Aachen - Der ganz normale Alltag im Hospiz

Der ganz normale Alltag im Hospiz

Von: Lothar Stresius
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Soll für seine Gäste ein letzter angenehmer Ort der Geborgenheit sein: das Hospiz am Iterbach in der Nähe von Walheim mit seinen vierzehn modernen Einzelzimmern. Foto: Harald Krömer
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Hauswirtschafterin Petra Bauens freut sich, dass der individuelle Speiseplan samt Kuchen dankbar angenommen wird.
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FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 08.12.2015 Hospiz am Itterbach, Rosi Wagemann JOB: Hospiz 6

Aachen. Wenn man das Hospiz am Iterbach in Aachen betritt, empfängt den Besucher ein helles und freundlich gestaltetes Eingangsfoyer. Eventuelle Schwellenängste baut Rosi Wagemann schnell ab. Sie ist für den Empfang zuständig und spricht Besucher zuerst an.

Das Hospiz in der Trägerschaft der Home Care Betreibergesellschaft hat seit einigen Monaten für Menschen in der letzten Lebensphase seine Türen geöffnet. Es gab Mitte November vergangenen Jahres eine Eröffnungsfeier. Hier soll jetzt ein Blick auf den Alltagsbetrieb des Hauses geworfen werden.

Die Bewohner heißen „Gäste“ und diese Wortwahl wirft bereits ein Licht auf die Art des Umgangs mit den Bewohnern. Oberstes Ziel ist die Zufriedenheit der Gäste, und zwar vom Essen bis zum individuellen Schlafbedürfnis.

Simone Rütgers von der Pflegeleitung ist zuständig für die Aufnahme: Anfragen kommen von Angehörigen, den Sozialdiensten der Krankenhäuser und anderen, aber auch schon einmal von einem Betroffenen selbst. Voraussetzung für die Aufnahme ist eine „Hospiznotwendigkeitsbescheinigung“. Sie wird ausgestellt vom Arzt und darin steht, dass eine Heilung ausgeschlossen und die Lebenserwartung begrenzt ist.

Simone Rütgers macht die Angehörigen bekannt mit den Möglichkeiten des Hauses: Besuche sind jederzeit möglich, auch eine Übernachtung bei dem Gast kann arrangiert werden. Bei einer Hausführung kann man die Zimmer besichtigen. Es sind hell und freundlich eingerichtete Zimmer, alle mit Blick auf das Iterbachtal.

Die Belegung der Zimmer ist unterschiedlich: Mal gibt es Zeiten, in denen eine Warteliste die Aufnahme bestimmt, mal gibt es Tage, an denen ein Zimmer frei bleibt. Ein Anteil von 90 Prozent der laufenden Kosten wird von den Krankenkassen finanziert, die restlichen zehn Prozent müssen über Spenden aufgebracht werden.

Ursula Jöris aus dem Team der Pflegekräfte nennt das Ziel im Hospiz: „Symptomarme Pflege“. Das bedeutet, dass der Gast nicht unter Schmerzen leiden und keine Angst haben soll. Der Zustand eines Gastes kann sich schnell ändern. Für Simone Jöris ist deswegen eine kreative Herangehensweise im Umgang mit den Gästen unabdingbar. Es gilt den Blick auf das zu richten, was der Gast gerade braucht, und das kann jeden Tag anders sein. Die eigentliche palliativmedizinische Versorgung liegt in der Hand der Ärzte. Das sind in der Regel die Hausärzte; nach Bedarf aber auch ein Arzt von Home Care.

Beim Thema Essen wird die Ausrichtung auf die individuellen Wünsche des einzelnen Gastes besonders deutlich. Jeder wird gefragt, was er gerne essen möchte. Auf der Wochenspeisekarte gibt es nicht nur die üblichen Hinweise zu den verarbeiteten Zusatzstoffen, sondern da steht auch der Satz: „Der Speiseplan wird gemeinsam mit unseren Gästen erstellt. Gewohnheiten, Wünsche und Vorlieben werden individuell berücksichtigt und selbstverständlich der Befindlichkeit angepasst und serviert“.

