Depression: Eine ernste und häufig unterschätzte Krankheit

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An Depressionen erkrankt Symbolbild: Julian Stratenschulte
Depression: Im Gehirn herrscht ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe und Stresshormone. Die Anfälligkeit für eine Depression ist genetisch bedingt. Symbolbild: Julian Stratenschulte
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National und international anerkannter Experte: Prof. Dr. Dr. Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Uniklinik Aachen. Foto: Rolf-Uwe Limbach
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Patientin Monika Beckers und zwei Studentinnen der FH Aachen beim Gespräch im Klinikum. Foto: MCD

Aachen. Grün gestreifte Teppiche, metallverkleidete Wände, verschachtelte Gänge. Man kann hier leicht die Orientierung verlieren. Prof. Dr. Dr. Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, hat sein Büro in der dritten Etage der Uniklinik Aachen. Hier treffen wir heute Monika Beckers, Patientin im Uniklinikum – ihre Diagnose: Depression.

Monika Beckers ist 69 Jahre alt, wohnt in der Eifel und ist seit sechs Wochen in der Uniklinik, weil sie ihr Leben wieder einmal beenden wollte. Sie hat graue, kurze Haare, ist mittelgroß und trägt eine Brille, ein blaues T-Shirt, eine weiße Hose und eine goldene Kette. Sie hat ein freundliches Lächeln und wirkt aufgeschlossen, doch in ihren Augen kann man die Traurigkeit sehen. Ansonsten sieht sie aus wie du und ich, eine ganz normale Frau in der zweiten Lebenshälfte.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 5,3 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. 10.000 Menschen sterben jährlich durch Suizid. Die Anzahl der Suizidversuche ist 15- bis 20-mal so hoch.

„Depression ist eine der schlimmsten Krankheiten, die man haben kann, weil sie nicht nur den Körper betrifft, den Fuß oder den Bauch. Depressionen betreffen den gesamten Menschen”, sagt Prof. Schneider. Depressionen zeigen sich bei jedem Menschen anders und in vielen Facetten.

Ein Katalog von Symptomen

Um eine Depression sicher diagnostizieren zu können, verwenden Mediziner einen Katalog von Haupt- und Nebensymptomen. Zu den Hauptsymptomen zählen eine gedrückte Stimmung, der Verlust von Interesse und Freude sowie Antriebslosigkeit. Als Nebensymptome gelten ein vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, pessimistische Zukunftsperspektiven und Suizidgedanken, aber auch Konzentrationsschwäche, verminderter Appetit und Schlafstörungen. Halten mehr als zwei Haupt- und zwei Nebensymptome für mindestens zwei Wochen an, spricht man von einer Depression.

Oft geht eine Depression auch mit unterschiedlichsten körperlichen Beschwerden einher, wie Magen- oder Rückenschmerzen, Tinnitus oder Verdauungsstörungen. Als körperliche Ursache einer Depression kommen Veränderungen des Austauschs von Botenstoffen zwischen den Nervenzellen in Betracht. Veränderungen verschiedener neurobiologischer Funktionen im Gehirn gehen mit einer Depression einher. Es herrscht ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe und Stresshormone im Gehirn.

Bedingt durch die Komplexität sind die Veränderungen, die bei einer Depression auftreten, noch nicht abschließend erforscht und verstanden. Die Anfälligkeit, die sogenannte Vulnerabilität für eine Depression, ist genetisch bedingt. Stressoren wie hoher Leistungsdruck, veränderte Lebensumstände oder Schicksalsschläge können eine Depression auslösen. Erkrankte geben oft sich selbst die Schuld an ihrer Gefühlslage, doch es ist wichtig zu erkennen, dass Depression eine ernste und häufig unterschätzte Krankheit ist.

Es war 1992, in einer der schlimmsten Phasen ihrer Depression, als Monika Beckers sich erhängen wollte. Als ihr Mann sich weigerte die Wohnung zu verlassen, begann sie zu hyperventilieren. Sie bat ihn um Hilfe. Er brachte sie in ein Krankenhaus. Dort wurde ihr Valium gespritzt. Wenige Tage später entließ sie sich selbst. Sie fühlte sich dort vernachlässigt. Auch in einer Klinik muss die Chemie zwischen Mitarbeitern und Patienten stimmen, wie zwischen dem Patienten und seinem Therapeuten. Sie brach komplett zusammen, musste immer wieder erbrechen. Sie entschied sich für einen Aufenthalt in einer anderen Klinik. Nach acht Tagen auf einer geschützten Station folgten sechs Monate Medikamente und Psychotherapie. Dann wurde sie entlassen.

