Das letzte Hemd für eine bessere Zukunft gegeben

Von: Svenja Pesch
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Halten auch in schweren Zeiten zusammen: Ehemalige Mitarbeiter des Bildröhrenwerks von LG/Philips beim fünften Jahresgedächtnis im Café Miteinander. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Der 27. Januar 2006 hat sich ins Gedächtnis der ehemaligen Mitarbeiter von LG Philips Displays Aachen eingebrannt. Der Betrieb meldete Insolvenz an, und die 380 Beschäftigten aus Aachen und Umkreis standen von einem Tag auf den anderen vor dem Nichts.

Das Netzwerk „Kirche und Betrieb” in der Region Aachen-Stadt unterstützte die Menschen sofort. Ziel war vor allem, die skandalösen Hintergründe des plötzlichen Rückzugs öffentlich zu machen und dort zu helfen, wo es nur ging. Bereits zum fünften Mal fand nun ein Stammtisch statt, wo die ehemaligen Kollegen Gelegenheit zum Austausch hatten. Erstmalig wurden vorab Fragebögen verschickt.

Vielen geht es schlechter

Der Schwerpunkt lag vor allem auf der Frage, wie es den Menschen fünf Jahre nach der Schließung gehe. Im Bildröhrenwerk an der Philipsstraße machten die Ex-Beschäftigten der Glasfabrik nochmals auf ihr Schicksal aufmerksam: An einer Leine hängten sie ihr sprichwörtlich „letztes Hemd” auf. Von den 200 versendeten Bögen wurden ungefähr 54 beantwortet - mit weitgehend negativem Fazit. Lediglich vier Menschen sind der Auffassung, dass es ihnen seit der Schließung besser gehe, 47 gaben an, dass es ihnen wirtschaftlich schlechter gehe.

„Dass das Ergebnis so ausfällt, ist traurig, war aber zu erwarten”, bilanzierte Marlies Conen, Gemeindereferentin des Bistums Aachen. Doch auch wenn die meisten in einer schlechteren Lage als früher sind, haben sie gemeinsam mit dem Netzwerk viel unternommen, um auf sich und den Skandal aufmerksam zu machen: „Wir haben zusammen demonstriert - erst vor dem Philips-Tor, dann immer weiter. Es liefen und laufen immer noch viele Aktionen gegen LG, und keiner hat bis heute auch nur einen Cent an Abfindung erhalten”, ergänzt Conen. Zwar haben die ehemaligen Mitarbeiter viel Solidarität und Vertrauen gefunden, aber Wut und Enttäuschung bleiben. Von einer konjunkturellen Erholung haben sie nichts gespürt. Die meisten Befragten sprechen von einer „Karriere nach unten”. Arbeitslosigkeit, Leiharbeit und aufstockende Tätigkeiten aufgrund von geringem Einkommen sind zum Alltag geworden. Nur die Wenigsten haben einen tariflich abgesicherten Arbeitsplatz.

Bittere Ironie

Andris Gulbins von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung kann die Sorgen und Nöte gut verstehen: „Viele beklagen weiterhin âRaubtierkapitalismus”, und das Wort âFreisetzungÔ hatte noch nie so viel bittere Ironie. Außerdem fühlen sich viele wertlos und sehen sich lediglich noch als âKostenfaktorÔ. Das ist traurig und macht wütend.”

Hinzu kommen vielfach weitere Probleme: Eine private Altersvorsoge ist kaum mehr möglich, und auch psychische Probleme bis hin zu Depressionen sind traurige Folgen der Insolvenz. Diejenigen, die wieder eine feste Arbeit gefunden haben, mussten lange dafür kämpfen, so wie Dieter Langen: „80 bis 90 Bewerbungen waren ohne Resonanz, dadurch war ich einen Monat lang arbeitslos. Ich habe dann zwar eine neue Stelle gefunden, aber durch die Wirtschaftskrise wurde ich nach zwei Jahren wieder arbeitslos. Glücklicherweise habe ich nun wieder einen Festvertrag und eine geregelte Arbeit.” Auch Detlef Königs gehört zu den Wenigen, die eine neue Einstellung bekommen haben, aber über das Verhalten von LG, so sagt er, denke man am besten gar nicht nach.

Vor allem die Tatsache, dass viele Kollegen mit Hart IV leben müssen, mache ihn betroffen. Aufgeben wollen und können sie trotz aller Widrigkeiten dennoch nicht, wie ein Befragter angab: „Man muss Optimist sein und nicht aufgeben. Ich habe Kinder. Ich darf nicht aufgeben.”
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