Großer Glühwein-Test auf dem Weihnachtsmarkt Aachen

Der große Glühweintest: Im Einzelfall fast doppelt so viel Alkohol

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
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Wenn Forscher Rot sehen: Die RWTH-Wissenschaftler nahmen sämtliche Glühweine auf dem Aachener Weihnachtsmarkt genau unter die Lupe. Foto: Andreas Steindl
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Deftig, süß, mit Schuss oder ohne: Auf dem Aachener Weihnachtsmarkt gibt es Glühwein in vielen Varianten. Foto: Andreas Steindl
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Den Besuchern schmeckt's... Foto: Andreas Steindl
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...und auch das Ambiente auf dem Weihnachtsmarkt stimmt.

Aachen. Doppelt so starker Glühwein auf dem Aachener Weihnachtsmarkt? Viel mehr Alkohol? Oder am Stand nebenan nur halb so viele Kalorien? Da ist der geneigte Glühweinfreund dankbar für entsprechende wissenschaftliche Warnungen.

Deswegen analysiert ein versiertes RWTH-Team von Professor Andreas Jupke (AVT – Aachener Verfahrenstechnik / Lehrstuhl für Fluidverfahrenstechnik) mit der Aachener Zeitung stichprobenartig jedes Jahr das komplette Glühweinangebot auf dem Aachener Weihnachtsmarkt.

Ein Test, der weinmäßig wissenschaftlich fundiert, aber nicht bierernst gemeint ist. 18 Glühweine von 17 Ständen auf dem Markt, Katschhof, Münsterplatz, an Elisenbrunnen, Holzgraben und Willy-Brandt-Platz wurden vor Ort im Messbecher unter die Lupe genommen und danach im Labor präzise untersucht.

10,3 Volumenprozent im Schnitt

Unterm Strich kam dabei nach der Laboranalyse der jungen Wissenschaftler Teresa Kaiser, Christian Kocks und Lukas Schiffer heraus, dass durchschnittlich 10,3 Volumenprozent Alkohol, 101 Gramm Zucker und 195 Kalorien (kcal) in einem 0,2-Liter-Becher Glühwein zu finden sind.

Aber es gibt in Einzelfällen extreme Unterschiede: So drehen sich etwa im leckeren Glühwein der Hütte 16 am Rand des Elisengartens exakt 14,2 Volumenprozent Alkohol, während es beim in der heimischen Restaurantküche veredelten Tropfen aus dem Goldenen Einhorn am Markt nur 7,7 Volumenprozent sind.

Kocks erklärt: „Dieses Jahr konnten wir beobachten, dass der durchschnittliche Alkoholgehalt aller Glühweine im Vergleich zum Vorjahr um 0,5 Volumenprozent gestiegen ist. Außerdem wurde die Mindestfüllmenge von 0,2 Litern von den meisten Ständen sehr genau getroffen, und es ergab sich eine durchschnittliche Füllmenge von 206 Millilitern.“

Die „Ausreißer“: 34 Milliliter über dem Eichstrich landete die Stichprobe der Hütte 16, genau 12 darunter die des Einhorns. Bei Letzterem konsumiert der Glühweinfreund allerdings auch nur die Hälfte der Kalorien. Und er bekommt den Glühwein – wie früher – aus dem Topf.

Perfekte Temperatur dank Durchlauferhitzer

Die meisten Gastronomen erwärmen ihren Glühwein mittlerweile nicht mehr im Pott, sondern via Durchlauferhitzer. Was standardisierte Werte verspricht. Professor Jupke lobt: „Die regelmäßige Kontrolle trägt Früchte, die Qualitätsparameter des Glühweins werden von Jahr zu Jahr besser.“ Die Forscher geben das Optimum vor: „Der Glühwein sollte optimalerweise auf eine Temperatur zwischen 65 und 73 Grad Celsius erhitzt werden. Dann ist er angenehm warm, der Alkohol verflüchtigt sich aber noch nicht. Ab 78 Grad verdampft Ethanol als Reinstoff, und die Aromen und Gewürze können sich verändern und einen bitteren Geschmack verursachen“, erläutert die wissenschaftliche Mitarbeiterin Kaiser.

Einige Anbieter greifen übrigens in Sachen Glühwein auf dieselbe Quelle zurück. Trotzdem: Messwerte desselben Glühweins können aus verschiedenen Gründen schwanken. „Es kommt darauf an, wie lange der Glühwein im Topf ist, und es ergeben sich kleine Unterschiede aufgrund der Temperatur, mit der er erhitzt wurde. Verdampft der Alkohol aus dem Glühwein, verändert sich durch die Massenbilanz auch automatisch die Zuckerkonzentration pro Liter“, sagt die Expertin. Und räumt ein: „Natürlich hat jede Probe immer noch eine kleine Messungenauigkeit.“

Noch wichtiger: Welcher der beste Glühwein ist, bleibt Geschmackssache – die etwas deftigere Variante von Barrique, die helle Eigenkreation Einhorn, der Glühwein mit kostenlosem Schuss bei Hanswurst, die leicht aufschäumende Variante der Hütte 16, die vollmundigen Kreationen von Dorn und Ratskeller oder der naturbelassene Weintropfen beim Öcher Glühweintreff... Alle bestanden den Stichprobentest mit Bravour.

Was auch für die Gastronomen gilt: Alwin Fiebus und Ralph Cleef haben mit dem Hexenhof auf dem Münsterplatz ein einzigartiges Hüttenidyll geschaffen – und brühen ihren Glühwein in eigener Holzküche in großen glänzenden Kesseln für jeden sichtbar. Mehr Transparenz geht kaum. Marcel Schmitz am Glühweintreff kennt quasi jede Traube persönlich – und erklärt jedem vor Ort gerne, wie die wenigen Kalorien seines Bio-Glühweins zustande kommen. Oder wie man vegan keltert.

Zucker spielt Extra-Rolle

Schiffer resümiert: „Bemerkenswert fand ich, dass die Glühweinverkäufer ein so umfassendes Wissen über Glühwein haben und zum Teil sehr interessante Herstellungsmethoden nutzen.“ Damit sind auch die Ingredienzien wie zum Beispiel Anis, Zimtstangen, Gewürznelken, Vanilleschoten, Ingwer, Muskat, Koriander(saat) und Wacholderbeeren gemeint. Jeder bevorzugt seine eigene, natürlich geheime Rezeptur. Wobei der Zucker noch eine besondere Rolle spielt.

Der reichhaltigste Glühweinbecher – dessen Inhalt übrigens in der Regel genauso viel kostet wie der Pfandbehälter – enthält fast dreimal so viel Süße wie der sparsamste. Was aber wiederum nichts mit bis zu verdoppeltem Alkoholgehalt zu tun hat.

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