Der Mann, der die Berliner Mauer kaufte

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
steinebildzwei
Alles meins: Karl Sion kaufte der DDR 1989 Teile der Berliner Mauer ab. Er wollte die geschichtsträchtigen Steine vermarkten und damit das große Geld machen. Es wurde der größte Flop seines Lebens. Foto: Privatarchiv

Aachen. Es war ungefähr vor zwei Jahren. Da hat Karl Sion einen Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte im Bauschuttcontainer entsorgt. Es war, als er in seinem Betrieb aufräumte und diesen Steinhaufen sah. Erinnerungen kamen hoch. Ein Wutanfall - und ein Stück der Berliner Mauer und damit des Symbols deutsch-deutscher Teilung lag auf dem Müll.

Noch ein Stück weiter zurück: Es ist der 9. November 1989. Der damals 50-jährige Karl Sion sitzt in seinem Haus in Eilendorf und sieht die Nachrichten im Fernsehen: Die Grenzen der DDR sind offen, heißt es da. Die Mauer fällt. Was folgt, ist ein „Anfall von Blödsinn”, erinnert sich Sion.

Noch in derselben Nacht setzt er sich an die Schreibmaschine, tippt einen Brief und schickt ihn an die DDR-Vertretung in Bonn. Inhalt: Er sei daran interessiert, die Berliner Mauer - oder Teile davon - für 500.000 D-Mark zu kaufen. „Das war eine reine Schnapsidee, wobei ich allerdings völlig nüchtern war”, erzählt der Geschäftsmann. Da weiß er noch nicht, was aus dieser Schnapsidee werden sollte.

Denn tatsächlich erhält er eine Antwort und wird gar nach Berlin eingeladen. Dort trifft er Helge M., den „Chefverkäufer” der DDR in Sachen Mauer. Der Staat will tatsächlich das Bauwerk zu Geld machen, um dies - so heißt es damals - dem Gesundheitswesen in der DDR zukommen zu lassen. Es wird verhandelt.

Mehrfach reist Sion nach Berlin. Die Preise für die Steine klettern in dieser Zeit rapide und erreichen schließlich „utopische Bereiche”, so der heute 70-Jährige. Doch da ist er schon „Blind für die Realitäten”. Sion glaubt, mit der Geschichte viel Geld machen zu können. Er will originale Mauerstücke samt Siegel und Zertifikat an Mann und Frau bringen.

Und in der Tat wird ein Vertrag geschlossen, der Eilendorfer investiert seine Ersparnisse in das Geschäft. Doch das reicht nicht einmal. Er geht zur Sparkasse und beantragt einen Kredit. Doch für solch ein merkwürdiges Geschäft will man dort kein Geld locker machen. Sion sagt heute: „Die Sparkasse hat mich damals gerettet. Sonst wäre ich wohl bis an mein Lebensende verschuldet.”

Denn es dauert nicht lange, da kommt Sion der für ihn bitteren Wahrheit auf die Spur. Keineswegs ist er der „exklusive” Vermarkter der Mauerstücke. Davon gibt es vielmehr zahlreiche, die, so mutmaßt Sion heute, „genauso über den Tisch gezogen worden waren wie ich”. Will sagen: Die viel Geld für nichts investierten.

Als Sion nämlich Mauerteile in Berlin abholen wollte, da sah er folgendes: Jedermann nahm sich die umherliegenden Trümmer einfach als Souvenir mit nach Hause, ohne dafür auch nur einen Pfennig bezahlen zu müssen. Karl Sion lud noch einen Kleinlaster voll, den Rest seines Mauerteils ließ er am Ort der Geschichte.

„Betrug”, schimpfte er. Und schrieb das auch dem Ministerrat der DDR. Von wo aus er Antwort bekam: Sions Verdacht sei nicht abwegig, hieß es. Man gebe das Ganze an den Berliner Magistrat weiter. Es folgte ein Brief der Volkspolizei: Nein, man werde keine Ermittlungen gegen Herrn M. aufnehmen, teilte man Sion mit. Heute ist er zudem überzeugt: Sein Geld - und das der anderen „Mauervermarkter” - „erreichte mit Sicherheit nicht das DDR-Gesundheitswesen, sondern versickerte in dunklen Kanälen”.

Heute sitzt Karl Sion in seinem Büro und sagt: „Das war der größte Flop meines Lebens.” Der Eilendorfer berappelte sich. Anders als der „Chefverkäufer”, der sich später das Leben nahm, wie Sion erfuhr. Verkauft hat Sion nicht ein einziges Stück Mauer, verdiente keine müde Mark - im Gegenteil.

Einen Fehler gemacht

Ein paar Bruchstücke hat er noch, einen Haufen der „Originalzertifikate” und ein Stück Stacheldrahtzaun. Und weiß, dass er einen zweiten Fehler machte: die Mauerreste wegzuwerfen. „Die sind heute zum 20. Jahrestag begehrt. Angeblich originale Mauerteile werden sogar in Italien hergestellt und teuer verkauft”, sagt Sion. Seine Originale hingegen sind auf irgendeiner Mülldeponie „beerdigt”. Der Mauerfall, er wurde für Karl Sion zum teuren Reinfall. Böse ist er aber nicht mehr, sagt Sion, denn: „Es war eine Lebenserfahrung für mich.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert