Aachen - Das Thema aus dem Tabu-Bereich holen

Das Thema aus dem Tabu-Bereich holen

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Diskutierten Probleme und stellten Angebote vor: von links Dr. Simone Pfeiffer-Bohnenkamp (Sozialwerk), Moderator Marcus Lube, Initiatorin Julia Frambach, Achim Monnartz (breakfast4kids), Dr. Sabine Tramm-Werner (AGIL), Hans-Peter Leisten (Kindern den Tisch decken), Kurt Savelsberg (breakfast4kids), Andrea Winands (AGIL), Stephan Küpper (Maria im Tann) und Andreas Biener (Grundschule Driescher Hof). Foto: Andreas Steindl

Aachen. Hungrige Kinder ohne Frühstücksbrot in Schule oder Kindergarten - dieses Bild hat Julia Frambach nicht losgelassen: „Nachdem auch ich erst mal weggeguckt habe, wollte ich mich schließlich nicht mehr damit abfinden und etwas tun.” Heraus gekommen ist so etwas wie eine Initiative mit dem Namen „Aachen macht satt”.

„Denn nur mit ausreichend Nahrung funktionieren Lernen, Kommunikation, Freundschaft, Selbstverwirklichung”, sagte Frambach bei einer ersten Veranstaltung in der Rosfabrik des Sozialwerks Aachener Christen. Frambach, stellvertretende schulpolitische Sprecherin der FDP, hatte den Impuls zu dieser überparteilichen Veranstaltung gegeben. Es berichteten Initiativen und Einrichtungen, die bereits gezielt gegen Kinder-Hunger in Stadt und Städteregion vorgehen.

60 Prozent hungrig

Ziel war vor allem, das Thema aus dem Tabu-Bereich zu holen. „Die Not wird natürlich nicht zur Schau gestellt, deshalb lässt sich das Thema noch leicht unter den Tisch kehren”, meinte Andreas Biener, Schulleiter der Grundschule Driescher Hof.

An seiner Schule bekommen 85 Kinder ein Frühstück vom Verein „breakfast4kids”. Biener schätzte, dass am Monatsende 60 Prozent der Kinder an seiner Schule hungrig zur Schule kommen, „auch wenn sich durch die Mittagsversorgung der Offenen Ganztagsschule das Problem etwas entschärft hat.”

Sabine Tramm-Werner, Leiterin des Projekts AGIL (Aktiv, Gesünder is(s)t leichter) des Kinderschutzbundes, mahnte gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Andrea Winands zur Vorsicht: „Wir dürfen Kindern nicht das Gefühl geben, dass sie Almosen annehmen müssen, um satt zu werden. Auch das ist für die Chance auf Selbstverwirklichung elementar.”

AGIL sorgt deshalb zum einen dafür, dass Eltern Kochen und Essenszubereitung lernen, aber auch dass Kinder sich soviel Wissen über gesundes Essen aneignen können, dass sie selbstbewusst eben dieses bei ihren Eltern einfordern. „Wir wollen die Eltern nicht aus der Pflicht für die Versorgung ihrer Kinder entlassen.”

Dass Essen mehr ist als satt werden, betonte Stefan Küpper, Direktor des Zentrums für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe „Maria im Tann”: „Dort, wo nicht gemeinsam gegessen wird, liegt die Kommunikation am Boden.” „Maria im Tann” bietet seinen Familien deshalb Erziehungstrainings kombiniert mit Kochkursen an.

Ursachen angehen

Hans-Peter Leisten, AZ-Redakteur und Koordinator des AZ-Projektes „Aachener Kindern den Tisch decken”, sieht in der Versorgung hungriger Kinder ebenfalls nur den ersten Schritt: „Deshalb bringen wir den Einrichtungen nicht nur Geld für Essen, sondern wollen gemeinsam mit den Leitungen die Ursachen angehen. Richtig erfolgreich sind wir, wenn wir uns wieder zurückziehen können.” Das Projekt versorgt zurzeit 250 Kinder in 35 Einrichtungen.

Falsche Scheu sei indes nicht angebracht, wenn es darum gehe, Kinder satt zu machen. Wenn man es richtig angehe, hätten alle Kinder etwas davon. „Das Frühstück, das wir in die Schulen bringen, wird von den Kindern oft geteilt und gemeinsam eingenommen. So gibt es weniger Aggression und mehr Konzentration”, berichtete Achim Monnartz von „breakfast4kids”. Der Verein bringt täglich gesponsorte Frühstücksbrötchen für 300 Kinder in verschiedene Schulen in der Städteregion.

Trotzdem blieben hungrige Kinder in Aachen ein Skandal, meinte Küpper. Und Leisten bestätigte: „Das Thema muss bei der Politik ankommen, damit wir das Problem langfristig lösen können.” Genau diesen Aspekt griff Gretel Opitz, schulpolitische Sprecherin der FDP auf: „Wir müssen uns alle an die Hand nehmen - unabhängig von irgendwelchen Parteiinteressen.” Die Vernetzung geht weiter, eine Lenkungsgruppe wurde am Dienstagabend gegründet.
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