Der erste Streik trifft vor allem die Kitas

Von: Matthias Hinrichs und Oliver Schmetz
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Auch die Arbeitgeber sollten sich warm anziehen - so der Tenor auf dem Willy-Brandt-Platz: Mit Trillerpfeifen und reichlich Kampflust machten rund 400 Demonstranten ihrem Unmut Luft. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Wohl dem, der in Sachen „Daseinsfürsorge” am Donnerstag mehr oder weniger kurzfristig auf „Oma&Opa-Gmbh” und Co. zurückgreifen konnte. Die aktuelle Hängepartie bei den Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst haben nicht wenige Bürger erstmals richtig zu spüren bekommen - auch und vor allem die kleinsten.

Allein neun Kindertagesstätten hatten ihre Pforten am Donnerstag wegen des Warnstreiks erst gar nicht geöffnet.

„Nur neun von insgesamt 58 städtischen Kitas”, betonte Björn Gürtler vom städtischen Presseamt zwar - doch unterm Strich blieben etliche Eltern am Donnerstagmorgen mit ihrem Nachwuchs nach dem Streikmarathon im vergangenen Sommer abermals auf sich alleine gestellt. Betroffen von den Schließungen waren die Einrichtungen Alfonsstraße, Bergstraße, Düppelstraße, Eibenweg, Mariabrunnstraße, Passstraße 25, Reimser Straße, Richtericher Straße und Weißwasserstraße.

Aber auch in anderen Kitas blieb so manche Planstelle frei, weil etliche Erzieherinnen den Streikaufrufen der Gewerkschaften Verdi und Komba folgten. „In den Einrichtungen, die offen waren, lief der Betrieb relativ normal”, zog Gürtler gegen Mittag aus städtischer Sicht eine Bilanz, die aber nicht überall zutraf. Am Philipp-Neri-Weg 11 in Kullen waren beispielsweise von elf Erzieherinnen nur zwei am Platz, allerdings kamen auch nur zwölf der sonst üblichen 50 Kinder. Dort wie auch in der nahe gelegenen Kita am Reutershagweg, wo mehr als die Hälfte der Belegschaft streikte und man aus drei Gruppen zwei machte, waren die Eltern schon am Vortag auf Engpässe hingewiesen worden und hatten offenbar entsprechend reagiert.

Reaktionen erreichten auch die Stadt, aber laut Gürtler in Maßen: „Es gab nur vereinzelte Beschwerden von Eltern.” Doch auch die gingen an die falsche Adresse, betonte der Stadtsprecher: „Bei einem Warnstreik erhalten wir im Vorfeld gar keine Infos von den Gewerkschaften. Wir wussten überhaupt nicht, wo und in welchen Ausmaß gestreikt wird, und konnten deshalb auch keine Notpläne aufstellen.”

Dennoch lief das städtische Getriebe im Großen und Ganzen weitgehend rund - beim Stadtbetrieb und auch in den publikumsintensiven Einrichtungen wie Bibliothek, Museen und Schwimmhallen kam es nicht zu größeren Beeinträchtigungen - mit Ausnahme der Ursula-Klinger-Halle, den Aachenern noch besser bekannt als Westhalle. Dort blieb das Becken verwaist. Aufgrund des hohen Krankenstands sei es nicht - wie in den anderen Hallen - gelungen, genügend Aushilfskräfte zu mobilisieren, hieß es.

Die Aseag-Räder rollten indessen durchweg: Die Buschauffeure fahren nämlich seit rund zwei Jahren unterm „Flächentarifvertrag Nahverkehr”, der noch bis 2015 gilt - und sind insofern nur partiell von den Verhandlungsergebnissen betroffen, erklärte Aseag-Betriebsart Claus Schramm. Dennoch sei es durchaus denkbar und rechtens, dass auch der ÖPNV auf kurz oder lang bestreikt werde, falls es im Öffentlichen Dienst hart auf hart kommt, betonte Schramm.

Knallrote Perücken und Halstücher prägten hingegen am Morgen bereits das Bild auf dem Willy-Brandt-Platz - was mit Jeckerei rein gar nichts, mit den mäßigen Temperaturen weit weniger als mit der von den Gewerkschaften allseits gefühlten sozialen Kälte zu tun hatte. Rund 400 meist städtische Bedienstete - teils auch aus Würselen, Eschweiler, Stolberg und Düren angereist - machten ihrem Unmut über die schleppenden Verhandlungen auf Bundesebene Luft. Letztere sollte die Hauptadresse der geharnischten Verbal-Attacken von Verdi-Bezirkschef Dieter Jansen, dem städtischen Personalratsvorsitzenden Marc Topp und DGB-Chef Ralf Wölk bleiben.

Tenor: Vor allem die Bundesregierung sei dafür verantwortlich, dass die Kommunen am Rande des Ruins stünden. „Dass der Innenminister jetzt behauptet, unsere Forderung von insgesamt fünf Prozent sei maßlos und unbegründet´, ist einfach eine Schweinerei”, wetterte Jansen. Es sei nicht einzusehen, dass die Beschäftigten der öffentlichen Hand die „desaströse” Politik von CDU und FDP ausbaden müssten, während Banken und Wirtschaft mit Steuermitteln in Milliardenhöhe bedacht würden. Wölk: „In den vergangenen 20 Jahren sind im Öffentlichen Dienst rund 40 Prozent der Stellen gestrichen worden - das hatte einen Abbau von Leistungen zur Folge, den vor allem die Bürger zu spüren bekommen. Damit muss jetzt endlich Schluss sein.”
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