„Delikatessen” werden auch mit Händen erzählt

Von: Anja Klingbeil
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Diese Gebärde bedeutet „Theater”: Daniela Raabe-Driesen freut sich auf die Vorstellung und hofft, dass viele Gehörlose im Publikum sitzen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Langsam kommt das Lampenfieber. „Ich bin nervös, immer wenn ich drüber nachdenke”, sagt Daniela Raabe-Driesen und lächelt. Am Mittwoch, 3. März, steht die 33-Jährige gemeinsam mit den Schauspielern des Das Da Theaters auf der Bühne. Aber nicht etwa als Darstellerin.

„Wobei ein wenig spielen muss ich wahrscheinlich schon”, glaubt Daniela Raabe-Driesen. Sie wird mit Monika Walenski das komplette Stück - gespielt wird „Delikatessen” von Erik Van Dijke - übersetzen. Daniela Raabe-Driesen ist staatlich anerkannte Gebärdendolmetscherin. Es ist ein Experiment, sowohl für die Schauspieler als auch für die beiden Dolmetscherinnen. Und es ist zugleich eine Premiere: Noch nie gab es beim Das Da Theater eine Sondervorstellung für Gehörlose.

Durch Zufall ist die Sprachwissenschaftlerin an der Uni mit der Deutschen Gebärdensprache in Berührung gekommen. Die hat ihr so viel Spaß gemacht, dass sie nach ihrem Studium, parallel zum Job, zweieinhalb Jahre lang ihre Ausbildung zur Dolmetscherin absolviert hat. „Ich finde das einfach eine ganz spannende Sache. Die Gebärdensprache ist sehr faszinierend. Man drückt in ganz tollen Bildern viele Dinge aus. Es handelt sich um eine visuelle und bildhafte Sprache”, erklärt Daniela Raabe-Driesen.

Wie in der Mundsprache gibt es innerhalb der Gebärdensprache nicht nur Unterschiede von Land zu Land, sondern auch verschiedene Dialekte. Der Bayer redet anders als der Hamburger. Das drückt sich auch in unterschiedlichen Gebärden aus. Zudem hat die Gebärdensprache eine eigene Grammatik. Artikel gibt es keine. Aus dem gesprochenen „Geht es dir gut?” wird so etwa „Hallo, du gut?” Wichtig ist immer, dass die Wörter zusätzlich mit dem Mund geformt werden. Denn viele Begriffe haben die selbe Gebärde.

Erst 2002 wurde die Gebärdensprache in Deutschland offiziell anerkannt. „Sie war auf dem Mailänder Kongress von 1880 verboten worden, weil man wollte, dass die Gehörlosen lernen, von den Lippen abzulesen”, sagt die gebürtige Kölnerin, die schon seit Jahren in Aachen lebt.

Im Gegensatz zu anderen Ländern seien Gehörlose in Deutschland immer noch nicht richtig integriert. In Amerika etwa gibt es eine eigene Universität für Gehörlose. Und in den skandinavischen Ländern seien sie in den normalen Unterricht integriert. „Ich würde mir wünschen, dass das in Deutschland auch möglich ist, aber das dauert wohl noch seine Zeit”, glaubt sie.

Wie es wäre, selber nichts zu hören, kann sie sich kaum vorstellen: „Das fände ich schon sehr gruselig, aber ich weiß ja auch wie es ist, zu hören. Wenn man das von Geburt an nicht kennt, ist es vielleicht einfacher.” Das Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit dem Das Da Theater sei immerhin ein Anfang. Denn es gibt zwar Gehörlosentheater, aber spielen dort eben auch Gehörlose für Gehörlose.

Die 33-Jährige ist sehr gespannt, wie das Zusammenspiel zwischen Dolmetscherinnen und Schauspielern auf der Bühne funktioniert. Wobei Bühne vielleicht das falsche Wort ist: Denn eine solche gibt es in ihrer klassischen Form bei „Delikatessen” nicht. Die Zuschauer nehmen an einer U-förmigen Tafel Platz, sitzen quasi gemeinsam mit den Schauspielern am Tisch, werden sogar bewirtet. Die beiden Dolmetscherinnen werden synchron übersetzen. „Das bedeutet für mich auch enorm viel Vorbereitung”, sagt sie. 80 Minuten lang wird sie den Schauspielern ihre „Stimme”„ leihen. Bei diesem Gedanken ist die Nervosität gleich wieder da.

Aber Lampenfieber haben ja bekanntlich auch die routiniertesten Schauspieler.
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