Vor 38 Jahren bemerkte sie zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmt. Ihr Hausarzt verschrieb ihr Beruhigungsmittel. Erst einige Jahre später wurde ihre Depression auch diagnostiziert. Um von den Beruhigungsmitteln wegzukommen, machte sie drei Jahre später eine einjährige Psychotherapie. Sie bekam ein anderes Medikament verschrieben – ebenfalls gegen die Depression.

Die Ärzte nahmen an, ihr Befinden sei einer Unterfunktion der Schilddrüse zuzuschreiben. Diese wurde behandelt. Die Depression blieb. Um die Depression und die große Unruhe in ihr zu bewältigen, versuchte Monika Beckers, sich unentwegt abzulenken. Sie konzentrierte sich auf etwas anderes. Alles, nur nicht sich selbst. Sie verrückte die Möbel in ihrer Wohnung unzählige Male. Sie arbeitete viel. Sie kümmerte sich um ihre Eltern und später um ihren kranken Ehemann. Ihr Mann wurde gesund. Als sie zwei Jahre arbeitslos war, wurde ihre Depression immer schlimmer. 1998 machte sie eine ambulante Verhaltenstherapie, die ihr half. Im Dezember 2016 wurde Monika Beckers in die Uniklinik Aachen eingeliefert. Sie hatte sich die Pulsadern aufschneiden wollen.

Schon in der Notaufnahme behandelte sie ein Psychiater. Sieben Wochen verbrachte sie in stationärer Behandlung. Ihre Medikamente wurden erneut umgestellt und intensive Psychotherapie wurde durchgeführt. Dann folgte die Entlassung. Im März begab sie sich in eine Reha. Dort nahm sie durch Appetitlosigkeit sieben Kilo ab. Ihre Medikamente wurden abgesetzt. Stattdessen verschrieb man ihr Beruhigungsmittel. Sie beschloss, alle auf einmal zu schlucken und ließ sich wieder in die Uniklinik einweisen.

Monika Beckers nimmt Medikamente und ist ambulant in Therapie, seit sie weiß, dass sie eine Depression hat. Es gab keine Zeit, in der sie keine Tabletten geschluckt hat. Manchmal lässt die Wirkung nach. Daran und an herausfordernden Situationen in ihrem Leben erklärt sie sich die schlimmen Phasen der Depression: „Morgens möchte ich noch immer sterben.“

Das ist das „Morgentief“, erläutert Professor Schneider. Dieses wird durch zirkadiane Schwankungen der Gehirnfunktion verursacht. In den letzten Wochen hat sich Frau Beckers‘ Zustand schon erheblich verbessert. Das läge an den neuen Medikamenten und vor allem an der Psychotherapie. Sie arbeite sehr viel an sich. Schneider bestätigt, dass das eine Hauptvoraussetzung zur Genesung ist. Ganz langsam wird sie wieder an ihren Alltag herangeführt. In ihrem Tempo.

Depression behandeln

Zur Behandlung einer Depression stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Dazu zählen Medikamente wie Antidepressiva, verschiedene psychotherapeutische Ansätze und andere Therapieformen wie Wachtherapie und Entspannungstherapie. Kontrollierte Schlafreduktion ( „Wachtherapie“) zeigt sich bei der Behandlung von sehr schweren Depressionen als besonders wirksam. Auch bei saisonal bedingten Beschwerden können diese Therapieformen Linderung verschaffen, so auch die Lichttherapie.

Meist handelt es sich bei der Behandlung einer unipolaren Depression um eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten. Das zeigt den größten Erfolg auf, vor allem wenn die Patienten aktiv an sich arbeiten. „Die Patienten müssen Experten ihrer Krankheit werden“, erklärt Frank Schneider.

Antidepressiva wirken regulierend auf die Funktion bestimmter Botenstoffe im Gehirn und können so helfen, Antrieb und Stimmung zu verbessern. Probleme erscheinen den Betroffenen so wieder bewältigbar.

„Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich in Behandlung zu geben, sondern verantwortungsbewusstes Verhalten”, sagt Sabine Falkenau, Betroffene mit Depressionen. Sie betont, wie wichtig es für sie sei, über ihre Gedanken und Gefühle reden zu können, ohne das Gefühl zu haben, ihren Freunden ständig zur Last zu fallen.

Dank fortschreitender Enttabuisierung begeben sich immer mehr Betroffene in Behandlung. Dennoch dauert es teilweise Jahre bis Erkrankte professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Der Zustand, in dem sie sich befinden, wird von Betroffenen oftmals als unerträglich empfunden. Dadurch kann der Wunsch entstehen, sich das Leben zu nehmen. In den letzten 30 Jahren sank die Zahl der Suizide, bei gleichzeitig steigenden Zahlen von Behandelten, bereits von 18.000 pro Jahr auf 10.000 jährlich.

Das Risiko für einen Rückfall bei einer Depression ist hoch. „Die Behandlungsmöglichkeiten stoßen an ihre Grenzen“, gibt Schneider zu. Wenn man sich andere Krankheiten, wie zum Beispiel Krebs und Herzerkrankungen anschaue, sei es nicht anders, erklärt Schneider. Deswegen müsse man diese Krankheiten weiter erforschen und neue Therapien entwickeln – so wie in Aachen. Bewältigungsstrategien für den Umgang mit Depression sind wichtig. Diese können in therapeutischer Begleitung erarbeitet werden. Auch Atemtechniken und Meditation können durch ihre stresslindernde Wirkung helfen, mit einer Depression besser zurechtzukommen.

Unverständnis

„Das Wetter wird auch wieder besser.” Diese Worte sind Monika all die Jahre in Erinnerung geblieben – nicht etwa, weil sie hilfreich gewesen wären; im Gegenteil. Sie erinnern Monika an all die Menschen, die ihr wegen ihrer Depression mit Unverständnis begegnet sind. Für Nicht-Betroffene ist es oft sehr schwierig, das Leid Betroffener zu verstehen. Sie fühlen sich teilweise mit der Situation überfordert. Es ist nicht immer leicht, als gesunder Mensch verständnisvoll zu reagieren, doch für Betroffene sind Zuwendung und ein offenes Ohr sehr wichtig. Monika Beckers wäre ohne die Aufmerksamkeit ihres Mannes heute nicht mehr am Leben.

Notwendig ist auch ein gut funktionierendes medizinisches Versorgungsnetz. Monikas Behandlung wurde schnell in die Wege geleitet. Eine andere Erfahrung machte eine junge Patientin aus Aachen, die seit einiger Zeit an einer depressiven Störung leidet. Sie bemängelt Wartezeiten von teilweise acht Monaten auf einen Platz bei einem Psychotherapeuten. In einer Tagesklinik konnte sie schneller einen Therapieplatz bekommen.

In der Regel ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner, wenn Patienten den Verdacht haben, an einer Depression erkrankt zu sein. Dieser schreibt eine Überweisung zu einem Psychotherapeuten, Psychiater oder Neurologen. Auch bietet sich die Möglichkeit, sich in Aachen in einer Tagesklinik behandeln zu lassen.

Psychologische Betreuung

Die RWTH Aachen und die FH Aachen bieten Studierenden und Doktoranden mit dem Zentrum für psychische Gesundheit (ZPG) am Uniklinikum einen niedrigschwelligen Zugang zu psychologischer Betreuung. In akuten Fällen ist die Notaufnahme die richtige Anlaufstelle, zum Beispiel bei Selbstmordgefahr.

Zur Prävention wie zur Genesung ist es unerlässlich, sich gut um sich selbst zu kümmern. Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst, positiven Stress fördern, negativen Stress reduzieren und aktiv tätig sein, legen eine gute Basis. Auch das Gefühl, mit seinem Tun Sinnvolles zu schaffen, hilft, einer Depression vorzubeugen.

Bei der Vorbeugung eines Rückfalls ist die Früherkennung besonders wichtig. Betroffene können lernen, erste Anzeichen einer depressiven Episode zu erkennen. Eine frühzeitige Behandlung hilft, den Verlauf abzuschwächen.

Für Monika ist es wichtig, anderen mit auf den Weg zu geben, dass man sich mit seinen Problemen auf keinen Fall zurückziehen soll, sondern Hilfe annehmen, sich an den Hausarzt oder Freunde wenden und über die Situation sprechen.

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