Aachen - Curt Creutz: Ein Mann, der Zeit zum Nachdenken verschafft

Curt Creutz: Ein Mann, der Zeit zum Nachdenken verschafft

Letzte Aktualisierung:
7520667.jpg
Gespräche sind enorm wichtig: Curt Creutz, Ethik-Beauftragter des Marienhospitals, steht immer bereit für den Dialog mit den Medizinern und Pflegekräften des Hauses. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Seit Juli gibt es in der Katholischen Stiftung Marienhospital Aachen eine Stabsstelle Ethik. „Ethik ist der Sand im Getriebe“, beschreibt Dr. Curt Creutz, Inhaber der Stabsstelle, seine Arbeitsauffassung. Er will im Krankenhaus- und Pflegealltag Orte etablieren, die Ärzten und Pflegekräften, aber auch Patienten und Angehörigen, Zeit zum Nachdenken verschaffen. Entschleunigen statt beschleunigen, ist sein Ziel und ist diesem bereits ein Stück nahe gekommen, wie er im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld, berichtete.

Wie erklären Sie den Begriff Ethik?

Curt Creutz: Im Grunde ist es recht einfach: In der Ethik wird überlegt, welche Bedingungen sein müssen, damit Leben glückt. Das besondere an uns Menschen ist, dass wir nicht instinktgesteuert, unbedacht handeln, sondern unsere Vernunft haben, um zu reflektieren und zu entscheiden. Ethik versucht herauszufinden, welche Bedingungen wichtig sind, um sich gut zu entscheiden. Da spielt sicher auch das Menschenbild eine Rolle – wie hier in der Katholischen Stiftung Marienhospital Aachen das christliche Menschenbild, das jedem Menschen einen Wert, eine Würde zuspricht, die er innehat als Ebenbild Gottes.

Klares Gut und Böse gibt es ja in den seltensten Fällen, Graustufen beschäftigen uns in allen Bereichen. Wie kann Ethik da Orientierung geben?

Creutz: Im Krankenhaus fallen täglich Behandlungsentscheidungen an. Ein entzündeter Blinddarm ist wahrscheinlich unproblematisch. Aber es gibt auch viele Situationen – am Lebensanfang, am Lebensende –, in denen Entscheidungen nicht so eindeutig sind. Was ist der Maßstab, wenn wir davon reden, Menschen gut versorgen, gut behandeln zu wollen? Ist es das, was der Arzt als gut und richtig erachtet? Hat der Patient ein Mitspracherecht? Die Vorstellung vom Patienten als passivem Hilfeempfänger, als Objekt hat sich in den vergangenen Jahren zum Glück gewandelt. Die Spannung zwischen Fürsorge und Patientenautonomie bleibt aber eine ständige Herausforderung.

Waren an dieser Veränderung auch Leute wie Sie, Ethikbeauftragte in Krankenhäusern, beteiligt?

Creutz: Wenn der Mensch in seiner Ganzheit aus dem Blick gerät, wird es kritisch. Aussagen wie „das schlägt mir auf den Magen“, „das macht mir das Herz schwer“ beschreiben ja sehr eingängig die Wechselwirkung zwischen Körper und Seele. Ethik gießt kein Öl ins System Krankenhaus, damit Entscheidungen schneller getroffen werden. Ethik ist eher der Sand im Getriebe. Denn: Eine gute Medizin ist nachdenklich. Situationen, in denen es verschiedene Handlungsmöglichkeiten gibt, sollten eher entschleunigt statt beschleunigt werden. Die Medizin kann heute sehr viel, aber ist das immer im Sinne des Patienten?

Dafür gibt es heute doch Patientenverfügungen.

Creutz: Wenn eine existiert, ist das eine gute Entscheidungshilfe. Aber die greift ja erst, wenn der Patient sich nicht mehr äußern kann. Das direkte Gespräch zwischen Arzt und Patient bleibt das Maß aller Dinge.

Sie sitzen aber ja nicht immer bei solchen Entscheidungen mit am Krankenbett, um zu moderieren. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Creutz: Ich muss die Ethik nicht ganz neu ins Krankenhaus bringen, es ist ja bisher nicht unethisch gehandelt worden. Aber es kam darauf an, ob ein Arzt, eine Pflegekraft dafür ein Verständnis hat. Das Ziel der Stabsstelle ist es, der Ethik einen festen Platz zu geben. Wir wollen uns Zeit dafür nehmen. Es ist beileibe nicht selbstverständlich, dass ein Krankenhausträger solch eine Stelle einrichtet. Es ist Ausdruck von einem Bewusstsein, dass bei aller Investition in Technik und Ausstattung dieser „äußere“ Rahmen einer Klinik auch mit Leben, mit Menschlichkeit und Zuwendung gefüllt werden muss.

