Das „Weg-Bier” und die Pfandsammler

Von: Stefan Herrmann
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Die Flasche aus dem Mülleimer
Die Flasche aus dem Mülleimer fischen? Im Internet gibt es Initiativen die andere Ideen verfolgen: Mehr Würde für die, die vom Pfandsammeln leben, fordert die Plattform „Pfand gehört daneben”. Bei „Pfandgeben.de” kommen die Sammler auf Anruf. Foto: imago/Schöning

Aachen. Ein ganz normaler Freitagabend in der Pontstraße: Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen schlendern über die Partymeile. Das Wochenende steht vor der Tür. Alle suchen Zerstreuung, Ablenkung vom Alltag.

Gerade junge Menschen genehmigen sich gerne schon auf dem Weg in die nächste Kneipe noch ein „Weg-Bier” - oder „Fuß-Pils”. Ist die Flache leer, landet sie nicht selten im nächsten Mülleimer, inklusive der acht Cent Pfand.

Achtlos schmeißen Partyhungrige hier Geld weg, das anderen Menschen helfen könnte. Pfandflaschen-Sammler gehören in Aachen längst zum Stadtbild dazu. Sie wühlen in Mülleimern nach 8 Cent-, 15 Cent- und 25-Cent-Leergut. „Das muss nicht sein!”, propagieren zwei Initiativen im Internet. „Pfand gehört daneben” heißt die eine, „Pfand geben” die andere.

Bekannte deutsche Bands wie die Beatsteaks und Jennifer Rostock sowie Moderatorin Sarah Kuttner unterstützen erstere Aktion. Auf dem Facebook-Profil von „Pfand gehört daneben”, das seit November 2011 online ist, haben bereits mehr als 13.500 User den „Gefällt mir”-Button gedrückt. Eine Erfolgsgeschichte?

Wer auf der Seite pfandgeben.de Aachen eingibt, stößt auf zwei Namen: Simon und Siggi. Beide haben ihre Handynummer angegeben. „Hilf Pfandsammlern bei ihrer Suche und werde Deine Flaschen los”, wirbt die Homepage und wünscht gleich noch viel Spaß dabei.

Von Spaß kann bei Siggi keine Rede sein. Der 53-Jährige hat den sozialen Abstieg am eigenen Leib erfahren müssen. Zunächst lief es super: Jura-Studium, eigene Kanzlei, beruflicher Erfolg. Dann kam die Krise. Siggi war pleite, rutschte in Hartz IV. Heute herrscht Tristesse.

„Ich sehe keinen Ausweg”, sagt er und blickt pessimistisch auf seine Jobaussichten. Da Geld immer knapp ist, meldete er sich bei pfandgeben.de an. In den letzten drei Monaten habe er drei Anrufe erhalten. „Das waren immer Studenten, die nach einer Party viele leere Flaschen übrig hatten”, erzählt er. Mit Rucksack und Handwagen hat Siggi sie dann abgeholt - 180 bis 200 Stück. Der Lohn: 15 Euro Pfandgeld.

Seit fünf Jahren lebt Siggi von Hartz IV. Vom Anwalt zum Flaschensammler - eine traurige Karriere. Auch in Mülleimern habe er schon einmal nach Pfandgut gesucht. Gerne hat er das nicht getan. „Es ist beschämend für eine Gesellschaft, dass es so etwas überhaupt gibt”, sagt er. Doch die meisten wenden den Blick eh ab, wenn sie Armut vor der eigenen Haustür sehen. Davon kann der 53-Jährige ein Lied singen.

Simon ist ein ganz anderer Fall. Vor einem halben Jahr stieß er auf pfandgeben.de. Zuvor hatte er einen Fernsehbericht über die Aktion gesehen. „Aus reiner Neugier und weil ich die Idee ganz witzig finde”, erzählt der Student, habe er sich dann einfach mal angemeldet. Das Feedback war bisher allerdings äußerst bescheiden.

Gerade einmal einen (!) Anruf habe er in den vergangenen sechs Monaten erhalten, um eine Flaschen-Fuhre abzuholen. Das Ergebnis: „Vier Tüten voll, größtenteils 25-Cent-Einwegflaschen”, sagt der 27-Jährige. Immerhin.

