Das „Gastspiel“ bei Theater Brand dauert nun schon Jahre

Von: Stefanie Huschle
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„Ohne Arbeit bin ich nicht glücklich“: Mit ihrem Mann gründete Olga Romanovskaya die Theaterschule Aachen. Mit fast 70 Jahren ist sie ehrenamtlich für das Theater Brand tätig. Foto: Stefanie Huschle

Aachen. „Stopp! Du hast Angst! Im Inneren zitterst du. Von dem, was du jetzt sagst, hängt alles ab!“ Olga Romanovskaya unterbricht die Szene zum sechsten Mal. Sie springt auf die Bühne. „Schau mal, so.“ Ihr Blick flackert, die Fäuste sind gespannt, sie stottert, fährt sich über die weißen Haare.

Den Text kennt sie nicht genau, und ihr russischer Akzent fällt auf, aber das macht nichts. Sie hat Angst. Es sieht zumindest so aus. „Nochmal!“

Olga Romanovskaya ist so professionell, dass sie fast nicht auf diese Laienbühne passt. Seit drei Jahren ist sie Regisseurin am Theater Brand, an dem alle Mitwirkenden ehrenamtlich arbeiten. Gerade wird das jüngste Stück geprobt. Und obwohl sie viel größere Bühnen gewohnt ist, fiebert sie mit, ist jede Sekunde dabei. Sie sitzt aufrecht da, auf der Stuhlkante, angespannt.

Sie stampft auf, klatscht in die Hände, zeigt dem Techniker den Daumen nach oben. Sie ruft: „Ein bisschen mehr Tempo!“, und kichert herzhaft an den lustigen Stellen, auch wenn sie die schon 30 Mal gesehen hat.

Ihre Liebe zum Theater war schon immer da. Woher die kam? „Ich denke“, sagt sie und zeigt zum Himmel, „von oben. Irgendwelche Kurven im Hirn.“ Von den Eltern jedenfalls nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Romanovskayas Vater „halb tot“ aus deutscher Gefangenschaft heim nach Moskau. „Meine Zeugung war sein letzter Männlichkeitsbeweis“, sagt sie. Ihr Vater stirbt früh. Sie wächst mit der Mutter und zwei Geschwistern auf. Die Welt ist geteilt in Kommunismus und Kapitalismus, und die Supermächte streben nach dem All.

Romanovskayas Mutter war als Wissenschaftlerin an der Herstellung eines für die Raumfahrt wichtigen Metalls beteiligt, wurde für ihre Arbeit von der Sowjetunion ausgezeichnet. Romanovskayas Großvater war der Revolutionär Nikolai Podvoisky, von dem man damals positiv im russischen Geschichtsunterricht sprach. „Ich habe es nur einmal gewagt, in der Schule mit meinem Vorfahren zu prahlen“, sagt Romanovskaya.

Die Lehrerin habe daraufhin ihre Mutter gebeten, in der Klasse von dem Verwandten zu erzählen. Die Mutter habe zwar einen Vortrag gehalten. „Aber sie hat mich auch gefragt: Was hast du damit zu tun? Was hast du geleistet? Das habe ich nie vergessen.“

In Moskau einen Namen gemacht

Dieses Gespräch scheint Romanovskaya sich zu Herzen genommen zu haben. Denn sie hat später viel geleistet, hat sich in Moskau selbst einen Namen gemacht. Noch heute kann sie nicht aufhören zu arbeiten. „Ich muss mein Temperament rauslassen, sonst nerve ich meinen Mann“, sagt sie. Romanovskaya geht auf die 70 zu. Wie alt sie genau ist, möchte sie nicht in der Zeitung lesen: „Da bin ich zu empfindlich. Verrückt, ich weiß.“ Sie fühle sich so viel jünger. Und trotzdem hat sie so viel erlebt, so viel zu erzählen – beinahe zu viel für ein Leben.

Romanovskaya hat drei Kinder, die in Paris und Boston leben – eine Schauspielerin, eine Ärztin, ein Jurist. Sie selbst wird zunächst Radioelektronikingenieurin, während des Studiums spielt sie im Studententheater. Danach arbeitet sie als Englisch-Übersetzerin im Patentamt. Als 27-Jährige bekommt sie das dritte Kind und gründet in Moskau einen Theaterclub für Kinder und Jugendliche.

„Träumer“, nennt sie das Projekt. Innerhalb eines Jahres machen mehr als 300 Kinder mit. Die „Träumer“ werden in Russland zum Thema. Romanovskaya gelingt es, polizeibekannte Jugendliche von der Straße zu holen und zu beschäftigen. Sie wird in Talkshows eingeladen und von berühmten Schauspielern gefragt, warum sie nicht Regisseurin werde. „So entstand mein zweiter Beruf. Ich studierte Theaterregie.“ Und sie findet die Liebe: „Mein jetziger Mann war ein junger Dozent“, sagt sie.