Wie geschieht das konkret?

Creutz: Das klinische Ethik-Komitee, in dem verschiedene Berufsgruppen zusammen kommen, berät wiederkehrende Probleme sowie übergeordnete Fragen und formuliert ethische Leitlinien als Orientierungshilfe für den Alltag. Dann möchte ich eine ethische Fallbesprechung etablieren, die im konkreten Einzelfall immer dann zusammen kommt, wenn ein Beteiligter – Patient, Angehöriger, Pflegekraft, Arzt – Klärungsbedarf hat. Oft ist das eher ein Gefühl, ein Dilemma, in dem jemand steckt. Gerade in der Intensivmedizin ist es nicht schwierig, bestimmte Therapien zu beginnen; viel schwieriger ist mitunter, später entscheiden zu müssen, sie zu begrenzen oder gar zu beenden.

Hat sich in Ihrer kurzen Dienstzeit schon etwas verändert?

Creutz: Die Etablierung dieser Instrumente ist das eine. Ausdrücklich stehe ich aber auch für Gespräche zur Verfügung. Auch erfahrene Ärzte und Pflegekräfte kommen in manchen Situationen an ihre Grenzen. Hirntod war so eine Situation. Ein Mensch fühlt sich warm an, sein Brustkorb hebt und senkt sich, sein Herz schlägt und trotzdem soll er unwiderruflich tot sein? In solch einer konkreten Konstellation ging es auch um die Frage einer Organspende. Viele Krankenhausbereiche waren auf unterschiedliche Weise beteiligt. Auch wenn alles nach den vorgegebenen Regelungen des Transplantationsgesetzes abgelaufen ist, blieb bei einigen Mitarbeitern am Ende ein gewisses Unbehagen zurück.

Aber gehört das nicht in den Bereich der Seelsorge?

Creutz: Es gibt da durchaus eine Schnittmenge, deshalb bin ich auch dankbar, dass ich eine klinische Seelsorgeausbildung habe. Aber in diesem Fall wurde ich gebeten, eine Gesprächsrunde aller beteiligten Ärzte, Pflegekräfte und OP-Pfleger zu moderieren. Das Erlebte wirkte bei vielen Teammitgliedern noch nach. In dem Gespräch hatten die Profis die Möglichkeit, sich auszutauschen, sich selbst einzubringen, auch ihre Befindlichkeiten anzusprechen. Gefühle der Hilflosigkeit, des Zweifels zugeben – das hat dort sogar ein leitender Arzt gemacht. Das sorgt für ein ganz anderes Klima in einem Team. Oder: Gerade war ich mit Schülern der Gesundheits- und Krankenpflegeschule drei Tage in der Eifel. Dort ging es auch um ihre Rolle in diesem System. Sie haben oft noch ein ganz waches Empfinden, gerade im Blick auf Patienten oder Abläufe. Ich ermutige sie, sich einzubringen, um das ganze System voranzubringen. Gleiches versuche ich in Fortbildungen. Wir müssen nah genug am Menschen sein, um mitzufühlen, aber auch entfernt genug, um nicht mitzuleiden. Gerade im Krankenhaus ist das ein ständiger Balanceakt.

Sicher erleben Sie immer wieder Zweifel – am Leben, am System, an Gott. Wie gehen Sie damit um?

Creutz: Ethik lebt von Unsicherheiten. Es ist wichtig, zu akzeptieren, dass diese wie auch Ängste und Grenzen dazu gehören. Es ist nur die Frage: Habe ich diese Dinge im Griff oder haben sie mich im Griff? Im Krankenhaus sind Lebenssituationen zugespitzt: Leiderfahrungen, Erfahrung von der Begrenztheit des Lebens. Mein Verständnis von Gesundheit ist: Gesund ist der, der es schafft, die zwangsläufigen Hindernisse und Grenzen in sein Leben, seine Persönlichkeit zu integrieren. Heilung kann nicht immer das Ziel sein. Ein Arzt kann auch dann noch viel machen, wenn medizinisch nichts mehr zu tun ist.

Wie katholisch ist die Katholische Stiftung Marienhospital Aachen und was ist Ihr Anteil?

