Cybermobbing bis Prüfungsangst: Wenn‘s drunter und drüber geht

Von: Stefan Herrmann
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Wenn sich Mobbing in soziale Netzwerke verlagert: Schüler leiden unter Gemeinheiten, die via Facebook oder Whatsapp verbreitet werden. Doch Cybermobbing ist nur ein Thema, bei dem Schulsozialarbeiter aktiv werden. Foto: dpa
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Jeder Tag ist anders: Die Schulsozialarbeiter Nicole Rütten und Markus Bougé erfahren von Schülern, Lehrern und Eltern ebenso wie von Politik und Verwaltung eine große Wertschätzung, wie sie selbst sagen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Peter ist raus. Das war allen schnell klar. Nur eben Peter (Name geändert) nicht. Und da heute vieles übers Handy läuft, legten seine Mitschüler gleich mal eine Whatsapp-Gruppe an. Name: Peter ist raus. Darin wurde dann fleißig gelästert und gestänkert.

Bis der ungeliebte Klassenkamerad dahinter kam. Cybermobbing heißt die digitale Hänselei, die auch an Aachens Schulen keine Seltenheit ist. Als das Mobbing via Whatsapp aufgeflogen war, Gespräche mit Lehrern, Eltern und natürlich auch den betroffenen Schülern stattfanden, war das Know-how von Nicole Rütten, 48, gefragt.

Eine Frage der Finanzierung

Rütten arbeitet seit Mai 2012 als Schulsozialarbeiterin am Couven-Gymnasium. Die Erzieherin entschied sich mit 40 Jahren, noch einmal umzusatteln, studierte soziale Arbeit und leistet nun sozusagen Pionierarbeit in Aachen. Denn sie ist mit einer Halbtagsstelle als erste Schulsozialarbeiterin an einem Gymnasium tätig. Wenn sie von ihrem Job erzählt, wird dem Zuhörer schnell klar: Sie liebt ihre Arbeit. Schule, vor allem das Gymnasium, sei noch immer ein Ort, an dem es oftmals defizitorientiert zugehe.

So nennt Rütten das. Die zwölf Fehler im Diktat sind rot angestrichen. Die 120 richtig geschriebenen Wörter fallen eher unter den Teppich. „Mir geht es vor allem darum, die Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen zu stärken“, sagt Rütten. Trotz und gerade wegen der Probleme der Kinder- und Jugendlichen, mit denen ein Schulsozialarbeiter im Alltag konfrontiert wird: Prüfungsangst, Essstörungen, Drogenprobleme, Schulunlust oder eben Cybermobbing.

Rütten ist da, wenn Schüler, Lehrer, Eltern nicht mehr weiter wissen und Hilfe benötigen. Nur weiß die 48-Jährige derzeit nicht, wie lange sie noch da sein kann. Denn die Zukunft für einen Teil der städtisch angestellten Sozialarbeiter ist ungewiss. 18 der insgesamt 27,5 Stellen laufen nach derzeitigem Stand im Sommer 2016 aus. Sie werden bis dahin aus (Rest-)Bundesmitteln des Bildungs- und Teilhabepakets (BuT) finanziert. Auch Rüttens Halbtagsstelle wird aus diesem Topf bezahlt.

Wie es danach weitergeht, darüber streiten Kommunen, Land und Bund seit Jahren. Zwar sind sich alle einig, dass die Schulsozialarbeit möglichst im jetzigen Ausmaß erhalten, besser sogar noch ausgeweitet werden soll. Doch wer die Rechnung dafür zahlt, darüber herrscht Uneinigkeit. Ende 2014 hat das Land NRW dann die Zusage erteilt, den Kommunen unter die Arme zu greifen, um so die Schulsozialarbeit zumindest bis Ende 2017 zu sichern.

Von den insgesamt 48 Millionen Euro, die die Landesregierung hierfür pro Jahr in die Hand nimmt, fließen rund 1,4 Millionen Euro in die Städteregion. Allerdings handelt es sich „nur“ um einen Zuschuss. Rund 30 Prozent der Gesamtkosten für die 18 betroffenen Stellen in Aachen müssten aus dem städtischen Etat finanziert werden. In trockenen Tüchern ist all dies jedoch noch nicht. „Wir sind dabei, die Anträge zu stellen“, sagt Ruth Comos.

Die Teamleiterin Schulsozialarbeit des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend Schule klingt dabei aber durchaus zuversichtlich. Es gebe noch einige Fragen zu klären. Zum Beispiel, ob die Anträge gemeinsam mit der Städteregion oder einzeln als Stadt gestellt werden müssen, um die Landeszuschüsse zu erhalten. Dann soll die Sicherung der betroffenen Schulsozialarbeiter-Stellen festgezurrt werden. Zumindest bis 2017.

Softair-Pistole auf dem Schulhof

Markus Bougé, 32, gehört ebenfalls zu denen, deren Stelle als städtisch angestellter Schulsozialarbeiter befristet ist. „Große Sorgen mache ich mir aber nicht“, meint er. Er richte seine Aufmerksamkeit lieber darauf, wo er wirklich etwas bewegen könne. Und das sind die insgesamt rund 430 Schüler der Grundschulen KGS Passstraße und KGS Forster Linde.

Dort ist Bougé als Schulsozialarbeiter seit 2012 aktiv. Der Job sei sehr vielfältig, erzählt er. „Es gibt keinen Tag, der gleich abläuft.“ Einen Großteil macht bei Bougé die Einzelförderung aus. Kommt ein Kind im Klassenverband nicht zurecht, dann unterstützt er, versucht in Gesprächen herauszufinden, wie eine bessere Integration des „Problemfalls“ gelingen kann.

„Und zwar ohne, dass auf dem Schulhof die Fäuste fliegen“, merkt er an. Gerade jüngere Schüler haben heute vielfach Konzentrationsprobleme. TV, Computer, Handy: Ablenkung lockt an jeder Ecke. Eltern, die wenig Zeit für ihre Kinder haben, die nicht darauf achten, was ihr Sprössling so alles treiben. Vor kurzem erst, berichtet Bougé, sei ein Kind mit einer Softair-Pistole zur Schule gekommen und habe damit auf dem Pausenhof rumgeschossen.

Welche Gefahren damit verbunden seien, erzählt Bougé, sei dem Jungen nicht klar gewesen. Und die Frage, woher diese Pistole überhaupt stamme, konnte selbst zusammen mit den Eltern nicht abschließend geklärt werden.

Dass mittelfristig erneut Klärungsbedarf herrschen wird, wie die 18 betroffenen Schulsozialarbeit-Stellen über 2017 hinaus finanziert werden können, das glauben auch Rütten und Bougé. Sorgenfalten lösen diese Gedanken bei den beiden aber nicht aus. „Die Schulsozialarbeiter werden gebraucht! Das ist allen klar. Wir erfahren viel Wertschätzung“, sagt Rütten selbstbewusst.

Nun liegt der Ball erst einmal wieder bei Verwaltung und Politik. So lange kümmern sich Rütten und Bougé voll und ganz um „ihre“ Schüler, wenn es mal wieder drunter und drüber geht in einer Klasse – aber nicht nur dann.

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