Aachen - Das Nichtvergessen als letzter Dienst an den Opfern

Das Nichtvergessen als letzter Dienst an den Opfern

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Erinnern an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Die US-Serie „Holocaust“ führte Ende der 70er Jahre hierzulande zu vielen Diskussionen über die NS-Vergangenheit. Foto: Imago
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Die Rede vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 markiert eine Zeitenwende im Gedenken. Foto: dpa
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Die Wehrmachtsausstellung löste in den 90er Jahren auch in Aachen Proteste aus. Foto: Michael Jaspers
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Die ZDF-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“ stellt deutsche Normalbürger in den Mittelpunkt.
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„Eine Politik des Schlussstrichs funktioniert nicht“: Helmut König plädiert für eine Aufarbeitung von totalitärer oder diktatorischer Vergangenheit. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Gedenken schleift sich ein und es schleift sich ab, sagt der RWTH-Politikprofessor Helmut König. Erinnerung müsse lebendig sein, um die Jungen anzusprechen. Über die Rolle und Aufgabe der Erinnerungskultur sprach er mit unserem Redakteur Amien Idries im Interview.

70 Jahre liegt heute das Ende des Zweiten Weltkriegs und des NS-Regimes zurück. 70 Jahre, in denen Deutschland höchst unterschiedlich mit dieser dunklen Vergangenheit umgegangen ist. Zunächst war der Blick starr in Richtung Zukunft gewendet, erst mit der nachfolgenden Generation begann die teils erbittert geführte Diskussion über Judenvernichtung, Hitler und die Rolle der Deutschen. Inzwischen werden wieder Stimmen laut, die des Gedenkens überdrüssig sind, und eine Konzentration auf die positiven Aspekte deutscher Geschichte fordern.

 

Das Gedenken an das NS-Regime und den Holocaust folgt dem Motto „Gegen das Vergessen ankämpfen“. Ergibt dieser Satz angesichts der vielfältigen Aufarbeitung noch Sinn?

König: Ich verstehe das Nichtvergessen als zweifachen Auftrag. Zum einen als ganz funktionalen, weil es zur Staatsräson der Bundesrepublik gehört, sich von dem verbrecherischen Nazi-Regime zu distanzieren. Das ist in die Fundamente unseres Staates eingeschrieben. Zum anderen als Ehrung der Opfer. Adorno hat das Nichtvergessen als letzten Dienst bezeichnet, den wir den Opfern noch erweisen können.

In dieser Doppelnatur ergibt das Erinnerungspostulat immer noch Sinn. Worauf Sie anspielen, ist natürlich keineswegs zu vernachlässigen. Es gibt so etwas wie eine Gedenkroutine, Gedenkevents. Da langweilt sich die jüngere Generation so, wie sich meine Generation beim Gedenken an den 17. Juni 1953 gelangweilt hat. Gedenken schleift sich ein, und es schleift sich ab. Das ist in gewissen Grenzen unvermeidlich, aber man darf es nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Das heißt, die Aufgabe des Nichtvergessens kann nicht enden?

König: Diese scheußlichen Verbrechen werden nicht vergessen. Darum kümmern sich die Historiker schon. Das ist aber mit „gegen das Vergessen ankämpfen“ nicht gemeint. Dabei geht es um eine lebendige Erinnerungskultur, bei der mit Hilfe von Gedenktagen, Mahnmalen, Museen immer wieder der Blick auf diese düstere Epoche gelenkt wird. Diese Kultur verändert sich ständig, und sie muss sich verändern.

Sie taugt beispielsweise nicht mehr für einen Generationenkonflikt, wie es ihn in meiner Jugend noch gab. Meine Generation konnte die Eltern fragen: Was habt Ihr gemacht? Wo seid Ihr gewesen? Das geht heute nicht mehr, weil kaum noch Akteure aus dieser Zeit leben. Das verändert die Erinnerungskultur.

Sie bezeichnen das Erinnern als fundamental für das Selbstverständnis der Bundesrepublik. Eine Abgrenzung vom NS-Regime wäre prinzipiell auch ohne Erinnern möglich. Etwa durch eine Politik des Schlussstrichs, wie sie etwa im postsozialistischen Polen oder auch in Spanien nach Franco versucht wurde.

