Der neue Tivoli und die Last der Erinnerung

Von: Christopher Gerards
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Es gibt Menschen, die sehen im Fußball eine moderne Religion und in Fußballstadien moderne Tempel. Wenn das stimmt, wäre die Zahl der Gläubigen in Aachen in den vergangenen Jahren ziemlich gesunken. Am Samstag aber werden mehr als 30.000 Zuschauer erwartet, in der vierten Liga. Foto: sport/Eibner
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Richtig ist, dass Horst Krause bei jedem Heimspiel im Block W1 sitzt. Richtig ist aber auch, dass er dann in der Reihe ganz oben sitzt. Foto: Christopher Gerards
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Das sind Miriam Pucitta und Michael Chauvistré. Sie arbeiten als Filmemacher und haben den Bau des neuen Tivoli begleitet. Foto: Happy Endings Film
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André Bräkling war 2003 das erste Mal im alten Tivoli und seither so oft wie möglich. Seit 2013 ist er auch der Sprecher der Fan-IG. Foto: Christopher Gerards

Aachen. Als der Fußball-Torwart Oliver Kahn sah, was der Hausmeister Horst Krause getan hatte, wäre er am liebsten wieder nach Hause gefahren, zumindest glaubt das Horst Krause. Es war der 4. Februar 2004, und Bayern München war zum Pokalspiel nach Aachen gekommen, alter Tivoli. Kahn stand vor der Gästekabine, und was er sah, ließ ihn schimpfen: Krause hatte die Wände knallrot gestrichen.

Krause, der ziemlich genau elf Jahre später im Spielertunnel des neuen Tivoli steht und die Geschichte erzählt, ist jetzt mal eben Oliver Kahn. Er dreht seinen Kopf und krächzt: „Nä, Trainer, müssen wir da wirklich rein?“

Das Spiel hat Bayern München 1:2 verloren.

So ein Fußballstadion ist immer auch ein Ort, an dem sich Geschichten ereignen, schöne, witzige, tragische, wenn es gut läuft, nehmen die Menschen jedenfalls etwas zu erzählen mit. Vielleicht wird es auch am Samstag so sein, Alemannia Aachen gegen Rot-Weiß Essen, 30.313 Menschen kommen, Rekord. Eigentlich ist das ja schon eine Geschichte an sich, und wenn es stimmt, dass der Fußball von der Erinnerung lebt, ist sie für den neuen Tivoli keine schlechte Sache. Denn grundsätzlich gilt: In Fragen der Erinnerungskultur herrscht in Aachen ein ziemliches Ungleichgewicht. Der alte Tivoli? Alemannia wirft Bayern aus dem Pokal, zwei Mal, Krause streicht die Gästekabine knallrot, Aufstiege, Pokalspiele, gute Geschichten. Der neue Tivoli?

Schwierig.

Ein ständiger Vergleich

Der Hausmeister Horst Krause ist jetzt wieder der Hausmeister Horst Krause, er schlurft über die Gänge des neuen Tivoli, den nicht viele Menschen besser kennen als er, womöglich niemand. 32 960 Plätze gibt es, ein Feld von 105 mal 68 Metern und „zwei supergeile Video-Wände“, so sagt Krause das. Ein Mann von 58 Jahren, Alemannia-Ohrring, Alemannia-Kette, schwarz-gelbe Schuhe, seit 1972 ist er Fan, seit 1974 Mitglied und seit 1999 Hausmeister. Vorige Woche hat die Stadt den Tivoli gekauft, er gehört jetzt der „Aachener Stadionbeteiligungsgesellschaft GmbH“. Aber als Hausmeister läuft weiter „H. Krause“ über die Flure, so steht es vorne auf seiner Jacke. Hintendrauf steht: „Tivoli“.

Wenn Krause über den Tivoli spricht, dann spricht er über zwei Stadien. Er spricht vom „Hier“ und vom „Drüben“, er sagt: „Drüben war das Schöne: Bei 15 000 Zuschauern dachtest du schon, es wär‘ ausverkauft.“ Drüben hat Krause gute Zeiten erlebt, er hat das alte Stadion ziemlich gemocht, vielleicht sogar ein bisschen mehr als das neue. Und wenn man ihn danach fragt, dann sagt er, dass er sich das alte Stadion schon irgendwie zurückwünsche. „Geht aber nicht mehr“, sagt Krause und schlägt mit der Hand auf den Tisch. Und überhaupt, in dieser Saison ist Alemannia wieder heimstark, Krause sagt: „Es kommt langsam zurück.“

Das Stadion in Aachen heißt nicht „Commerzbank-Arena“, „Allianz-Arena“ oder „Rhein-Energie-Stadion“, das Stadion in Aachen heißt „Tivoli“. Aber es kommt vor, dass die Menschen „neuer Tivoli“ sagen, es hat ja einen Vorgänger gegeben, eröffnet 1928, der „neue Tivoli“ wird immer auch vom „alten Tivoli“ her gedacht, das ist sein Schicksal: Das Stadion unterliegt einem ständigen Vergleich, Erfolge, Kosten, Stimmung, und in vielerlei Hinsicht kommt der neue Tivoli nicht gegen den alten an. Zumindest war es bislang so.

Wer wissen möchte, wie das alles war und wie das alles kam, der fährt am besten mal zu Miriam Pucitta und Michael Chauvistré. Raus aus der Stadt, Krefelder Straße, vorbei am Tivoli, in eine kleine Seitenstraße hinein, da wohnen sie. Pucitta, 50, und Chauvistré, 54, haben einen Film über das neue und teure Stadion gedreht, genau genommen haben sie den Bau begleitet und die Schicksale, die damit verbunden waren. „Friede, Freude, Eierkuchen“ heißt der Film, aber so war es nicht.