Angewiesen auf die Zusatzeinnahme „Flaschen sammeln” ist Simon nicht. Ob das Projekt pfandgeben.de überhaupt die richtigen Leute - also die, die wirklich auf die Einnahme Pfandflasche angewiesen sind - anspricht, bezweifelt Simon. Menschen, die tief in der Mülltonne graben müssen, in der Hoffnung, eine Flasche im Wert von ein paar Cent herausfischen zu können, besitzen häufig keinen Internetzugang und kein Handy.

„Ob dann der soziale Aspekt, den die Aktion verfolgt, wirklich zum Tragen kommt, weiß ich nicht”, meint Simon. Er bleibe erst einmal angemeldet, sagt er. Sollte aber plötzlich der ganz große Anruf-Ansturm einsetzen, würde er sich möglicherweise wieder abmelden. Denn statt Flaschen steht ihm der Sinn eher nach Fachbüchern. Er schreibt momentan an seiner Diplomarbeit.

Der Berliner Matthias Gomille hat im November 2011 die Initiative „Pfand gehört daneben” ins Leben gerufen. Sie setzt sich vornehmlich dafür ein, die leere Flasche eben nicht in den Mülleimer zu schmeißen, sondern sie sicher und sichtbar daneben zu stellen. „Ich habe die Aktion nicht als Kampagne gegründet”, sagt er heute. Das Statement, das er und und ein paar Freunde setzen wollten, sei zum Selbstläufer geworden. Nun sei er selbst überrascht, welche Dimension seine „einfache Idee” angenommen habe.

In Städten wie Hamburg, Berlin oder auch Nürnberg werden sogar separate Pfandkisten an Laternenmaste montiert. Die Organisatoren installieren sie in Guerrilla-Manier ohne städtische Genehmigung. Dort kann dann jeder seine leer Pfandflasche reinstellen - alles für den guten Zweck. Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht in Aachen anders aus. Denn grundsätzlich gehört Müll nun mal in den Mülleimer. Und Pfandlaschen? „Die gehören in die Geschäfte, in denen sie gekauft worden sind”, stellt Detlev Fröhlke, Leiter des Ordnungsamtes, klar. Und halt weder in und auch nicht neben die Müllbehälter.

Mit Internet-Initiativen à la „Pfand gehört daneben” hat der Behördenleiter daher „ein paar Problemchen”, wie er sagt. Denn sie würden mit ihrer ja prinzipiell guten Grundidee etwas zu kurz greifen.

Flaschen, die neben Mülleimern abgestellt werden, mutieren laut Fröhlke nämlich schnell zur Gefahrenquelle: für Radfahrer, für Kinder. Wenn sie umfallen, können sich Passanten leicht an den Scherben verletzen. Ganz zu schweigen von Vandalen, die die Flaschen mutwillig umkicken und zerstören. Matthias Gomille zeigt Verständnis: „Gegen die Argumentation einiger Stadtverwaltungen möchte und kann ich nichts sagen.”

Leute von Lemonaid, einer Hamburger Firma, die Limonade und andere Getränke herstellt und mit dem Erlös soziale Projekte unterstützt, rufen mittlerweile online dazu auf, die Pfandkiste in Marke Eigenbau herzustellen. Das „Pfand gehört daneben”-Team sitzt mit im Boot. Wäre das auch in Aachen vorstellbar? Ordnungsamtsleiter Fröhlke verschließt sich der Option nicht grundsätzlich. „Dies wäre eher eine Lösung, als die Flaschen einfach neben die Mülleimer zu stellen”, sagt er.

Matthias Gomille möchte mit seiner Aktion vor allem Aufmerksamkeit schaffen: „Machen wir uns nichts vor, weder die Pfandkiste noch das daneben stellen sind endgültige Lösungen. Sie sind vielmehr eine Art Wegbereiter und Machbarkeitsstudie. Sie beweisen, dass, wenn wir nur die Möglichkeit schaffen, diese auch genutzt wird.”
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