Aachen - Demos in Aachen: Tausende geben Nazi-Spuk keine Chance

Demos in Aachen: Tausende geben Nazi-Spuk keine Chance

Von: Matthias Hinrichs und Svenja Pesch
Letzte Aktualisierung:
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Gegen braunen Terror: Gegen 18 Uhr versammelten sich rund 300 Gegendemonstranten am Bahnhof. Die Rechten trudelten nur allmählich ein. Foto: Schmitter/Roeger
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„Wir sind Aachen . . .“: Vor dem Elisenbrunnen gaben sich Künstler unterschiedlichster Herkunft, wie Sängerin Lizusha Kostyuk, ein Stelldichein vor mindestens 1000 Fans der kulturellen Vielfalt. Das Volksfest mit Kabarett und Musik ging erst gegen 22 Uhr zu Ende. Foto: Schmitter/Roeger
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Marsch Richtung Theater: Abgesehen von zahllosen Polizisten fand sich niemand, der sich dem Demozug angeschlossen hätte. Von einem Balkon aus wetterte eine Gruppe junger Leute gegen den bizarren Auftritt. Foto: Schmitter/Roeger
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Kein Durchkommen: Die Achsen zwischen Bushof und Alexianergraben waren ebenso hermetisch gesperrt wie das Bahnhofsumfeld. Foto: Schmitter/Roeger

Aachen. Am Ende blickte Polizeipräsident Klaus Oelze am Bahnhofplatz mit sichtlicher Erleichterung auf die Szenerie: Gegen 21.30 Uhr – rund dreieinhalb Stunden nachdem die ersten Aktivisten der neonazistischen Partei „Die Rechte“ sich am frühen Samstagabend am Hauptbahnhof versammelt hatten – war der braune Spuk in der Aachener Innenstadt zu Ende. Fast 1000 Polizeibeamte aus ganz Nordrhein-Westfalen waren im Einsatz.

Erwartungsgemäß waren durch den Marsch der etwa 90 ultrarechten Demonstranten bis zum Theaterplatz und zurück zum Bahnhof große Teile der Innenstadt ab dem Nachmittag blockiert. Worüber Oelze am Ende des obskuren „Lichterzugs“ freilich nur sein Bedauern aussprechen konnte: „Es tut mir Leid, dass beinahe ein Drittel der Stadt durch diese Kundgebung lahmgelegt worden ist. Aber das ist der Preis der Demokratie“, sagte er der AZ.

Ein Zeitzeuge rüttelt auf

Umso lebhafter gestaltete sich die Gegenkundgebung, die der „Runde Tisch gegen rechts“ mit zahlreichen Künstlern unterschiedlichster Herkunft am Elisenbrunnen organisiert hatte. Mindestens 1000 Menschen feierten dort friedlich und einträchtig. OB Marcel Philipp hielt ein engagiertes Plädoyer für Toleranz und Pluralität. Er erinnerte an den ersten Verfassungsgrundsatz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und es tut gut, so viele von Ihnen und euch hier zu sehen. Wir zeigen unsere tiefe Abscheu gegen Nazis auf friedliche Art und Weise.“ Mit einem flammenden Appell an die Menschlichkeit rief der 93-jährige Hein Kolberg die Diktatur des Nationalsozialismus in Erinnerung.

„Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass sich so etwas niemals wiederholen kann“, rief der ehemalige Gewerkschafter und Zeitzeuge unter großem Applaus. „Lasst uns heute Flagge zeigen!“ Zahlreiche Vertreter aller demokratischen Parteien, darunter Städteregionsrat Helmut Etschenberg nebst mehreren Bürgermeistern aus dem Altkreis und Ulla Schmidt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags – sie alle standen gemeinsam für die gute Sache ein. Und dass die Pluralität der diversen Kulturen und Lebensweisen eine Bereicherung darstellt, zeigten die auftretenden Künstler in beeindruckender Weise. Lizusha Kostyuk begeisterte mit ihrer (Gesangs)-Comedy aus Russland ebenso wie der aus Afrika stammende Musiker Pascal Salimou, die Kabarett-Truppe Rebell Comedy sowie die Kultband „Lagerfeuer“, die ihre letzte Zugabe erst gegen 22 Uhr gab.

An der linken Bahnhofsseite hatten sich unterdessen bereits gegen 18 Uhr rund 300 weitere Gegendemonstranten versammelt, um mit Trillerpfeifen und Transparenten ihrer Wut Luft zu machen. Gut zwei Dutzend Menschen versuchten kurzzeitig, den Abzug des radikalen Trüppleins, das sich ab 18 Uhr nur sehr allmählich vor dem Hauptzollamt formierte, per Sitzblockade zu verhindern. Sie löste sich ohne Zwischenfälle auf, als die Polizei die Neonazis in sicherer Entfernung vorbei leitete.

Erst gegen 19.40 Uhr setzte sich der bizarre Zug der 90 Ultrarechten unter lautstarkem Protest in Bewegung. Lediglich zehn Teilnehmer durften dabei brennende Fackeln mit sich führen, die Übrigen trugen Kerzen. Über Leydel-, Wall- und Theaterstraße zogen sie mit lautstarken Parolen „für Volk, Rasse und Nation“ bis zum Theaterplatz / Ecke Kapuzinergraben, wo sie eine Kundgebung abhielten – unbehelligt von zahlreichen Gegendemonstranten, die an den Absperrungen am Elisenbrunnen und am City-Center lautstark protestierten: „Nazis raus!“

Die Besucher der Vorstellungen von „Don Carlo“ und „Homo Faber“, die um 19.30 Uhr beziehungsweise um 20 Uhr begannen, hatten zuvor ausschließlich zu Fuß vom Elisenbrunnen aus bis zum Theater gelangen können. Eine Mitarbeiterin sorgte dafür, dass auch die Künstler, die sich nicht ausweisen und natürlich keine Karten vorweisen konnten, durchgelassen wurden.

Nach etwa 20 Minuten traten die Rechtsradikalen den Rückmarsch über die gleiche Route an. Über die Wallstraße zogen sie schließlich zum Marschiertor, wo nochmals eine etwa halbstündige Kundgebung stattfand, bevor der Demozug wieder zum Bahnhof geleitet wurde. Erst am späten Abend konnte der Verkehr zwischen Normaluhr, Marschiertor und City-Center wieder unbehindert fließen.

Vier Festnahmen und eine „Verunglimpfung“

Vier Strafanzeigen und ebenso viele vorübergehende Festnahmen meldete die Polizei in ihrer Bilanz. Ein Redner der Rechten kassierte eine Anzeige wegen Verdachts auf „Verunglimpfung des Staates“ bei einem Beitrag auf der Kundgebung.

Ein offensichtlich geistig verwirrter Mann, der versucht hatte, den Moderator der Gegenkundgebung am Elisenbrunnen, Khalid Bounouar, mit einem Stock zu attackieren, wurde ebenfalls angezeigt und vorübergehend in Gewahrsam genommen.

Zwei Personen, die mit Bierdosen auf Beamte geworfen hatten, wurden kurzfristig festgenommen und erhielten Anzeigen. Ein Mann musste in Gewahrsam genommen werden, da er eine Absperrung durchbrechen wollte und einem Platzverweis nicht nachkam. Ein weiterer Mann erhielt eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung.

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