Brand - Das „Fremde” ist hier längst bestens bekannt

Das „Fremde” ist hier längst bestens bekannt

Von: Svenja Pesch
Letzte Aktualisierung:
Beispiel gelungener Inklusion:
Beispiel gelungener Inklusion: Behinderte und nicht behinderte Kinder lernen bei Renate Fehr problemlos miteinander.

Brand. Mittwochsmorgens kurz nach halb zehn in der Gesamtschule Brand. In der Klasse 8.1. lassen die Schüler die mathematischen Formeln hinter sich und widmen sich den „United States”.

Wie es sich in einer normalen Klasse gehört, wird erst einmal mit dem Nachbarn bequatscht, ob er denn schon mal da war. Der ein oder andere beißt noch schnell in sein Brot, bevor die ernsten Worte von Renate Fehr Gehör finden. Ein wenig Respekt muss schließlich sein. Dann ist es still in der Klasse, und erst jetzt sieht man, dass Renate Fehr nicht alleine unterrichtet. Mit ihr führt Dorothee Lenssen durch die Englischstunde.

Zwei Lehrerinnen für 24 Schüler? „Naja, fast”, erzählt Fehr. „Von den 24 Schülern sind acht Kinder lernbehindert. Sie brauchen eine sonderpädagogische Förderung. Das kann in verschiedenen Bereichen sein, wie etwa im emotionalen Lernen, im Sprechen und Hören oder körperlich-motorisch.”

Schüler, die unter einer emotionalen Lernschwäche leiden, zeigen beispielsweise im alltäglichen Verhalten Auffälligkeiten. Sie können ihre Gefühle nicht ausdrücken und haben in Gruppen Schwierigkeiten, sich zurecht zu finden. Umso wichtiger ist eine feste Bezugsperson, die sich auch während des Unterrichts viel Zeit nimmt. Und das kann eben nur möglich gemacht werden, wenn gleich zwei Lehrerinnen an Ort und Stelle sind.

Seit 18 Jahren fördert die Gesamtschule Brand das integrative Lernen und war damit der Vorreiter, denn bis dato gab es keine einzige weiterführende Schule in Aachen, die diese Methode vertrat. Auch heute hat sich daran leider nicht so viel geändert. Lediglich zwei Schulen in Aachen haben sich an der Gesamtschule ein Vorbild genommen. Zu wenig!

Das findet nicht nur Fehr: „Uns ist es wichtig, das Fremde zum Bekannten zu machen. Im Grunde ist hier doch alles ganz normal. Die Klassengemeinschaft ist sehr gut und es fällt fast gar nicht auf, dass hier Schüler mit und ohne Behinderung zusammen lernen.”

Dem stimmen auch die Schüler zu. Arnanthi könnte sich einen Wechsel in eine andere Klasse gar nicht vorstellen, denn ihr gefällt nicht nur das gemeinsame Lernen sehr gut, es profitieren zudem beide Seiten. Für Fehr und Lenssen bedeutet das Lernen in dieser Gemeinschaft kaum mehr Aufwand. Den Unterricht bereiten sie gemeinsam vor, nur das differenzierte Material wird separat vorbereitet. Insgesamt sieben Lehrer für Sonderpädagogik unterstützen Schüler mit Behinderung an der Gesamtschule.

Dabei werden in einer von sechs Klassen eines Jahrgangs behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Mit Erfolg, wie sich zeigt. Eine blinde Schülerin ist nun in der Oberstufe und wird wohl bald ihr Abitur machen.

Doch auch wenn die Schulen die Weichen für eine erfüllte Zukunft so gut es geht versucht zu stellen, mangelt es noch an ganz vielen Dingen, wie Fehr betont: „Das ganz große Problem ist, dass die Frage, wie es denn nach der Schule weitergeht, nicht beantwortet werden kann. Die Berufsmöglichkeiten für Schüler mit Behinderung sind minimal, und das muss sich ändern. Alle sprechen immer von Inklusion, das muss man auch unterstützen.”

Anderen zu helfen und die Gemeinschaft mit ihrer Vielfältigkeit leben - das ist es, was sich Fehr und ihre Kollegen wünschen. Und das ist es auch, was an der Gesamtschule Brand tagtäglich gelebt wird.

Aber zurück in den Klassenraum der Achten. Die Englischstunde neigt sich dem Ende zu und die große Pause steht an. Die Partnerübung über die „United States” ist nicht ganz fertig geworden, was die Klasse nicht so tief bedauert. Viel wichtiger ist jetzt, sich über die neuesten Sachen zu unterhalten und am Kiosk ein Schokocroissant zu holen - so, wie es eben in der Schule normal ist.
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