Feuerwehr. Das alles muss vernünftig strukturiert sein.

Mehr Aufgaben – das bedeutet auch mehr Ausgaben. Kann das funktionieren?

Philipp: Man hätte meinen können, dass der Haushalt da untergeht. Dass wir das finanziell aber hinbekommen, hat damit zu tun, dass wir bei allen Aufgaben immer mit daran denken, den Etat zu konsolidieren. Man muss eben manchmal auch deutlich Nein sagen.

Und wo wurde zum Beispiel Nein gesagt in diesem Jahr?

Philipp: Priorität haben Bildung und Erziehung. Da haben wir eine Menge investiert. Auch bei Feuerwehr und Ordnungsdienst. Andere Projekte mussten dann eben auf eine andere Zeitschiene gesetzt werden.

Zum Beispiel der Bereich Spielplätze. Da ist einiges liegen geblieben.

Philipp: Das ist eines der Themen, die nicht auf Position eins der Liste standen, weil immer andere Notwendigkeiten kamen. Aber der Druck, da etwas zu tun, wächst. Wir müssen das aber auch anders organisieren, weil die Zuständigkeit in zu vielen verschiedenen Fachbereichen angesiedelt ist. Da gibt es zu große Reibungsverluste.

Eines der Aufregerthemen in diesem Jahr war sicherlich die Umstellung des kompletten Müllsystems. Da gibt es nicht wenige, die sagen: Da hätte sich der OB einmal hinstellen müssen, um den Bürgern zu erklären, warum das alles nötig ist.

Philipp: Dass diese Umstellung sinnvoll ist, ist unstrittig. Das bisherige System war ungerecht. Da sind sich Politik und Verwaltung einig. In einem solchen Fall habe ich auch nicht den Drang, mir den Hut aufzusetzen und Dinge zu verkünden, die an anderer Stelle gut vorbereitet und umgesetzt worden sind.

Es geht bei dieser Frage auch darum, wie der OB seine Position definiert. Wie sehen Sie sich selber?

Philipp: Ich habe ehrlich gesagt den Eindruck, dass in der Ratspolitik manchmal der Eindruck vorherrscht, dass ich zu viele Themen besetze, dass ich zu wenig übrig lasse.

Das war nicht die Frage.

Philipp: Also, ich glaube nicht, dass ich zu wenig in der Öffentlichkeit vorkomme. Aber ich finde es falsch, jedes Thema an mich heranzuziehen, wenn so viel Kompetenz und Engagement in den Fachbereichen ist.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Ratspolitik, zur großen Koalition?

Philipp: Absolut gut. Ich werde gut unterstützt und nehme die Diskussionen als sehr konstruktiv wahr.

Die großen Themen, mit denen man sich profilieren kann, sind den Politikern aber abhanden gekommen.

Philipp: Die werden aber wieder kommen. Und da wird man sich trefflich streiten können.

Worüber zum Beispiel?

Philipp: Nehmen Sie den Sportpark Soers. Wie soll es da weitergehen, wenn das Polizeipräsidium abgerissen ist? Wo und wie bauen wir eine neue Multifunktionssporthalle? Ich sage ganz bewusst nicht, ob wir eine Halle bauen – denn das ist sicher.

Was ist da die Präferenz des OB?

Philipp: Direkt am Parkhaus.

Aber es geht nicht nur um Entwicklungen in der Soers, offen ist zum Beispiel auch die Entwicklung des Kongresswesens.

Philipp: Richtig. Da kommt der Campus ins Spiel. Da geht es aber auch um das Eurogress und die Frage, wie wir da mehr Kapazitäten schaffen können. Letzteres wird 2017 sicher anstehen, wenn wir eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben werden.

Womit wir auch bei der Hochschule wären. Wie würden Sie die Zusammenarbeit zwischen Stadt und den Hochschulen charakterisieren?

Philipp: Nach Jahren der Schwerpunkte im Bereich Historie und Tourismus haben wir gesehen, dass wir den Fokus auf Aachen als Hochschulstandort richten müssen. In der Annahme, dass von den Hochschulen auch etwas zurückkommt. Das war anfangs sehr theoretisch. In diesem Jahr haben sich die Erwartungen mehr als erfüllt. Die Kooperation ist deutlich intensiver geworden. Wir planen gemeinsam, tauschen Ideen aus, wir kommen zu handfesten Ergebnissen. Das ist inzwischen fast schon ein Selbstläufer. „Future Lab“ ist keine begrenzte Marketingidee, sondern ein nachhaltiger Mehrwert für die Hochschulstadt.