Creutz: Es ist ein Anspruch, den die Einrichtung hat. Katholisch ist dabei nicht im engen konfessionellen Sinne, eher übergeordnet zu verstehen: Der Glaube, das christliche Menschenbild ist Quelle und Motivation des Dienstes. Jeder Mensch besitzt eine unverlierbare Würde, sei es der Mensch mit Behinderung, sei es der Obdachlose. Da konkretisiert sich das Katholische. Das kann man nicht verordnen, aber dafür kann man Räume schaffen, damit sich alle darauf besinnen, damit beschäftigen können. Auch das zählt zu meinen Aufgaben.

Wie reagieren Kirchenferne oder Menschen mit einer anderen Konfession darauf?

Creutz: Als katholische Einrichtung versucht die Stiftung, diese Werte zu realisieren. Aber Patienten und Angehörige merken vor allem die Konsequenzen im Alltag: Ob die Pflegekraft positiv gestimmt oder mit einem genervten Gesichtsausdruck ins Zimmer kommt. Ob sich die Küchenkraft um nachvollziehbare Sonderwünsche bemüht oder nicht. Ob ich im ärztlichen Gespräch ernst genommen werde oder über meinen Kopf hinweg agiert wird. Natürlich ist der Druck im Krankenhaus für alle Beschäftigten hoch, die Zeit ist immer knapp. Aber es kommt auf die Einstellung an. Ich kann den Patienten meinen Stress spüren lassen oder versuchen, meinen Dienst mit einem Lächeln zu versehen.

Bei den Bedingungen in der Pflege wird Lächeln aber irgendwann schwierig…

Creutz: Wie Du kommst gegangen, so wirst Du auch empfangen. Das können alle Mitarbeitenden, egal welcher Konfession sie angehören. Die Grundhaltung, die in der Einrichtung aus dem katholischen Glauben erwächst, ist entscheidend. Bei der Einstellung fragen wir, ob der Mitarbeitende mit uns an diesem Strang ziehen will. Aber Sie haben natürlich Recht: Auch die Sorge für gute Arbeitsbedingungen entspricht christlicher Verantwortung.

Im November sind Sie zusammen mit drei anderen Herren zum ständigen Diakon geweiht worden und leisten Ihren ehrenamtlichen Dienst seither in St. Gregor von Burtscheid. Was machen Sie als Diakon genau?

Creutz: In Abgrenzung zum Priesterdienst darf ich nicht alle, aber einige Sakramente spenden: Taufe und Trauungen. Auch Beerdigungen und Wortgottesdienste in jeder Form gehören zu den Aufgaben eines Diakons. Gerade habe ich zusammen mit einer weiteren Moderatorin mit fünf Paaren, die in St. Gregor von Burtscheid getraut werden wollen, einen Tag der Ehevorbereitung verbracht. Auch hier war Entschleunigung, Besinnung auf das Wesentliche bei allem Hochzeitsstress das Ziel.

Werden Sie als Ehemann und Vater von drei Kindern dort anders gesehen als ein Priester, der im Zölibat lebt?

Creutz: Ich bin kein Experte, wie Ehe und Familie gelingen kann, und will auch nicht so auftreten. Ich kann nur das anbieten, was meine Frau und ich als gut erlebt haben. Das ist nicht auf jeden übertragbar. Aber die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben uns zurückgemeldet, dass der Tag sehr anregend und unsere Vorbilder authentisch waren.

Welche Motivation treibt Sie zu diesem Ehrenamt?

Creutz: Ich habe selbst erfahren, dass Glaube mein Leben reicher, bunter macht. Er ist ein Fundament, um das Leben gelassen anzugehen. Probleme, die ich natürlich auch habe, haben nicht das letzte Wort. Mein Glaube ermöglicht mir einen anderen Umgang mit meinen Grenzen, weil uns noch eine andere, grenzenlose Existenz versprochen ist. Das möchte ich nicht nur für mich behalten. Einen Missionsanspruch verbinde ich aber nicht damit. Gott ist an viel mehr Stellen schon am Werk, als wir vermuten. In allem, was ich tue, kann ich nur Wegbegleiter sein. Ich gehe Umwege mit, begleite in Sackgassen, stehe hinter den Menschen, biete meine Hand an, wenn der Weg zu beschwerlich wird, helfe ihnen auf, wenn sie gefallen sind. Aber das Gehen kann ich niemanden abnehmen, auch das Ziel und das Tempo bestimmt jeder selbst.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert