Aachen - Der heftigste Schneefall seit 102 Jahren

Der heftigste Schneefall seit 102 Jahren

Von: Stephan Mohne und Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
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Haufenweise Probleme: Nicht nur der Besitzer dessen, was einmal ein Automobil war, dürfte sich Weihnachten gefragt haben, wie er die Schneemassen bewältigen kann. Der Winter hat Aachen fest im Griff.

Aachen. An den Festtagstischen wurde diskutiert und gerätselt: Wann hat es so etwas zuletzt gegeben? Haben wir so etwas überhaupt schon einmal erlebt? Antwort: Ja, haben wir. Besser gesagt: Nicht wir, sondern jene Aachener, die älter als 102 Jahre sind. 1908 war es, als Aachen Weihnachten im Schnee versank.

Und zwar noch deutlich drastischer als diesmal. Den Aufzeichnungen zufolge fielen damals weit über 80 Zentimeter Neuschnee, hat Jürgen Laufer vom Deutschen Wetterdienst herausgefunden. So diese Aufzeichnungen auch wirklich stimmen. Da klingen die rund 40 Zentimeter des Jahres 2010 noch vergleichsweise harmlos. „Trotzdem: Das war allerhand”, so Laufers Fazit.

Zumal ja noch einiges an Schnee aus den Vorwochen lag: „Das sonst so oft beobachtete Tauwetter zu Weihnachten blieb weitgehend aus”, sagt der Wetterexperte. So blieb unter dem Strich eine weiße Weihnacht, wie sie die allermeisten Aachener tatsächlich noch nie erlebt haben. Und die Schneemassen werden vorerst bleiben: „Es ist keine durchgreifende Wetteränderung in Sicht”, blickt Laufer voraus. Auf jeden Fall bis ins neue Jahr werde es weiß bleiben, auch wenn zunächst keine großen Neuschneefälle mehr erwartet werden.

Wohin mit dem Schnee?

Was denn auch beim Stadtbetrieb bereits zum Rätselraten führt: Die Straßen hat man zu einem Gutteil zwar schneemäßig mittlerweile im Griff. „Aber die Frage ist: Wohin mit den Schneemassen?”, sagt Dieter Lennartz, Abteilungsleiter für Straßenreinigung und Abfallentsorgung. Um die Fahrspuren frei zu bekommen, hätten die Räumfahrzeuge natürlich den Schnee an die Seite gepflügt. Wo er nun regelrechte Wälle bildet. Parkplätze sind absolute Mangelware am Straßenrand. Was zu ersten Überlegungen führt, ob und wo die Stadt vielleicht Schneemassen abtransportieren lässt: „Darüber werden wir uns jetzt Gedanken machen”, so Lennartz. Ein absolutes Novum wäre das.

Neu war sicher auch die Situation, an Weihnachten den Krisenstab zusammenzurufen. Unter anderem mit der Feuerwehr, der Polizei, der Stadt wurden Prioritätenlisten erstellt. So musste zunächst einmal sichergestellt werden, dass Krankenhäuser und Altenheime erreichbar blieben. Mit Hilfe eines Statikers wurden städtische Flachdächer begutachtet. Bilanz: Hier drohe noch keine Gefahr. Auch andere Hauseigentümer wurden vor der Gefahr von Schneemassen auf Flachdächern gewarnt - zum Beispiel bei großen Supermärkten. Wie an der Schillerstraße gab es große Räumaktionen.

Rund 270 Mitarbeiter des Winterdienstes seien über Weihnachten im Einsatz gewesen, berichtet Dieter Lennartz über dieses außergewöhnliche Ereignis. Rund um die Uhr sei in mehreren Schichten gearbeitet worden, seien die Räumfahrzeuge fast pausenlos unterwegs gewesen. Insbesondere in der Nacht zum 24. seien die Verhältnisse katastrophal gewesen. Da habe an einigen Stellen der Winterdienst auch kapitulieren müssen: „Das war einfach nicht alles zu schaffen”, so Lennartz. Bis Sonntag sah es dann schon wieder deutlich besser aus.

Dies gilt auch für den öffentlichen Personennahverkehr. Ab Donnerstagnachmittag, 23. Dezember, 16.30 Uhr, hat die Aseag für zweieinhalb Tage ihren Transportdienst eingestellt. Das gab´s noch nie. „Wir haben alles Menschenmögliche versucht. Die Mitarbeiter haben sich riesig ins Zeug gelegt”, sagt Aseag-Sprecherin Anne Linden. „Aber wir konnten angesichts der Schneemassen die Sicherheit unserer Fahrgäste nicht mehr garantieren”, wirbt sie um Verständnis.

Obwohl die Aseag an einigen Haltestellen - etwa am Hauptbahnhof - und über Radio auf den Transportstopp hinwies, warteten tausende Menschen an Bushaltestellen im Schneegestöber - auch am Elisenbrunnen. 220.000 Fahrgäste zählt die Aseag an normalen Werktagen, an Feiertagen und in der Ferienzeit natürlich weniger. Dass die Aseag ihre rote Flotte auch am 24. und 25. Dezember im Depot ließ, lag laut Linden an fehlenden Wendemöglichkeiten. „Sonst hätten wir zumindest die Hauptachsen Richtung Vaals und Brand bedienen können. Aber die Schneemassen machten es unmöglich, an den Endstationen umzukehren.”

Kritik an der Bereifung des Aseag-Busse weist die Sprecherin zurück. „Die M&S-Reifen an den Antriebsachsen und unser moderner Fuhrpark sind das beste Material, das man kriegen kann”, erklärt Linden. Seit Sonntagmorgen, 5.47 Uhr, rollen die Busse wieder.

Weil die Aseag über Weihnachten ausfiel, erlebte die Taxibranche einen beispiellosen Ansturm. Zeitweise brach die Telefonzentrale der Aachener Autodroschkenvereinigung (AAV) zusammen. Tausende Anrufer hatten gleichzeitig versucht, eine der etwa 130 Droschken anzufordern, die sich durch widrigste Winterwitterung in Aachen kämpften.

Die meisten Aachener mussten notgedrungen zu Fuß gehen. Scharenweise zogen Menschen am Abend des 23. Dezembers und tags darauf dick vermummt durch die verschneite Kaiserstadt. In aller Stille. Der übliche Verkehrslärm war abgeschaltet. Stattdessen vergnügten sich einige Skilangläufer und Schlittenfahrer sogar auf Hauptstraßen.

Ein gefährliches Problem sind die Eiszapfen an den Hausdächern, die teils meterlang sind. Auch deswegen gab es bei Polizei und Feuerwehr viele Anrufe. Wobei hier oft ans Ordnungsamt verwiesen wurde, denn die Beseitigung der eisigen Damoklesschwerter ist Sache der Hauseigentümer: „Wir versuchen, die Eigentümer zu erreichen”, sagt Ordnungsamtsleiter Detlef Fröhlke. Seine Teams waren ständig unterwegs. Mieter sollten ihre Vermieter auf die Gefahr hinweisen, appelliert Fröhlke. Spezialfirmen, die die Zapfen entfernen, sind derzeit allerdings fast ausgebucht. Weihnachten 2010 schreibt Geschichte.
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