Das antike Schmuckkästchen ist sein zweites Zuhause

Von: Hans-Peter Leisten
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Ein Mann und sein zweites Zuhause: Hubert Visé legt den emotionalen Abschied vom Tivoli noch in die Warteschleife. Foto: Wolfgang Plitzner

Aachen. Wenn Schiedsrichter Günter Perl am Montagabend um 20.15 Uhr das Spiel Alemannia Aachen gegen MSV Duisburg anpfeift, dann hat Hubert Visé seine Aufsichtstätigkeit beendet. Dann gibt er sein Funkgerät ab und geht in die alte Geschäftsstelle.

Kartenzählen ist angesagt, die Tickets der Schlusskasse werden dann in die Gesamtzahl der verkauften Karten eingerechnet. Und wenn Hubert Visé wissen will, ob ein Tor für die Alemannia fällt, dann muss er ein Fenster „auf Kipp” stellen. Fast als ob´s ihm egal wäre. Doch der Schein trügt, denn jedes Tor, jeder Punkt, jeder Sieg ist für den 68-Jährigen eine Herzensangelegenheit. Schließlich ist er durch und durch Alemanne. „Aber wenn ich meinem Verein helfen kann, dann hat die Arbeit Vorrang.”

Seit fast 20 Jahren ist der Ehemann, Vater und Großvater am Tivoli aktiv. Spätestens seit er Rentner ist, ist der antike Schmuckkasten sein zweites Zuhause. „Natürlich steht meine Familie an erster Stelle, aber dann kommt direkt die Alemannia”, sagt er und ein leichter Schimmer taucht in seinen Augen auf.

Und wie kommt so ein Mensch mit dem Abschied vom alten Stadion klar? Ganz einfach. Hubert Visé nutzt den gleichen Selbstschutzmechanismus wie manch anderer Alemannia-Mitarbeiter: „Ich mache mir einfach noch keine Gedanken darüber. Ich verdränge den Abschied, bis es wirklich so weit ist.” Und dann? „Dann kann es allerdings passieren, dass die Emotionen bei mir so richtig hochkommen.”

Aber auch mit diesen Gefühlswelten hat der frühere Post-Beschäftigte keine Berührungsängste. Für ihn ist die Alemannia durch und durch gelebte Emotion. „Wissen Sie”, sagt er mit einem Lächeln, „ich habe damals 1999 bei der Aufstiegsfeier auf der Rathaustreppe stehen dürfen. Das war einer der schönsten Tage in meinem ganzen Leben.”

Seine Familie darf das ruhig wissen, weil gerade seine Gattin Hildegard die Leidenschaft für den schwarz-gelben Klub immer mitgetragen hat. Und weil sie weiß, wie wichtig Hubert Visé auch die Feiern nach dem Pokal-Finale und dem Aufstieg in die 1. Liga waren.

Dabei wurde die Liaison Visé-Alemannia direkt am Anfang auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Vom Post SV kam er damals an die Krefelder Straße und wurde ehrenamtlicher Jugendgeschäftsführer. Und gleich zum Start wurden alle Abteilungen mit dem ersten Abstieg aus dem Profi-Fußball konfrontiert. Damals galt das Prinzip „Augen zu und durch”. „Wir haben damals zur Saisoneröffnung selbst den Kuchen gebacken und die Gläser gespült. Und das hat auch Spaß gemacht.”

Und als es in den späten 90er Jahren langsam wieder aufwärts ging und bei den legendären Pokalspielen die Schlangen bis zur Merowingerstraße reichten, wurde Hubert Visé als Kartenabreißer „eingewechselt”. Heute gehört dies zum Ticketing, doch der Mann, der in direkter Nähe zum Tivoli groß geworden ist, ist der Abteilung und auch sich selbst treu geblieben.

„Ich bin für alles von der Alemannia belohnt worden”, sagt er mit dem Brustton der Überzeugung. Für sein Engagement für die Jugend und dafür, dass er immer gerne zur Stelle ist, wenn Hilfe gefragt ist.

Als die Alemannia ihre vier Uefa-Cup-Spiele in Köln austrug, war Hubert Visé in die Organisation mit eingebunden. „Da hat man schon gemerkt, was ein tolles Stadion ist. Aber der neue Tivoli wird noch schöner”, ist er sich sicher.

Nur einem Moment kann er nicht aus dem Wege gehen: dem 24. Mai. Dann findet das letzte Liga-Spiel auf dem alten Tivoli statt. Und dann wird sich auch Hubert Visé wohl oder übel seinen Emotionen stellen müssen.
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