Das Marschiertor sah wie das Ponttor aus

Von: Robert Esser
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Zeitreise: Die Archäologinnen
Zeitreise: Die Archäologinnen Sonja Tomasso und Linda Gomolakova freuen sich über die Entdeckung des Fundaments der Vorburg des Marschiertors, das einst wie auf dem Bild aussah. Foto: Esser/Montage: Thomas Foto: Esser/Montage: Thomas

Aachen. Alles anders in Aachen. Im Nieselregen stehen die Archäologen am Montag auf der Sonnenseite ihres Berufslebens. Ohne jeden Zweifel. Ihr „neuester” Fund schlummerte hunderte Jahre vor der Südseite des Marschiertors unter der Erdoberfläche.

Gewaltige Mauerreste beweisen dort zwischen Boxgraben und Lagerhausstraße, was nur auf historischen Kupferstichen zu sehen war: Auch das Marschiertor, dessen Bau 1257 begonnen wurde, besaß tatsächlich eine Vorburg mit zwei Türmchen und einem zweiten Außentor - ganz ähnlich der bis heute erhaltenen Verteidigungsanlage des Ponttors.

Das Archäologen-Team mit Sonja Tomasso, Linda Gomolakova und Patrick Düntzer vermisst die Fundstelle derzeit mit weiteren Helfern akribisch. „Bis Mittwoch gehen wir noch etwa 40 Zentimeter tiefer, dann nach Westen”, sagt Tomasso. „Es ist ungeheuer spannend.” In Kürze wird man nach dem östlichen Türmchenfundament und dem Verteidigungswerk (Barbakan) den Westturm finden - das sind die Archäologen ganz sicher.

Verschwunden ist die Vorburg bereits im 17. Jahrhundert, wahrscheinlich kurz nach dem Aachener Stadtbrand (1656). „Die Vorburg wurde damals niedergerissen und durch eine modernere Verteidigungskonstruktion - die sogenannte Dreiecksschanze - ersetzt”, erläutert Gomolakova. Der Bereich liegt direkt unter der Kreuzung vor dem Marschiertor - wo noch monatelang die Straße saniert wird. Ähnlich glücklich wie die Stadtarchäologen ist der Archivar der Oecher Penn, Heinz-Hubert Lillot. Aachens älteste und größte Karnevalsgarde hat das Marschiertor 1964 bezogen. Das Traditionskorps richtete das rund 35 Meter hohe und knapp 24 Meter breite Marschiertor in 5000 Arbeitsstunden und einer Investition von fast einer halben Million Euro wieder her.

Heute bietet der Waffensaal Platz für 200 Gäste. Genutzt wird er aber nicht nur im Karneval. Die Geschichte des monumentalen Bauwerks liegt den Gardisten am Herzen. „Wir besitzen noch einzelne historische Darstellungen, auf denen erkennbar ist, dass die Wehranlage gegen Ende des 17. Jahrhunderts umgebaut wurde”, erläutert Lillot. Weil die Vorburg gegen Schießpulver und Kanonen keinen Schutz mehr versprach, habe man riesige Wassergräben gezogen. „Die waren bis zu 27 Meter breit und acht Meter tief. Den Torbogen des Marschiertors erreichte man damals nur über einen großen Steg”, sagt der Archivar.

In den kommenden Wochen werden die rund 750 Jahre alten Fundamente der Vorburg wieder unter Asphalt verschwinden. Wer also noch einen Blick auf die spektakulären Ausgrabungen werfen will, sollte dies umgehend tun. „Aachen ist in dieser Hinsicht wirklich einzigartig, das habe ich sonst noch nirgendwo erlebt”, sagt Archäologin Tomasso. Und freut sich auf die nächsten Funde am Karlsgraben, in Burtscheid und am Kaiserplatz. Denn wo Baustellen sind, findet sie auch alles andere.
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