Mit Anfang 30 baut das Paar eine Hochschule für körperlich benachteiligte Schauspieler auf. „Wir unterrichteten blinde, taube, gelähmte Künstler. Verstümmelte Kriegsheimkehrer aus Afghanistan. Voraussetzung war für uns nur eines: Talent.“ Die Schüler sollen sich nicht benachteiligt, sondern gleichberechtigt fühlen. Mit ihren Studenten fliegt Romanovskaya zu Gastspielen überall auf der Welt und gewinnt viele Preise. 1991 wird die Hochschule vollständig staatlich anerkannt. Doch dann zerbricht die Sowjetunion. Jahrelang kämpfen sie für die Hochschule, bis zur psychischen Erschöpfung. Die Schule hat überlebt, noch heute werden dort Künstler ausgebildet.

„Das ist nur ein Gastspiel“

1993 wird in Moskau das Parlament beschossen. Am Tag darauf geht Romanovskaya mit ihrem Hund spazieren. Sie beobachtet eine Gruppe asiatischer Touristen, die gut gelaunt Fotos von dem verbrannten Gebäude macht. „Da musste ich weinen. In diesem Moment habe ich Schluss gemacht mit meinem Land.“ Auch ihr Mann möchte nicht mehr in Russland bleiben. Es dauert noch drei Jahre, bis das Paar Russland verlässt.

Ohne ihre Schwiegermutter wäre Romanovskaya wohl nie nach Aachen gekommen. Sie ist es, die nach Deutschland will, und das Ehepaar kommt mit. „Ich traute mich fast gar nicht, meiner Mama zu sagen, dass ich ausgerechnet nach Deutschland gehe. Das Land, wo mein Vater so leiden musste. Doch sie fand es gar nicht schlimm.“ Romanovskaya weint am Flughafen. „Ich sagte mir immer wieder: Das ist nur ein Gastspiel – ein Gastspiel, das ein bisschen länger dauert.“

Wenn Romanovskaya heute auf der Terrasse ihres Lieblingscafés in Aachen sitzt und gestikulierend aus ihrem Leben erzählt, grüßt sie fast jeden, der vorbeikommt, mit Namen. Sie fühlt sich wohl hier. „Wo ist meine Heimat? Ich weiß es nicht. Auf der Welt.“

In Deutschland angekommen, sind die ehemaligen Hochschulrektoren plötzlich nur noch Einwanderer. Romanovskaya arbeitet sich durch Bücherstapel, um Deutsch zu lernen. Sobald sie genug kann, gibt sie Theaterkurse an der Volkshochschule. Nach vier Jahren gründet sie mit ihrem Mann die Theaterschule Aachen. Als Schulleiterin sei sie mit Respekt wahrgenommen worden, „doch nicht als wirtschaftlich denkende Person“. Es ist neu für sie, eine private Schule zu führen und in Konkurrenz zu den vielen anderen Schulen zu stehen. Elf Jahre lang arbeitet sie ununterbrochen für die Theaterschule – „die glücklichsten elf Jahre meines Lebens.“

Und plötzlich ändert sich alles

Eines Tages steht sie verzweifelt auf ihrem Balkon und entscheidet von einem Tag auf den anderen, die Leitung der Theaterschule aufzugeben. Denn ihr Mann Andrey liegt im Koma. Eine Routinebehandlung, ein Narkosefehler. Romanovskaya bangt, nimmt sich vor, ihre Prioritäten zu ändern, nur noch für ihren Mann da zu sein. Nach zwölf Tagen wacht er auf. Seitdem ist er berufsunfähig.

Von da an arbeitet Romanovskaya mal hier und mal da. Wenn sie an der Theaterschule vorbeigeht, hält sie sich die Hand vor die Augen. „Es tat weh.“ Ihr Mann und sie bilden eine Bedarfsgemeinschaft und erhalten eine Grundsicherung. Deswegen kann sie nur wenig Geld dazu verdienen, das meiste muss sie abgeben. „Vor drei Jahren hat mich zum Glück Frau Gier vom Theater Brand gefunden.“ Seitdem arbeitet Romanovskaya dort gegen eine kleine Aufwandsentschädigung ehrenamtlich. „Dort tue ich alles, was ich will. Ohne Arbeit bin ich nicht glücklich.“

Es ist 23.30 Uhr. Die Schauspieler sitzen müde und entmutigt im Halbkreis um die Regisseurin. Der Text sitzt nicht, das Stück dauert noch viel zu lang. Romanovskaya sagt: „Wisst ihr noch, als ich vor eineinhalb Monaten gesagt habe, dass ich keine Perspektive sehe, dass wir das schaffen? – Gut, so barsch habe ich das nicht gesagt...“ Die anderen widersprechen: „Doch!“

Romanovskaya: „Naja, schaut euch an, was wir alles geschafft haben. Wir haben noch viel Zeit, fast drei Tage.“ Die Schauspieler lachen. „An einem Theater ist das viel Zeit.“ Eine Diplom-Theaterregisseurin unter Laien. Der Techniker ist optimistisch: „Olga ist sehr detailverliebt, aber das Ergebnis lohnt sich immer.“

Sie sei Perfektionistin, ja. „Das erträgt kein Mensch“, sagt Romanovskaya. „Ich bin wie ein großer Stein. Wenn mich jemand will, dann muss er mich ganz nehmen, aus der Erde heben. Das Oberflächliche interessiert mich nicht.“

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