Corinna Bavaj kümmert sich ehrenamtlich um Gefangene in der JVA Aachen

Von: Marie Hanrath
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„Sie wissen nicht wohin, haben keine Angehörigen, keinen Menschen, der auf sie wartet“: Corinna Bavaj steht Strafgefangenen für den Verein Straffälligenhilfe ehrenamtlich zur Seite.

Aachen. Als Osama an jenem Dezembertag um 17 Uhr das Aachener Gefängnis verlässt, weiß er nicht, was draußen passieren wird. Familie und Freunde in Deutschland gibt es nicht. Fünf Jahre und acht Monate hatte er wegen versuchten Totschlags in der Justizvollzugsanstalt (JVA) gesessen, er hat Angst vor dem Tag seiner Entlassung. Dann kommt Corinna Bavaj mit ihrem Auto vorgefahren und nimmt den 43-Jährigen für eine Woche bei sich und ihrem Mann Giorgio auf.

„Manchmal stehen sie da nur mit einer einzigen Plastiktasche, nur mit einem einzigen braunen Umzugskarton. Darin befindet sich alles, was sie haben. Sie wissen nicht wohin, haben keine Angehörigen, keine Familie, keinen Menschen, der auf sie wartet“, sagt Bavaj.

Sie betreut ehrenamtlich für den Verein Straffälligenhilfe eine Gruppe von Häftlingen der JVA Aachen. Oft begleitet sie die Strafgefangenen schon Monate und Jahre bevor die schweren Eisentüren der JVA hinter ihnen zufallen und ein neues, freies Leben beginnt. Alle sind männlich, haben einen Migrationshintergrund und sitzen für viele Jahre, oft für Jahrzehnte, in Haft. Bavaj nennt sie „ihre Jungs“, und für ihre Jungs ist sie einfach Corinna.

Bavaj ist Mitte 70. Durch ihren offenen, stahlblauen Blick und ihre dunkelrosa geschminkten Lippen ist das auf den ersten Blick nicht erkennbar. Einzig unter dem Pony ihrer weißen Kurzhaarfrisur lassen einige wenige Fältchen darauf schließen, dass sie als kleines Kind noch das Ende des Zweiten Weltkriegs miterlebt hat. Ihr sicheres Auftreten verschafft der studierten Juristin schnell Respekt.

Hemmungen, auch mal Probleme anzusprechen, habe sie keine, auch wenn es unbequem sei, sagt sie. Aber das müsse auch so sein, wenn man als Frau den Ton angibt. Das sei für einige Häftlinge manchmal ganz neu und schwer zu begreifen. Mit einem Grundvertrauen und Zuversicht begibt sie sich jedes Mal erneut in das Abenteuer Deutschkurs im Strafvollzug.

Die dicken Mauern der JVA

Jeden Mittwoch tauscht sie für eineinhalb Stunden ihre eigenen vier Wände gegen die dicken Mauern der JVA. Dann geht sie freiwillig an den Ort, von dem sich alle anderen gerne wegzaubern würden. Immer wieder lässt sie die aufwendige Sicherheitsprozedur über sich ergehen, bevor sie in ihren weißen, sterilen Unterrichtsraum gelangt. Dort sitzen an einem langen Tisch meistens zehn Schüler. Fünf rechts, fünf links. Bavaj steht am Whiteboard, schreibt Präpositionen und Artikel an und erklärt Männern die Sprache und Kultur ihrer neuen Heimat.

Angst hatte sie während der vergangenen zwölf Jahre noch nie, erzählt sie. Und falls das irgendwann mal der Fall sei, gäbe es „irgendwo im Unterrichtsraum einen blauen Knopf. Den könnte ich drücken, falls was passiert, aber ob der funktioniert und wie schnell dann wirklich jemand zu Hilfe käme – das weiß ich nicht“, sagt sie und lächelt. Sie fügt gelassen hinzu: „Wenn ich nachts alleine vom Kino nach Hause gehen würde, könnte mir mehr passieren als im Knast.“

Freude und Spaß müsse beim Lernen dazugehören, sagt die ehrenamtliche Deutschlehrerin. „Wir lachen viel, das ist klar. Wenn das Lesebuch ,Die Leiche im Baggersee‘ besprochen wird, sind da viele Worte dabei, die ihnen nicht ganz fremd sind. Das sind dann Worte wie Kommissar, Tatort und Leiche. Das Themenfeld ist kein Unbekanntes. So geht das Deutschlernen dann schon mal leichter“, erklärt sie und lacht. Wichtig sei, dass die Kommunikation so richtig ins Laufen komme, denn „Sprachprobleme sind oft große Hindernisse. Sie gehören zu den Gründen, warum die Menschen nicht an der Gesellschaft partizipieren können.“

Genau da will sie ansetzen. „Die Jungs sollen selbstständig werden und dazu in der Lage sein, ihre Anträge ohne Hilfe zu stellen. In der JVA passiert nichts ohne Antrag. Kein Wäschewaschen, kein Telefongespräch, keine Post, keine Anfrage nach einem Sozialarbeiter.“ Fortschritte zeigten sich mal schneller, mal langsamer.

