Aachen - Das Aachener Theater K zieht vorerst in eine alte Tuchfabrik

Das Aachener Theater K zieht vorerst in eine alte Tuchfabrik

Von: Jenny Schmetz
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Hoch die Fahnen! Mona Creutzer und Jochen Deuticke vom Aachener Theater K erobern die neue vorläufige Spielstätte in einer ehemaligen Tuchfa-brik in der Soers. Dort soll ab 19. September das Projekt „Rebellion 1830“ über einen Aachener Aufstand gezeigt werden. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Noch tropft es hier und da. Aber das bringt die Theaterleute nicht aus der Ruhe. Was ist schon ein undichtes Dach? Da sind sie ganz andere Probleme gewohnt. Noch sind es ja fast drei Wochen bis zur Premiere.

„Unsere Zuschauer werden im Trockenen sitzen“, versichert Mona Creutzer gelassen. Erst mal ist die Co-Chefin erleichtert, dass ihr Theater K nach schwieriger Suche eine neue Spielstätte gefunden hat – vorerst.

Sein Domizil in der Aachener Bastei musste das freie Theater nach 19 Jahren räumen. Nur ein paar Kilometer vom verkehrsumtosten alten Spielort an der Ludwigsallee entfernt, ist in der Soers unweit von Tivoli und Reitstadion nun Durchatmen angesagt. Mehr Licht, mehr Luft, mehr Grün – weniger an den angegammelten Wänden des früheren Fabrikgebäudes als drumherum. Beim Spazierengehen entdeckte die Theatermacherin zwischen Maisfeldern und Kuhwiesen das denkmalgeschützte Färbereigelände Stockheider Mühle. Am verwitterten Backsteinbau erinnert noch ein Schild an die ehemalige Tuchfa-brik Becker. Und auf dem Briefkasten steht der Name einer Stiftung. „Das hat doch was mit Kultur zu tun!“, dachte sich Creutzer und rief einfach mal an.

Dahinter steckte die Margarete-Lorenz-Stiftung, die das alte Industrieareal besitzt – und sich „sehr entgegenkommend“ zeigte. „Für uns ist es ein Traum, das Gelände zu beleben und bekannter zu machen“, sagt Paul Bardenheuer von der Stiftung. Neben dem Depot des Vereins Tuchwerk (siehe Kasten), Künstlerateliers und Werkstätten fand daher auch das Theater K „für eine günstige Miete“ eine vorübergehende Bleibe.

Über den Hof gehte_SSRqs nun also vorbei an der verstaubten Stechuhr die Treppe hoch: Unter dem noch nicht ganz dichten Dach erstreckt sich – neben einem „Büro“ mit Blick auf den Wildbach – eine rund 400 Quadratmeter große Halle. „Eine ganz tolle Herausforderung“, meint Creutzer. „Aachen hat genügend von diesen kleinen, feinen Räumchen“, findet sie.

Das Markenzeichen der Gruppe, der morbide Charme der Spielstätte, bleibt also erhalten. Und neben Patina sollen die Besucher im „neuen Foyer Rouge“ wie in der früheren Striptease-Bar Bastei auch Plüsch finden. Sogar die Brandschutztür aus der Bastei lehnt an der Wand – sie wird noch eingebaut. Das amtliche Okay für die ersten Aufführungen habe man erhalten, betont Creutzer.

Die 99 Zuschauer, die ab 19. September auf den altbekannten gepolsterten Schalensitzen Platz nehmen, sollten sich allerdings ein Strickjäckchen mitbringen. Eine Heizung gibt es nicht. „Das wäre auch ein schönes Sommerquartier“, überlegt die Theaterleiterin schon weiter. Aber dafür bräuchte man erneut eine Genehmigung der Stadt . . .

Das Logo fährt auf zwei Rädern

Nie weiß der Zuschauer, was ihn im Theater K erwartet. Auch diesem Markenzeichen bleibt man treu. Nicht gefällig sein, beweglich bleiben, lautet die Maxime seit 28 Jahren. So suchen die Theaterleute zwar weiterhin ein neues festes Zuhause, aber ihrem K-Logo habe sie schon mal zwei Räder druntergeschraubt: Das Theater ist unterwegs zu verschiedenen Spielorten. Dass das neue Logo entfernt an das der Berliner Volksbühne – und damit an politisches Denken und unangepasste Theaterformen – erinnert, passt ihnen auch ganz gut in den Kram.

Besonders gut passt das wiederum zu ihrem Projekt „Rebellion 1830“. In der alten Tuchfabrik wollen sie ein Ereignis aus der Geschichte der einstigen Tuchmacherstadt nacherzählen: den Aufstand Aachener Arbeiter vom 30. August 1830. Der Hintergrund: Industrialisierung, Armut, Arbeitslosigkeit. Die Demonstranten plünderten das Haus des Unternehmers James Cockerill, bevor eine bewaffnete Bürgerwehr den sozialen Protest blutig niederschlug. Sieben Menschen starben, rund 70 wurden verurteilt. „Davon habe ich gar nichts gewusst“, gibt Creutzer zu – und so wird es wohl nicht wenigen gehen.

Bei ihrer Recherche hat sie historische Dokumente wie Prozessunterlagen, Zeugenberichte oder Zeitungsartikel und moderne wissenschaftliche Texte zusammengetragen, die nun von fünf Schauspielern und zehn Statisten in einer szenischen Lesung präsentiert werden sollen. Musiker Manfred Leuchter komponiert dazu eine Toncollage aus Geräuschen von Textilmaschinen bis zu Heinrich Heines „Weberlied“. Wer da an Gerhart Hauptmanns bekanntes Sozialdrama „Die Weber“ denkt und Dialekt fürchtet, sei unbesorgt: Öcher Platt muss man nicht können, um diese Rebellion zu verstehen.

Gesucht wird auch noch ein Autor, der aus dem Ganzen später ein „richtiges Stück“ machen soll, das – so der Wunsch – im nächsten Jahr uraufgeführt wird. Vielleicht ja in der alten Tuchfabrik.

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