Man sieht Menschen aus der Nachbarschaft gegen einen geplanten Parkplatz protestieren. Sieht einen von sich und den Stadionplänen sehr überzeugten Oberbürgermeister, der auch Alemannia Aachens Aufsichtsrat vorsitzt. Sieht Kleingärtner, die verdrängt werden. Fans, die Anleihen kaufen, damit das Stadion weiter Tivoli heißt. Ein Restaurant, das abgefackelt wird, Täter unbekannt. Und man sieht das Eröffnungsspiel, 17. August 2009, das Stadion ist das erste und bis heute das letzte Mal in der Liga ausverkauft. Alemannia verliert gegen St. Pauli, und zwar nullzufünf; und als alles vorbei scheint, stürzt ein St.-Pauli-Fan von der Tribüne und fast in den Tod. So ging es los.

„Wir wollten nicht besserwisserisch erzählen“, sagt Chauvistré. „Wir wollten von der Euphorie erzählen, von dem Drogenrausch einer selbst ernannten Bundesliga-Stadt.“ Der Film lief im Frühjahr 2012 in den Kinos, Alemannia Aachens Abstiege und Insolvenz kommen nicht mehr vor, aber das ständige Abwärts ist dramaturgisch ohnehin nicht spannend, finden Chauvistré und Pucitta.

Es ist nicht so, dass sie irgendeine Abneigung gegenüber Alemannia Aachen entwickelt hätten, im Gegenteil: „Wir hatten eine Antipathie gegenüber gewissen Apparaten: der Macht, der Intransparenz“, sagt Pucitta. „Auf der anderen Seite war aber der Mythos, waren die Bürger, die ganz viele Träume in diesen Verein eingebettet haben.“ Michael Chauvistré besucht den Tivoli ja selbst gern, mit seinem Sohn, elf Jahre alt. Und so wie Chauvistré es sieht, kann man ja immer noch seinen Spaß haben auf dem Tivoli. Trotz allem.

Wo Angestellte zu Wilden werden

Es gibt viele Theorien darüber, warum die Menschen in Fußballstadien gehen. Manche sehen im Fußball eine moderne Religion und in Stadien moderne Tempel. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Stadion einen Ort der Einfachheit darstellt, in einer immer komplexeren Welt, denn im Stadion gibt es eindeutig verteilte Rollen, es gibt Freund und Feind, das Wir und das Die. Andere erklären es mit dem Massenpsychologen Gustave Le Bon: das Stadion als Ort, in dem der mittlere Angestellte zum Wilden wird, in dem er in der Masse Chöre singt, in dem das Archaische die Konventionen des Alltags verdrängt.

Bei André Bräkling begann es im November 2003. Aachen spielte gegen Nürnberg, Wurfgeschosse flogen, „Skandalspiel“ schrieben die Zeitungen. Bräkling sah aber auch, dass Nürnberger Spieler Gegenstände zurück ins Publikum schmissen, da wurde auch er wütend. Seither kommt er, so oft es geht.

Bräkling, 32, wissenschaftlicher Mitarbeiter, ist seit 2013 der Sprecher der Alemannia-Fan-IG, ehrenamtlich. Zwei Tage vor dem Spiel gegen Rot-Weiß-Essen sitzt er an einem langen Tisch im Club-Heim, ein kleines gelbes Häuschen neben einer Großraum-Disco, und spricht über das Verhältnis der Fans zum neuen Stadion.

Bräkling gehört nicht zu den Menschen, die das alte Stadion irgendwie verklären würden, aber dass sie eine bessere Stimmung hatten als im neuen, das sieht auch er so. „Zwei Faktoren“, sagt Bräkling. Erstens verfüge das neue Stadion nicht über eine Stehtribüne, die die gesamte Seitenlinie entlang läuft, „das wirkt sich aus“. Zweitens war der alte Tivoli ziemlich flach, die Gesänge hallten unter dem Dach viel lauter. Bräkling sagt: „Im alten Tivoli konnten wenige Leute genauso gut Stimmung machen wie viele. Im neuen Tivoli funktioniert das nicht.“

Aber er weiß ja, dass der alte Tivoli nicht zurückkommt. Es ist zwar noch nicht so, sagt er, dass die Fans sich mit dem neuen Stadion versöhnt hätten. „Aber langfristig“, sagt Bräkling, langfristig könnte das möglich sein. Die Fans werden jünger, den alten Tivoli kennen sie nicht.

Natürlich wird er am Samstag im Stadion sein, S 4, Stehtribüne, gleich unter dem Dach, da ist sein Platz, da singt er mit. Über 30 000 Menschen kommen, weil ja der Erste gegen den Zweiten spielt und vermutlich auch ein bisschen, weil das Spiel mittlerweile als Event gilt. Wer und was davon bleibt? Mal schauen, sagt Bräkling. „Bei einem Desaster kommen danach wieder um die 7000.“ Aber „wenn wir gewinnen, sind wir danach fünfstellig“. Wenn das Spiel unentschieden endet oder die Niederlage wenigstens umkämpft ist, könnten die Dinge sich ähnlich entwickeln, sagt Bräkling. „Und wenn die Mannschaft weiter oben mitspielt, dann kommen im Saison-Finale sicher 20 000 bis 25 000.“

Es sind einige „Wenns“ in Bräklings Sätzen. Aber er findet, dass die Chancen nicht schlecht stehen.

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