Also ist – im Gegensatz zu früheren Jahren – auch in den Aachener Hochschulen das Bewusstsein dafür gewachsen, ein Player dieser Stadt zu sein.

Philipp: Auf jeden Fall. Die Hochschulen wollen dabei sein, wollen sich als Teil dieser Stadt auch mehr öffentlich präsentieren.

Damit wird eine Baustelle gut bearbeitet, welche Großbaustellen werden wir 2017 in Aachen erleben?

Philipp: Der Neubau von Peek&Cloppenburg in der Adalbertstraße wird eine Baustelle sein. Das Projekt war ja ziemlich komplex, das ist alles abgearbeitet. Das wird sehr positiv. Danach kommt der Bereich Untere Adalbertstraße, obwohl sich das zeitlich auch nach hinten ziehen kann. Der Abriss der Gebäude neben dem Aquis Plaza könnte 2018 beginnen. Ein Riesending ist die neue Bebauung am Theaterplatz. Das Gebäude der Dresdener Bank wird neu genutzt, daneben weichen die Häuser einem Hotel, da verändert sich viel. Da wird wirklich ein Stück Stadt neu gestaltet. Und in der Diskussion ist ja auch, den Theaterplatz teils verkehrsberuhigt ganz neu in Szene zu setzen.

Eine ganz zentrale Baustelle hätten Sie doch an erster Stelle nennen müssen: den Büchel.

Philipp: Ja, das ist jetzt auch auf die Schiene gesetzt. Das dauert im Bebauungsplanverfahren immer seine Zeit.

Und? Schließen Sie sich der Initiative der FDP an, den Rotlichtbereich aus der City zu verbannen?

Philipp: Ich halte es für sehr überlegenswert, den Bordellbetrieb auszulagern, wenn es denn eine Chance dafür gibt. Aber auch das kann man nicht mal eben so machen. Man muss eben sehen, wo Alternativstandorte sind.

Aber das ist doch genau die Frage, an die sich niemand herantraut!

Philipp: Das ist eine Frage, die nur zu diskutieren Sinn macht, wenn man den Bereich verlagern möchte. Und in diesen Diskussionen sind wir zurzeit. Es gibt die Befürchtung, dass man – wenn man das im laufenden Verfahren ändert und zu einer Komplett-Auslagerung kommt – in der Planung um Monate zurückgeworfen wird. Das ist ein Risiko, das man abwägen muss. Es kann sein, dass man jetzt den ersten Schritt macht, also die Halbierung der Antoniusstraße. Und dass man dann im zweiten Schritt den Bereich ganz auslagert.

Dann macht die Stadt Aachen später bundesweit mit einem einmaligen Projekt Schlagzeilen: die Umnutzung eines Bordells in eine Kita.

Philipp: Wohl eher nicht.

Und wie sieht der Zeitplan für den Büchel aus?

Philipp: Ich bin da vorsichtig, was die Zeitschiene anbelangt. Aber in einem Jahr könnte die Abrissgenehmigung erfolgen. Das ist realistisch.

Nebenan in der Großkölnstraße geht es jetzt auch vorwärts?

Philipp: Ja, der Leerstand im ehemaligen Pfeiffer-Haus ist ein Ärgernis über viele Jahre. Aber nachdem sich Inhaber Peek&Cloppenburg für die Adalbertstraße entschieden hat, ist die Sache klar. Jetzt wird dort ein Hotel gebaut, das Verfahren läuft auch.

Weniger scheint in Sachen Mobilität zu laufen. Nach dem Aus für die Campusbahn herrscht Stillstand?

Philipp: Wir hinken nicht hinterher. Wir sind in der Umsetzung von E-Mobilität beim Busverkehr. Das gleiche gilt beim emissionsfreien Verkehr für die Stadtverwaltung, für die Bürgerinnen und Bürger, die Post fährt elektrisch. Unser Pedelec-System ist im Aufbau. Das wird münden in einen Verkehr, der zu einem erkennbaren Anteil emissionsfrei ist. Und es ist auch keine Zukunftsmusik mehr, dass autonome Systeme in Aachen fahren werden. Aachen wird eine der ersten Städte sein, in der solche Systeme eine relevante Rolle spielen.

Heißt konkret?

Philipp: Ich bin davon überzeugt, dass Shuttlebus-Systeme in wenigen Jahren autonom fahren können. Technisch ist das keine Frage. Es geht um das Zusammenspiel von Hochschule und Stadt, um die Fragen, welche Förderprogramme man akquirieren kann, welche Teststrecken möglich sind. Das zu erarbeiten kostet Zeit, ist aber sehr, sehr spannend.

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