100 Unterrichtsstunden

Angeboten wird normales Essen, Passiertes in Pürierformen und Schaumkost bei Schluckbeschwerden. Hauswirtschafterin Petra Bauens erzählt, wie dankbar dieser individuelle Speiseplan von den Gästen angenommen wird. Sie ist sehr zufrieden mit ihrer Arbeit im Hospiz. Man „gibt hier viel, bekommt aber auch viel zurück“. Darüber hinaus gestaltet das hauswirtschaftliche Personal auch besondere Anlässe wie beispielsweise Nikolauskaffee und Geburtstage. Kuchen werden immer selbst gebacken.

Hausmeister Holger Wrede, der naturgemäß meist mit der Haustechnik befasst ist, beschreibt seine Erfahrungen im Hospiz: „Es gibt keine traurige oder gedrückte Stimmung im Haus“. Der Hausmeister ist seit 2004 im Gebäude beschäftigt. Zuerst in der damaligen Geburtsklinik, jetzt im Hospiz.

Eine wichtige Aufgabe für den Alltag des Hospizes haben die Ehrenamtler, die vor allem die psychosoziale Versorgung unterstützen. Die Ehrenamtsleitung hat Martina Decker inne. Die ehrenamtlich arbeitenden Männer und Frauen absolvieren zu Beginn einen „Vorbereitungskurs“: 100 Unterrichtsstunden, die vom Konzept her den Richtlinien des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes entsprechen.

Themen sind beispielsweise Nähe und Distanz in der Begleitung, eigene Verlusterfahrungen, Sterbeprozess, Gesprächsführung und Palliativmedizin. Die Begleitung der Gäste kann ganz verschiedene Formen annehmen: Vorlesen, Gespräche führen oder einfach nur da zu sein.

Hannelore Didden, eine der ehrenamtlich arbeitenden Frauen, kommt ein Mal in der Woche ins Hospiz. Die wichtigste Grundvoraussetzung bei ihrer Arbeit sei das „Einfühlungsvermögen“. „Wir betreten das Zimmer und müssen uns dann auf die Situation einstellen“, und die könne sich je nach Befindlichkeit eines Gastes von Stunde zu Stunde ändern.

Die spezifische Krankheit eines Gastes werde nur selten thematisiert. Sie habe den Eindruck, dass bei vielen der medizinische Befund im Grunde akzeptiert sei. Es gebe trotzdem auch Gäste, die mit ihrem Schicksal hadern. Dies nehme aber „mit der Zeit ab, weil sie merken, dass alles für sie getan wird“.

Häufig bestehe ihr Trost als Gesprächspartnerin nur im Zuhören und einem Halten der Hand. „Ich kann stundenlang da sitzen. Viele Gäste möchten am Ende beten. Wenn es gewünscht wird, dann bete ich mit“.

Auf ihre eigene Belastung angesprochen antwortet Hannelore Didden: „Wenn Sie sehen, wie friedlich die Menschen hier sterben, dann belastet Sie das nicht.“ Hat sie trotzdem ein Problem, über das sie sprechen möchte, so stehe dazu eine Supervisorin bereit. Hannelore Didden fasst ihre Erfahrungen so zusammen: Die Arbeit im Hospiz „gibt einem ganz viel für das eigene Leben“.

„Wahnsinnsherzlichkeit“

Im Rahmen einer spirituellen Begleitung ist auch ein Gespräch mit einer katholischen Theologin und einem evangelischen Pfarrer möglich. Neben dem Eingangsfoyer befindet sich ein „Raum der Stille“, der für die spirituelle Begleitung genutzt werden kann.

Ein weiblicher Gast, der seit mehr als zwei Monaten im Hospiz lebt, bestätigt das, was als Grundstimmung im Haus mehrmals Erwähnung fand: An oberster Stelle stehen ihre Wünsche. Sie möchte morgens gerne länger schlafen und spricht von einer „Wahnsinnsherzlichkeit“ im Bereich der Pflege und Versorgung. Gerne unterhält sie sich mit Ehrenamtlern, die einen Hund mitbringen.

Das Gespräch wird kurz unterbrochen, als der IT-Fachmann des Hauses sie wegen eines von ihr gemeldeten Internetproblems in ihrem Zimmer anspricht. Hinterher ergänzt sie, dass leider der Handyempfang oft schlecht sei. Im Itertal gebe es keine gute Netzverbindung.

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