Das Motto der Stawag lautet: Zurück zu den Wurzeln

Von: Stephan Mohne
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Zurück zu den Wurzeln, weg von Milliardenprojekten: Die Stawag-Vorstände Dr. Peter Asmuth (l.) und Dr. Christian Becker richten das Unternehmen nach dem Fiasko mit verlustreichen Kraftwerksbeteiligungen neu aus. Die Kernkompetenzen rücken wieder in den Vordergrund. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Quo vadis, Stawag? Wohin führt der Weg der städtischen Vorzeigetochter? Zuletzt konnte man den Eindruck gewinnen, dass dem Energieversorger der Wind kräftig ins Gesicht bläst. Und das nicht nur, weil es erheblichen Widerstand gegen den Windpark im Münsterwald gibt.

In den vergangenen Jahren scheiterte der Betrieb einer Holzpelletproduktion in Vossenack kläglich – mit einem Verlust im zweistelligen Millionenbereich. Ein Holzkraftwerk in Aachen wurde nicht gebaut, weil die Technologie nicht ausgereift war. Für die Lizenzen hatte die Stawag aber schon viel Geld auf den Tisch gelegt. Und das Schlimmste überhaupt: die Beteiligung am Gaskraftwerk Hamm und am Kohlekraftwerk Lünen.

Die Kraftwerke kommen derzeit wegen der immer größer werdenden Kapazitäten im regenerativen Bereich gar nicht richtig zum Produzieren. Die Preise auf dem Strommarkt sind mittlerweile deutlich niedriger als die Kosten in diesen Kraftwerken – die Verluste schießen ins Kraut. Das alles ist die eine Seite. Die andere Seite sieht so aus: Der Umsatz des Konzerns Stawag mit allen Töchtern lag 2013 bei rund 525 Millionen Euro – 26 Millionen Euro höher als 2012.

Und auch das Betriebsergebnis lag mit rund 28,7 Millionen mehr als eine Million Euro über dem des Vorjahres. Alles in allem also eine beachtliche Bilanz, die gleichwohl noch deutlich beachtlicher sein könnte, wenn da nicht die beiden Kraftwerke wären.

Für die beiden Vorstände Dr. Christian Becker und Dr. Peter Asmuth ist klar: Die Stawag wird in den kommenden Jahren einen anderen Kurs segeln – nämlich ohne solch riesige Investitionen. Was dann auch für Projekte gilt wie enorm teure Windparks auf hoher See – etwa jenen der Trianel, an der die Stawag neben anderen Stadtwerken zu rund 12 Prozent beteiligt ist – bei Borkum. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläuterten Becker und Asmuth jetzt im Detail, wie die Lage derzeit aussieht und wie die Zukunft gestaltet werden soll. Hier nach Themen geordnet:

Windenergie im Binnenland und das Projekt Münsterwald: Da interessiert in Aachen in erster Linie der Münsterwald. Das Projekt hinkt dem Zeitplan weit hinterher – und wird noch auf sich warten lassen. Dennoch: An dem Plan hält die Stawag fest, wie Becker und Asmuth betonen. Und man ist davon überzeugt, damit Gewinn zu machen, was die Gegner dieses Projekts arg bezweifeln.

Laut Asmuth liegt die Vergütung pro Kilowattstunde nach der Novelle des „Erneuerbare Energien Gesetzes“ sogar noch leicht höher als zuvor (8,44 statt 8,41 Cent). Außerdem sei dort – auch das bezweifeln die Kritiker – genug Wind. „Es ist ein mittlerer Standort“, so Becker. Dazu gebe es Gutachten. Die Berechnungen seien „sehr konservativ“. Bisher lägen die Stawag-Windprojekte über dem Plan.

Die Verzögerung hat vor allem damit zu tun, dass es eine Wende im weiteren Vorgehen gibt: Anders als noch Anfang des Jahres geplant – als seitens der Stadt bereits Teile des Münsterwalds abgeholzt werden sollten –, wird es nun doch eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) geben. Die war noch vor wenigen Monaten bei der Stadt als unnötig gesehen worden. Doch dann gab es Gerichtsverfahren. Aus ihnen ging kurz gesagt hervor, dass eine UVP mehr Rechtssicherheit bietet und ansonsten Klagen Tür und Tor geöffnet wären. Im November will die Stawag mit der Stadt Details besprechen. Die Stawag geht davon aus, dass dann im Laufe des kommenden Jahres Baubeginn sein kann.

Aachen ist allerdings nicht das einzige Windbetätigungsfeld. Düren, Aldenhoven oder auch Standorte am Niederrhein sind weitere Projekte. In diesem Sektor will die Stawag weiter investieren. Demnächst ohne den bisherigen Partner „Juwi“ aus Rheinland-Pfalz. Die Stawag will solche Projekte alleine durchziehen. „Wir haben uns in den vergangenen Jahren das nötige Wissen angeeignet“, sagt Christian Becker. „Juwi“ stand jüngst in den Schlagzeilen, weil massiv Mitarbeiter entlassen werden mussten und es überdies Korruptionsermittlungen gab.

