Das Archiv: Gedächtnis und Erlebnisort Aachens

Von: Hans-Peter Leisten
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Herr über klassische und moderne, digitale Archivalien der Stadt: Dr. René Rohrkamp. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ein Alemannia-Wimpel an der Wand und ein Foto vom alten Tivoli sind nach wie vor nichts Ungewöhnliches in Aachen. Im Büro eines Archivdirektors erwartet man diese Utensilien allerdings weniger. Dr. René Rohrkamp ist seit einem Jahr Leiter des Aachener Stadtarchivs – und Alemannia-Fan.

Das tut seinem wissenschaftlichen Denken keinen Abbruch, steht aber irgendwie auch für eine Denkweise, die sich nicht von aktuellen Entwicklungen abhängig macht. Der Historiker mit Schwerpunkt Neuzeit möchte das Stadtarchiv stärker im Bewusstsein der Bevölkerung platzieren. Wie dies geschehen soll, ohne klassische Aufgaben zu vernachlässigen, erzählt er im Interview.

 

Wie fühlt sich die Arbeit im Stadtarchiv in der Nadelfabrik zwischen Sportangeboten, sozialen und künstlerischen Initiativen oder auch Gewaltprävention an?

Rohrkamp: Eigentlich sehr gut. Wir versuchen, uns in dieses Haus zu integrieren. Alle zwei Jahre gibt es einen Tag der offenen Tür, das nächste Mal am 24. April 2016. Wir werden im kommenden März auch erstmals am Tag der Archive teilnehmen. Und wir nutzen die Nadelfabrik als Veranstaltungsort, um dort mit den Menschen gemeinsam etwas zu machen.

Wie kann man sich das vorstellen?

Rohrkamp: Ich nenne mal als Beispiel unsere neue Aktion „Archivalie des Monats“. Die Idee ist, ein Dokument zu präsentieren. Wir wollen das gemeinsam mit passenden Menschen machen. Im Dezember waren dies zum Beispiel Weihnachtswunschzettel vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die haben wir gemeinsam mit Kindern des Spielhauses Kennedypark vorgestellt. Die Kinder erfahren so, dass auch früher Kinder diesen Brauch kannten, es also Kontinuitäten, aber auch Unterschiede der Lebenswelten gibt.

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Archivalie des Monats aus?

Rohrkamp: Das machen meine Kolleginnen und Kollegen in freier Auswahl. Alle haben ihren Bereich, Akten, Urkunden, Fotos, Pläne. Jeder kann eine Archivalie auswählen, die ihm auffällt und die zeigt: Hier gibt es eine direkte Verbindung zur Gegenwart und zu unserer Stadt oder eine schöne Geschichte, die wir erzählen wollen. Die Reihe soll unterhalten. Wir müssen Öffentlichkeit zeigen und unsere Bedeutung für die Stadt unterstreichen. So können wir die vielen Facetten der Stadtgeschichte darstellen und zugleich zugänglich machen.

Man darf vermuten, dass der Standort Reichsweg im Vergleich zum Fischmarkt auch neue Möglichkeiten eröffnet.

Rohrkamp: Klar. Früher waren die Bestände auf verschiedene Standorte verteilt, was total unhandlich war. Jetzt sind alle Bestände zusammen. Die Ämter wollen aber jetzt auch endlich ihre alten Akten abgeben, was lange Zeit wegen des Platzmangels am Fischmarkt nicht ging und was wiederum zu einem Mehraufwand führt. Aber dafür sind wir schließlich da. Wir haben eine Aufgabe nach außen und eine nach innen. Nach außen arbeiten wir für die Bürger und die Forschung, da wollen wir als Teil des Kulturbetriebs und auch gemeinsam mit den Kollegen der anderen Kultureinrichtungen stärker aktiv sein als bisher. Nach innen arbeiten wir für die Stadtverwaltung, haben also Querschnittsaufgaben.

Ist die Abgabe seitens der Ämter kein Selbstläufer?

Rohrkamp: Momentan reagieren wir, wenn Ämter abgeben wollen oder wenn es Notsituationen gibt, z. B. auch jetzt im Rahmen der Unterbringung von Flüchtlingen, wo dann Gebäude, in denen zum Teil noch Akten lagern, für die Unterbringung von Flüchtlingen vorbereitet werden müssen. Ich wünsche mir, dass wir diese Arbeit mittelfristig selbst aktiv planen. Ich muss aber zugeben, dass wir dem angesichts unserer Aufgabenfülle noch nicht so nachkommen konnten wie gewünscht.

Sie sind seit gut einem Jahr Leiter des Stadtarchivs. Sie haben gewiss konkrete konzeptionelle Vorstellungen fürs Archiv. Wie sehen diese aus – und konnten Sie bereits Ideen verwirklichen?

Rohrkamp: Zunächst einmal ging es darum, alles kennenzulernen: die Kollegen im Haus, aber auch im Kulturbetrieb und in der Verwaltung. Auch wollte ich, dass wir sichtbarer werden und Kooperationen anbahnen. Das ist uns, auch dank des Engagements unseres Teams, gelungen, denke ich. Wir wollen das fortsetzen, aber auch neue Fäden aufnehmen. Die Nadelfabrik heißt ja auch Haus der Identität. Das müssen wir für uns in Anspruch nehmen. 

Wir wollen uns zukünftig gerne an der Auseinandersetzung mit dem Thema Identität und Migration beteiligen. Die Identität unserer Stadt wird ja von den Migrantengruppen mitgeprägt, das lässt sich auch bei uns abbilden. Ich denke da an einen „Archivführer Migration“, könnte mir aber auch die ein oder andere Bachelor- und Masterarbeit vorstellen, die sich diesem Thema widmet. Auf diesem Weg kann man beispielsweise wunderbar darstellen, dass Migration ein historisches Phänomen ist und vielleicht auch Ängste nehmen.