König: Die Lehre nicht nur aus diesen beiden Beispielen ist, dass eine Schlussstrichpolitik nicht funktioniert. Auch in der Bundesrepublik hat es zu Beginn diesen Versuch gegeben. Es gab die Amnestiegesetze und den unausgesprochenen Konsens, an diese Zeit nicht zu rühren.

Das hat sich zum Glück geändert. Übrigens mit sehr vielen Konflikten. Es ging seit 1959 ein Riss durch Deutschland. Zwischen denen, die die Nazizeit aufarbeiten wollten, und denen, die das eben nicht wollten. Entweder, weil sie selbst in die Verbrechen des Regimes verstrickt waren, oder, weil sie eine Aufarbeitung für zu riskant hielten für die politische Ordnung der jungen Republik. Dieser Riss klaffte bis mindestens 1985.

Bis Bundespräsident Weizsäcker seine berühmte Rede hielt, in der er den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung bezeichnete.

König: Diese Rede liegt jetzt genau 30 Jahre zurück und spielt in der Erinnerungskultur eine wichtige Rolle. Mit der eindeutigen Positionierung des höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik, der dazu ein Repräsentant der Union war, war das Thema – salopp formuliert – durch.

Den Gegenpol dazu setzte Martin Walser 1998 mit seiner Rede in der Paulskirche. Er sprach von der Moralkeule Ausschwitz und beklagte die „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“. Böse Zungen könnten das als Kommentar zur derzeitigen Reparationsdebatte in Griechenland lesen. Zu bösartig der Gedanke?

König: Er ist böse, er ist einseitig, aber er ist auch nicht ganz falsch. Natürlich gibt es diese Instrumentalisierung. Natürlich werden mit der Erinnerung an diese dunkle Zeit politische und finanzielle Zwecke verbunden. Es wäre auch eigentümlich, wenn es anders wäre.

Das sieht man ganz deutlich beim Thema Kunstraub. Da gibt es in den USA Anwälte, die sich eine goldene Nase verdienen. Das kann und muss man kritisch in den Blick nehmen. Aber man darf es nicht dazu nutzen, das ganze Thema Erinnerung und Gedenken zu diskreditieren. Oder zu postulieren, es sei jetzt mal genug mit der Aufarbeitung. Es stellt sich nicht die Frage, ob man gedenken muss, sondern wie man es tut.

Sie sprachen von der ideologischen Auseinandersetzung, die 1985 so gut wie beendet gewesen sei. Ist die Walser-Rede oder auch die Debatte über die Wehrmachtsausstellung ein verspätetes Aufflammen dieses Konfliktes.

König: Das sind Nachhutgefechte. Seit der Rede von 1985 wurde mit dem Thema im Kern kein Wahlkampf mehr gemacht. Es ist inzwischen breiter Konsens, dass Deutschland diese Vergangenheit nicht ausblenden darf. Es gibt aber natürlich immer noch Konflikte, die sich um das Thema gruppieren. Das war bei der Wehrmachtsausstellung zu sehen, durch die die Legende zerstört wurde, dass die Wehrmacht einen „sauberen Krieg“ gekämpft habe. Solche Konflikte gibt es immer mal wieder.

Die Gedenkkultur wird durch populäre Medien beeinflusst. Das war Ende der 70er Jahre so, als die TV-Serie „Holocaust“ die deutsche Debatte über die NS-Verbrechen initiierte. 2013 sendete das ZDF „Unsere Mütter, unsere Väter“ über das Schicksal von deutschen Normalbürgern. An dem Dreiteiler wurde kritisiert, dass die Deutschen vornehmlich als Opfer gezeigt würden. Beobachten Sie in der Erinnerungskultur eine Verschiebung hin zur deutschen Perspektive?

König: Niemand wird bestreiten können, dass in dieser Zeit auch Deutsche Opfer geworden sind. Etwa bei der Bombardierung von Dresden. Ich halte es auch für legitim das aufzuarbeiten, solange diese Opfer in den historischen Kontext gestellt werden. Das passiert heutzutage, wenn man mal von Rechtsextremen absieht, die Dresden für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Die Bombardierung war übrigens in meinen Augen tatsächlich ein Kriegsverbrechen, aber sie war kein Menschheitsverbrechen. Und was die Opferfrage angeht: In den 1950er Jahren war hierzulande die Auffassung weit verbreitet, dass die wahren Opfer der Nazizeit die Deutschen waren. Heute ist der Tenor, dass auch Deutsche unter den Opfern waren.

Es gibt von Georg Orwell den Satz: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Wie beeinflusst Geschichts- und Gedenkpolitik die Gegenwart und die Zukunft?

König: Den Satz kann man um ein Bonmot aus sowjetischer Zeit anreichern: „Es gibt nur eines, was noch unsicherer ist als die Zukunft: die Vergangenheit.“ Es spielt auf die geschichtspolitischen Manipulationen in der Sowjetunion an. Das Gedächtnis ist manipulierbar und anfällig für Legenden und Beschönigung. Erinnerungen zu pflegen, die beschämender Natur sind, ist eine ziemliche Herausforderung. Es gibt diesen schönen Aphorismus von Nietzsche: „Das bin ich gewesen, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht gewesen sein, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.“

Mit anderen Worten: Das Gedächtnis – also unsere Wahrnehmung der Vergangenheit – ist stark abhängig von Interessen in der Gegenwart. Das gilt sowohl für Individuen als auch für das sogenannte kollektive Gedächtnis. Andererseits sind wir – zumindest als Individuen – vielleicht auch gar nicht Herr unserer Erinnerungen, die uns regelrecht heimsuchen können. Diese Spannung muss man im Blick haben, wenn man über Politik und Gedächtnis redet.

Gedenkkultur sollte sich in erster Linie an junge Menschen wenden. Die aber langweilen sich häufig. Was wäre zu tun?

König: Studien zeigen, dass die Bereitschaft von jungen Menschen, sich mit der deutschen Geschichte und dem Nationalsozialismus zu beschäftigen, abhängig von der Zukunftsperspektive dieser Menschen ist. Wenn in deren Realität die Zukunft verbaut ist, sie also zukunftslos durch ihr Leben gehen, dann interessieren die sich auch nicht für die Vergangenheit.

Es ist also ein Irrtum, an diese Jungen zu appellieren: Interessiert Euch mal für die Vergangenheit, dann habt ihr auch eine Zukunft. Andersherum ergibt es Sinn: Nur wer Perspektiven hat, interessiert sich für die Vergangenheit und auch für deren beschämende Anteile. Wer diese Perspektiven nicht hat, neigt dazu, auf die Suche nach vergangenen Helden zu gehen, mit denen er sich identifizieren kann, um die eigene Schwäche zu kompensieren.

Gibt es im deutschen Gedenken eine Fokussierung auf den Nationalsozialismus? Braucht es mehr positive Anknüpfungspunkte in der Vergangenheit?

König: Zu einem vollständigen Selbstbild gehört beides: Positives und Negatives. Es gab in der Nachkriegszeit eine Tendenz, die komplette deutsche Geschichte in die Kontinuität des Nationalsozialismus’ zu stellen. Da wurde zwanghaft nach dem Punkt gesucht, an dem die Weichen falsch gestellt wurden. Fündig wurde man etwa beim Antisemitismus von Martin Luther. Natürlich findet man beim Reformator furchtbare antisemitische Ausfälle, und es ist auch wichtig, historische Zusammenhänge aufzuzeigen.

Eine direkte Linie von Luther zu den Hetzreden von Goebbels zu ziehen, halte ich aber für anachronistisch. So funktioniert Geschichte nicht. Von daher finde ich es legitim, nach positiven Anknüpfungspunkten in der deutschen Geschichte zu suchen, warne aber vor der Suche nach Helden. In der Regel sind alle historische Figuren Personen mit Licht und Schatten.

Der ehemalige Innenminister Otto Schily hat jüngst angeregt, den Straftatbestand der Holocaustleugnung zu überdenken. Gibt es mit Blick auf die NS-Zeit zu viele Verbote und Tabus?

