Aachen - Das bezaubernde Bühnen-Biest schlägt zu

Das bezaubernde Bühnen-Biest schlägt zu

Von: Hans-Peter Leisten
Letzte Aktualisierung:
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Ein Bild, das für sich spricht: Ina Gröbner, Trägerin des Thouet-Mundartpreises 2013, machte aus ihrer Dankesrede eine temperamentvolle Demonstration für die Lebendigkeit des Öcher Platt. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Gerüchteweise soll sie nervös sein. Oder zumindest gewesen sein. Diese Frau, die da jetzt auf der Bühne in Aachens historischstem aller Säle steht. Zwei Stunden hat sie in der ersten Reihe sitzend ein Programm genossen, das allein für sie zusammenschneidert wurde.

 Und jetzt sind alle Scheinwerfer auf Ina Gröbner gerichtet, die neue Trägerin des „Thouet-Mundartpreises der Stadt Aachen“ – so der offizielle Titel. Aber unter Öchern ist es der „Thouet-Priis“, den Ina Gröbner im Krönungssaal des Rathauses erhält. Leger-elegant gestylt bekommt sie von Oliver Thouet Urkunde, Preisgeld und Glückwünsche und kann loslegen. Aus der zurückhaltenden Ehefrau, Mutter von drei Kindern, wird im Handumdrehen ein bezauberndes Bühnen-Biest mit professionellem Format. Aber genau deshalb hat sie den wohl wichtigsten Öcher-Platt-Preis der Welt verliehen bekommen: für ihre Spontanität, ihre Präsenz, ihre Bodenständigkeit, ihren Witz und vor allem für ihre Art, mit Öcher Platt umzugehen. Sie spricht nicht Öcher Platt, sondern sie lebt es. Und das auf eine Art, die man nicht lernen kann, die man im Blut hat und auf der Zunge trägt. Im voll besetzten Saal waren sich am Ende dieses Sonntagabends alle einig: Das Thouet-Kuratorium hatte eine perfekte Wahl getroffen.

Ein angebrachtes Kompliment, das man getrost dem kompletten Programm machen darf, das man sicher zu den lockersten, abwechslungsreichsten und auch frechsten der Preis-Historie zählen darf. Die singenden Kinder vajjen Beverau trafen genauso die Öcher Seele wie die gestandenen Platt-Blueser Dieter Kaspari und Uwe Böttcher. Ohne jedes Risiko sind Engagements wie das der Alt Aachener Bühne oder auch der beiden Moderatoren Manfred und Jan Savelsberg, die nicht nur entspannt-sympathisch durchs Programm führten, sondern auch in einem eigenen Sketch „Ene Jroß a d‘r Mann“ satirisch eine tiefe Verbeugung vor der Frauenwelt machten. Die Mädels der Klassen 9a und 9b von St. Ursula gelten als Beweis, dass die Öcher Platt-Saat in der jungen Generation aufgeht.

Und dann ist da noch der Auftritt von „Lizusha“, einer jungen Liedermacherin, aus Russland stammend. Sie hat beim letztjährigen Thouet-Preisträger Herbert Oprei „Nachhilfe“ in Sachen Heimatsprache genommen und dies zum Programm in eine Liedertrilogie Russisch-Hochdeutsch-Platt gekleidet.

Der letzte Programmpunkt ist zugleich der erste der offiziellen Preisverleihung. Die „BöStoMeRitz“-Sisters sind eigentlich ein Quartett – zu dem aber Ina Gröbner gehört. Und so holt das Trio spontan die neue Preisträgerin auf die Bühne – und die fühlt sich unübersehbar dort so wohl wie ein Fisch im Wasser. Und spätestens beim gesungenen Sketch „Knöllchen-Protoköllchen“ wird dem Publikum klar: Die Frau kann nicht nervös sein.

Bevor aber ihr Auftritt – ihre Merssi-Wööet“ – folgen, hält Uwe Brandt die Laudatio. Der ist selbst Preisträger des Jahres 2004, gehört inzwischen zum Kuratorium, hat aber als Mann des Ostviertels und der Tropi-Garde vor allem die selben sozialen Wurzeln wie Ina Gröbner. Er kennt manches Ameröllchen aus dem Leben der Frau, die sich traut, an Haloween auch mal die Schreckgestalten selbst in die Flucht zu schlagen. Er beschreibt sie als „unberechenbaren, aber äußerst verlässlichen Menschen“, als „ehrlich und direkt“. In ihrem Elternhaus habe selbst der Papagei die Gäste mit einem „Tach lejjve Jong“ begrüßt. Und könne ein Öcher Mäddche einen schöneren Namen haben als diese Ina, die von Geburt Hubertine Karla Böttcher heißt. Er spricht den Namen Böttcher so breit als „Böttttschscher“ aus, wie dies eigentlich nur in Aachen geht. Und dann heiratete diese Hubertine Karla Böttcher einen Bayern. Immerhin hat dieser Robert den Nachnamen Gröbner, woraus der Öcher als Integrationsmeister schnell ein „Jröbner“ mache. So würden auch die drei Kinder Karina, Miriam und Florian vor einem doppelten Migrationshintergrund groß. Ina Gröbner: „ein Vulkan der guten Laune mit einer Mull, für die man einen Waffenschein braucht; eine Volksschauspielerin, die ihr Publikum liebt und die deshalb geliebt wird; eine Frau, die als Schwester im Marienhospital den Patienten selbst vor der OP ein Lächeln ins Gesicht zaubert“.

All‘ das weiß Oliver Thouet bei der Übergabe der Urkunde im Blitzlichtgewitter: „Ina Gröbner hat der Verbindung von Sprache und Bühne eine neue Prägung gegeben.“ Davon kredenzt die Frau ihrem Festpublikum direkt eine beeindruckende Kostprobe. In Gedichtform dankt sie den Eltern, der eigenen Familie, den Tropis und Hubert Crott, bei dem sie Platt gelernt habe, der Familie Thouet – überhaupt allen. Und dies schafft sie auf eine charmante und zugleich deftige Art, wuchtig, aber nie vulgär, mit souveräner Mimik, blödelnd aber nie dümmlich. Und sie spricht ihren Dialekt auf eine Weise, die nichts mit Vulgärplatt zu tun hat – aber unendlich viel mit Öcher Hazz än Siel.

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