Windenergie auf hoher See: Die Stawag ist über die Trianel zu rund fünf Prozent am Offshore-Windpark bei Borkum beteiligt. Die Stawag musste bereits etliche Millionen über das geplante Maß hinaus nachschießen. Laut Vorstand sind die Gesamtkosten des Projekts bisher von 700 Millionen auf 1,2 Milliarden Euro explodiert. Und: Der Windpark ist immer noch nicht am Netz, weil es noch keinen Anschluss ans Netz gibt.

Dafür ist der Branchenriese „Tennet“ zuständig, der aber arg in Rückstand ist. Geld fließt trotzdem: Laut Asmuth wird permanent der Wind gemessen, um zu berechnen, wie viel Strom die Anlagen hätten erzeugen können. Den Ausfall müsse „Tennet“ zahlen. Erfreulich sei, dass es dort mehr Wind gebe als prognostiziert. Somit werde man die Investition etwa 2022/23 wieder eingespielt haben.

Kraftwerke: Ein düsteres Kapitel. Zumindest aus aktueller Sicht. Noch 2008 herrschte große Euphorie, als sich die Stawag an den Trianel-Projekten in Hamm (Gas) und Lünen (Kohle) beteiligte. Und tatsächlich: Der Strompreis kletterte zu dieser Zeit auf Rekordhöhen. „Wir haben damals damit richtig gutes Geld verdient“, so Becker und Asmuth. Schnee von gestern.

Heutzutage bekommt man laut Stawag am Strommarkt etwa 37 Euro je produzierter Megawattstunde. Die Kosten der Kraftwerke liegen jedoch bei etwa 50 bis 60 Euro je Megawattstunde. Zudem laufen die Turbinen oftmals sozusagen im „Standby“-Modus. Weil der Strom wegen der immer größer werdenden regenerativ erzeugten Energiemengen schlicht nicht gebraucht wird. „Das trifft alle Kraftwerksbetreiber“, sagt Becker. Stawag & Co. aber noch mehr, weil die neuen Anlagen im Gegensatz zu alten Kraftwerken noch nicht abgeschrieben sind und der Verlust deshalb noch größer ist. Die Stawag muss aktuell 15 Millionen Euro Verlust einkalkulieren.

Prognose: „Es wird eher noch etwas mehr“, sagt Becker. Erst in einigen Jahren, wenn nach der Abschaltung der Atommeiler konventionelle Kraftwerke vermutlich wieder gebraucht werden, könnte die Misere ein Ende haben. Bis dahin müssten jedoch auch seitens der Politik Schritte zum Ausgleich erfolgen, sagen Becker und Asmuth und tun dies im Chor aller Kraftwerksbetreiber. Kurios dabei: Mit ihren Investitionen im regenerativen Bereich gräbt die Stawag ihren eigenen Kraftwerken ebenfalls das Wasser ab. Dass Peter Asmuth sagt, mit Sonne und Strom verdiene man ja im Gegenzug auch etwas, klingt wie ein schwacher Trost.

Die Zukunft: Weg von gigantischen Projekten mit enormen Kosten, zurück zu den Wurzeln, lautet das Motto. Das bedeutet für die Stawag vor allem, Strom, Gas, Wasser und Wärme zu verkaufen und Netze zu betreiben. Ein Hauptaugenmerk wird dabei auf die Dienstleistung vor Ort gelegt, denn: „Wir können nicht die Preise von Internet-Billiganbietern erreichen“, erklärt Becker.

Aber dafür biete man ein umfassendes Dienstleistungs- und Beratungspaket. Zudem wird dieses Know-how jetzt auch über die auf Abrechnung spezialisierte Tochter „Factur“ bundesweit angeboten. Desweiteren engagiert man sich in Kommunen, die ihre Energieversorgung wieder in die eigene Hand nehmen. Bei den Stadtwerken Lübeck hat man sich überdies mit 25 Prozent eingekauft. In anderen Fällen tritt die Stawag als Netzbetreiberin auf – so in Monschau und Simmerath.

Die „schöne Tochter“: Früher war die Stawag für Kämmerer – die immer von der „schönen Tochter“ sprachen – eine sichere Bank. Mit ihren Gewinnen wurde der Aseag-Verlust ausgeglichen, und obendrein sprudelte jährlich in Goldeselmanier eine Millionensumme in den städtischen Haushalt. Heute können nicht einmal mehr die roten Zahlen der Aseag kompensiert werden. Weswegen die Stadt nun ihrerseits Millionen in die Hand nehmen muss, um einzuspringen. Vorerst – trotz des dennoch guten Betriebsergebnisses – ohne Aussicht auf Besserung, denn den Kraftwerksklotz wird die Stawag so schnell nicht los.

Zumindest für die Stromkunden gibt es eine gute Botschaft: Die Preise bleiben stabil. Möglicherweise steht sogar eine leichte Senkung ins Haus. Kerngeschäft eben.

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