König: Schily hat Recht. Ein solches Verbot ist immer Ausweis der Schwäche. Wenn eine Gesellschaft Zutrauen zu sich hat, dann kann sie ohne das Strafrecht mit solchen Herausforderungen umgehen. Verbote und Tabus verändern sich aber auch. Adorno etwa schrieb 1946, dass es barbarisch sei, nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben. Ein viel diskutierter Satz, mit dem Adorno zum Ausdruck brachte, dass die ästhetische Form der Lyrik den Holocaust per se verharmlose. Mittlerweile gibt es Comics über Konzentrationslager und Komödien über Hitler. Über Tabus muss man also immer wieder und im Einzelfall diskutieren.

Die deutsche Vergangenheitsbewältigung wird gemeinhin als Erfolg bezeichnet. Damit ist aber die westdeutsche gemeint, nicht die ostdeutsche.

König: Die DDR hat sich ganz schnell auf die Seite der Sieger der Geschichte geschlagen und damit das ganze Thema verbannt. Sie hat es an die Bundesrepublik delegiert und als Instrument im Wettkampf der Systeme genutzt. Interessant ist dabei die Rolle der sogenannten Braunbücher, mit denen die DDR in den 60er Jahren gezielt belastendes Material über die Nazivergangenheit von Juristen und hohen Beamten in der BRD veröffentlicht hat. Dadurch wurde der Westen mit einer Reihe von unliebsamen Fakten konfrontiert, was gesellschaftliche Debatten angestoßen hat. Kurioserweise hat sich die DDR so Verdienste um die Vergangenheitsbewältigung in der BRD erworben. Ohne dies freilich gewollt zu haben. So dialektisch kann Geschichte manchmal verlaufen.

Wie hat sich der Zusammenbruch des Ostblocks auf das Gedenken ausgewirkt?

König: In zweifacher Hinsicht. Zum einen markiert 1989 das Ende der DDR und somit eines neuen Teils deutscher Vergangenheit, den es aufzuarbeiten gilt. Dabei kam es besonders zu Beginn mitunter zu einer Opferkonkurrenz, die aus einer teilweise seltsamen Nähe resultierte.

Wenn man etwa an das KZ Buchenwald denkt, das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von den Sowjets als Internierungslager genutzt wurde. Zum anderen ist der komplette Osten Europas in ein neues Zeitalter eingetreten und stärker in das politische Bewusstsein Deutschlands gerückt. Dadurch gibt es eine Menge von Veränderungen auch auf der europäischen Ebene, was sich derzeit vor allem im Ukraine-Krieg zeigt.

Inwiefern?

König: Der Osten ist noch heute in der Aufarbeitung des Holocaust ein blinder Fleck. Das Wissen um die Verhältnisse und die Geschichte in Osteuropa ist generell in Deutschland blamabel unterentwickelt. Auf dem Territorium der heutigen Ukraine fand ein Großteil der Verbrechen an den europäischen Juden statt. Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder nennt dieses Gebiet die „bloodlands“.

Aber nicht nur grauenhafte Verbrechen der Nazis haben dort stattgefunden, sondern auch Verbrechen der Sowjetunion. Die Ukraine ist ein Kristallisationspunkt europäischer Totalitarismusgeschichte. Das alles kam seit 1989 nur sehr langsam in Deutschland und Europa an. Durch die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass sieht sich der europäische Kontinent nun schlagartig mit Geschichte und Gegenwart des ukrainischen Staates konfrontiert. Das Russland Putins betrachtet die Ukraine als sein genuines Einflussgebiet, in dem es nach eigenem Belieben schalten und walten möchte.

Und im deutschen Meinungsspektrum wird das irritierenderweise sowohl ganz links wie weit rechts und sogar in der politischen Mitte für legitim und gut begründet erachtet. In diesen Haltungen haben wir es auf vielfältig verschlungene Weise mit Einstellungen zu tun, die aus den nicht wirklich aufgearbeiteten Belastungen und ambivalenten Beziehungen Deutschlands zu Osteuropa und Russland resultieren.

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