Können Sie auch jüngere Gruppen für das Aachener Stadtarchiv interessieren?

Rohrkamp: Einen Ansatz wie den mit den Kindern aus dem Spielhaus Kennedypark habe ich beispielhaft erwähnt. Wir gehen demnächst auch Kooperationen mit Schulen ein. Feste Kooperationen haben wir bereits mit der Luise-Hensel-Realschule und mit dem Couven-Gymnasium verabredet. Wir laden die Klassen in unser Haus ein und lassen sie die praktischen Abläufe in einem Archiv kennenlernen. So kann man zugleich Schwellenängste abbauen. Aber die inhaltliche Arbeit soll natürlich auch nicht zu kurz kommen.

Wie sehen die Kontakte zur RWTH aus?

Rohrkamp: Die Kontakte bestehen schon lange, ich möchte sie aber noch ausbauen. Ich habe zu Beginn meiner Tätigkeit alle Lehrstühle, bei denen ich einen Bezug zum Stadtarchiv sehe, angeschrieben und eingeladen. Zum einen, um mich vorzustellen, zum anderen wollte ich Gruppen die Möglichkeiten zeigen, hier direkt mit Quellen zu arbeiten. Auch auf diesem Weg kann man den Mehrwert von Archivalien herausstellen.

Darf denn jeder in einem Archiv als Nutzer arbeiten?

Rohrkamp: Das Archivgesetz für Nordrhein-Westfalen ist für uns maßgeblich. Es sagt, dass jeder die staatlichen Archive benutzen kann. Natürlich sind bei vielen älteren Quellen schon besondere Fähigkeiten nötig, um sie nutzen zu können, auch ist der Datenschutz zu beachten. Wir arbeiten aber nicht hinter hohen Mauern, wir sind ein Ort der Information.

Welche Rolle spielt denn die wissenschaftliche Publikationsarbeit?

Rohrkamp: Wir werden uns in der nächsten Zeit auf die Erschließung unserer Bestände konzentrieren. Ich kann mir aber vorstellen, eine Reihe ins Leben zu rufen, in der kleinere Arbeiten aus unserem Archivgut publiziert werden. Außerdem erscheint auch die neue Stadtgeschichte u. a. in unserer Reihe „Veröffentlichungen des Stadtarchivs“.

Wo ordnen Sie das Aachener Stadtarchiv in der deutschen Archivlandschaft ein?

Rohrkamp: Wir sind in Deutschland gewiss eines der bedeutendsten Kommunalarchive. Seit dem Umzug in die Nadelfabrik sind wir sicher auch eines der modernsten Archive. Das haben wir auch der Unterstützung von Politik und Verwaltung zu verdanken. Die besondere Bedeutung macht sich nach wie vor an Aachen als Krönungsort fest.

Bei uns finden sich viele kaiserliche, aber auch königliche und päpstliche Urkunden. Aber auch unsere jüngere Vergangenheit lässt sich in unserem Haus wunderbar nachvollziehen, z. B. die Konflikte im 19. und 20. Jahrhundert, die Aachen als Grenzstadt besonders betroffen haben. Genauso die Sonderrolle als erste befreite Stadt 1944/45 – all das findet man hier wieder. Ich finde es aber vor allem faszinierend, wie reichhaltig und facettenreich unser Archivgut ist, für alle Epochen.

Früher wurden Akten, Urkunden und Bilder archiviert. Heute stehen Sie einer Flut digitaler Informationen und Quellen gegenüber. Wie können Sie diese meistern?

Rohrkamp: Bei uns ist bis heute das Analoge maßgeblich. Bei uns kommen die Dinge ja zeitversetzt an. Aber die digitale Archivierung ist ein Thema, bei dem jetzt die Weichen gestellt werden müssen und für das wir auch die Kompetenzen haben. Aber dies bedeutet keineswegs eine Erleichterung unserer Arbeit.

Könnte man aber meinen.

Rohrkamp: Das technische Rückgrat dafür bekommen wir geliefert. Aber wir müssen klären, wie digitale Daten beschaffen sein müssen, um sie bestenfalls ewig aufbewahren zu können. Und es ist auch nicht sinnvoll, alles Analoge zu digitalisieren. Zur Veranschaulichung: Unser Magazin weist einen Stauraum von 14 Kilometern auf, davon sind elf schon besetzt. Wir haben rund 100.000 Fotos, 20.000 Urkunden, 15.000 Pläne, mehrere Kilometer Akten. D

as ist das Ergebnis der Überlieferung von beinahe 1000 Jahren Stadtgeschichte, denn unser ältestes Stück ist von 1018. Dabei liegt die Kunst des Archivierens vor allem darin, alles nicht Archivwürdige wegzuwerfen. Aber es sammelt sich was an über die Jahrhunderte. Das muss aber nicht alles digital vorliegen, da müssen Prioritäten gesetzt werden. Außerdem verursacht die digitale Archivierung nicht zwingend weniger Kosten. Und aktuell ist in den meisten Fällen nur die Papierform rechtlich verbindlich.

Aber die digitale Archivierung bietet doch auch Chancen?

Rohrkamp: Natürlich, momentan vor allem im Service. Mittelfristig wollen wir bestimmte Bestände online zur Verfügung stellen, vielleicht auch Urkundenbestände digitalisieren. Das würde auch wunderbar in unsere Grundintention passen: mit unseren Dingen rauszugehen. Vor allem mit den Archivalien, die jeder verstehen kann. Historische Bilder zum Beispiel: Sie dokumentieren ein Stück Heimat und bieten den Menschen etwas, um sich darin wiederzufinden.

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