Auch ein Liebesbrief ist mal dabei

Doch die Arbeit von Bavaj geht weit über das hinaus, was die Vorbereitung auf ein Leben in Freiheit beinhaltet. Sie beginnt da, wo die Kapazitäten der JVA nicht ausreichen. Zusätzlich zu ihren Deutschkursen betreut sie immer einen ihrer Schüler intensiver. In wen sie ihre Zeit investiert, entscheidet sie selbst. Es sind immer Männer, die sie schon über Jahre kennt, gut einschätzen kann und vor allem Menschen, in denen sie Entwicklungspotenzial sieht. „Eine gute Portion Menschenkenntnis ist ganz wichtig, wenn man das macht“, sagt sie.

Einmal in der Woche darf sie dann für mehrere Stunden mit ihnen sprechen. Themen sind neben Anträgen und Anwaltsschreiben auch Kultur, Religion und Dinge, die junge Männer eben bewegen. „Auch einen Liebesbrief habe ich schon für einen geschrieben“, sagt sie. Leider habe es nichts genutzt, fügt sie schmunzelnd hinzu. Und auch wenn es in den Gesprächen mal persönlich wird, vergisst sie nie, dass die Männer für ihre Taten ihre Strafe erhalten haben. Doch wenn die abgesessen sei, müsse man den Menschen helfen, wieder in ein geregeltes Leben und im besten Fall natürlich in ihre Familie zurückzukehren. Mit der Resozialisierung erst nach der Haftentlassung anzufangen, sei zu spät, sagt Bavaj.

Osama spricht gerne über die Zeit, die er mit Bavaj verbringt. „Sie ist meine zweite Mutter in Deutschland“, beschreibt er das Vertrauen und die starke Bindung zu ihr. Sie hat ihn jahrelang betreut. „Ich hätte nicht gewusst, was ich ohne Corinna gemacht hätte“, sagt Osama, denn durch das Vertrauen, das sie ihm geschenkt hat, habe er gelernt, wieder sich selbst zu vertrauen und Geschehenes zu reflektieren. Mehr noch: Er habe zum ersten Mal Kontakt zu Deutschen bekommen, habe gelernt die deutsche Kultur zu verstehen, eine Ausbildung gemacht und nach der Haft einen Job gefunden. Wichtig sei es, etwas zurückzugeben. Mit einem großen Festmahl bedankte sich der Iraker bei Bavajs ganzer Familie.

25 Jahre Erfahrung als Ehrenamtlerin auf Palliativ- und Onkologiestationen der Uniklinik haben Bavaj geholfen, sich besonders schweren Schicksalen stellen zu können. Aber auch sie ist immer wieder schockiert von den Taten der Menschen, die sie in der JVA unterrichtet. Man müsse professionell genug sein, um zu Hause abschalten zu können, erklärt sie. Falls sie doch Redebedarf hätte, könnte sie sich auf den Rückhalt der Straffälligenhilfe verlassen. Dort habe man immer ein offenes Ohr für die etwa 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter.

Zurzeit betreuen die Sozialarbeiter und die ehrenamtlichen Mitarbeiter 80 Menschen. „Bei 60 Prozent unserer Fälle gelingt eine Reintegration in die Gesellschaft“, sagt Martin Czarnojan, Geschäftsführer der Einrichtung. Ein zurzeit laufendes Insolvenzverfahren belastet den Verein. Darüber ist Czarnojan zwar besorgt, dennoch bleibt er zuversichtlich und ist dankbar für die Mitarbeit seiner Ehrenamtler: „Das ist oft mit sehr viel Aufwand verbunden und geht über das hinaus, was unsere Sozialarbeiter leisten können.“

Corinna Bavaj nimmt den Aufwand gerne auf sich. Sie fühle sich bereichert von ihrer Aufgabe. „Es geht doch letztendlich darum, dass man etwas Sinnvolles hinterlässt“, sagt sie. „Was ist der Sinn meines Lebens – das ist doch die Frage, die hinter allem steht.“ Mit Golf oder Bridge hätte sie jedenfalls nicht das Gefühl, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen.

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