Aachen - Chorbiennale: Wenn in der gesamten Stadt gesungen wird

Chorbiennale: Wenn in der gesamten Stadt gesungen wird

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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In der voll besetzten Citykirche begeistert der schwedische Chor Mikaeli Kammarkör das Publikum. Foto: Andreas Steindl
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Im Großen Haus des Theaters hatten unter anderem die Nachwuchssänger ihren großen Auftritt. Unter anderem der Chor „Flow“. Foto: Andreas Steindl
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Auch viele Workshops wie der des finnischen Chores „Rajaton“ locken die Besucher an. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Seit einer Woche dreht sich in Aachen wieder alles ums Singen. „Bridges“ – Brücken – lautet das Thema der fünften Auflage der internationalen Chorbiennale. Im Stadtbild ist kaum zu erkennen, dass das große Sängerfest schon gehörig an Fahrt aufgenommen hat: Wenige Plakate sind zu sehen.

Irgendwie scheint auch weniger darüber geredet zu werden, aber das kann natürlich täuschen. Der Donnerstag eignet sich daher mit drei ganz unterschiedlichen Konzerten und einem Workshop-Angebot als Stimmungstest.

12.30 Uhr Lunchkonzert des Mikaeli Kammarkör aus Stockholm in der Citykirche St. Nikolaus. Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat gelehrt: Dieses Format ist äußerst beliebt bei den Chorbiennale-Gängern, kann man doch hochkarätige Gastchöre mit einem überschaubaren Programm von einer Dreiviertelstunde bei freiem Eintritt hören. An Werktagen nutzen Viele dies für eine musikalische Mittagspause oder genießen zwischen Besorgungen und Rückkehr der Kinder eine klangvolle Auszeit.

Pause vom Alltag

Funktioniert das Konzept auch am Feiertag? Um zehn nach zwölf ist die Citykirche an Fronleichnam rappelvoll. So voll, dass auch einige Besucher stehen müssen oder sich einen Notsitz auf einer der kleinen Stufen im Seitenschiff suchen. Stühle gibt es nur noch, wenn jemand etwas freigehalten hat. Heute sind keine vollen Einkaufskörbe dabei, doch der Charakter der Pause vom Alltag bleibt.

Hier brabbelt ein Kleinkind, dort werden Fächer geschwenkt, nirgendwo ist festliche Konzertkleidung zu erblicken. Der schwedische Kammerchor liefert natürlich dennoch eine konzertreife Vorstellung ab und hat auch für das Lunchkonzert keine leichten Kompositionen ausgewählt – weder für die Stimmen der Sänger, noch für die Ohren der Zuhörer.

Der frenetische Applaus des Publikums lässt vermuten: Hier sitzen und stehen versierte Chorkonzertbesucher im Zuschauerraum. Natürlich sind viele Mitglieder der vier beteiligten Aachener Kammerchöre darunter. Aber auch Sängerinnen und Sänger aus den vielen anderen Aachener Chören sind dabei.

„Wahnsinnig beeindruckend“, „faszinierende Dynamik und Transparenz“, „unglaublich schwer, perfekt gemacht“, lauten daher die sachverständigen Kommentare beim nachkonzertlichen Plausch auf der sonnendurchfluteten Großkölnstraße. Einige der Besucher verabschieden sich allerdings zügig. Sie haben einen Workshop bei den sechs Mitgliedern der finnischen Gesangsformation „Rajaton“ gebucht.

Alles andere als uncool

Um kurz vor 14 Uhr füllt sich der Aachen-Münchener-Platz vor dem Probenraum des Sinfonieorchesters. Die Chöre „einKlang“ und „Choriander“ sind hier und einige Einzelsänger. Bevor es an die Proben geht, moderiert Essi Wuorela das Einsingen. Damit schürt die Sopranistin die Vorfreude auf die Arbeit mit den sechs finnischen Gesangsprofis und das Late-Night-Konzert im Theater.

Fast zeitgleich haben im Großen Haus des Theaters die Nachwuchssänger ihren großen Auftritt. Der Kinder- und Jugendchor des Theaters Aachen, „Flow“ von der Musikschule Aachen, und der Junge Chor Overbach aus Jülich gestalten das „Gesprächskonzert“ der Chorbiennale.

Gespräch heißt in diesem Zusammenhang vor allem Interaktion mit dem Publikum: Luc Nelissen, Leiter des gerade einmal ein halbes Jahr alten Chores „Flow“, bringt das Publikum zum zweistimmigen Singen, Kerry Jago, Leiter des Jungen Chores Overbach, lässt es nicht ganz unkomplizierte Handbewegungen machen.

Das Ansinnen von Ansgar Menze, künstlerischer Produktionsleiter der Chorbiennale, auch mit Jugend im Publikum ins Gespräch zu kommen, scheitert allerdings. Dort sitzen vor allem Eltern. An der „Abendkasse“ stehen aber auch noch einige Kurzentschlossene und ein paar Festivalpass-Inhaber können ebenfalls gesichtet werden, nur Jugendliche haben an diesem schulfreien Sommertag offensichtlich etwas anderes vor.

Sie haben ein mitreißendes Konzert verpasst, das beweist: Singen ist alles andere als uncool – egal ob die Songs „Ave Maria“, „Man in the Mirrow“ oder „Hakuna matata“ heißen.

Late-Night-Konzert „Rajaton“

So wie die Hitze eine kurzfristige Gewitterpause einlegt, hält auch die Chorbiennale am Nachmittag inne – zumindest fürs Publikum, die vier Aachener Kammerchöre und der „Credo Kammerchor Kiew“ treffen sich zur Probe für „Carmina Burana“. Der Abend bringt das von vielen als Höhepunkt angesehene Late-Night-Konzert: „Rajaton“ gastiert auf ihrer Jubiläumstour auch bei der Chorbiennale – obwohl das Ensemble vielleicht gar nicht als Chor zu bezeichnen ist. Für die wenigen Restkarten stehen 30 Minuten vor Konzertbeginn zahllose Spontan-Besucher an der Kasse des Theaters an.

Bei ihnen scheint der Festival-Virus angekommen zu sein. Aber nicht alle werden den Abend im großen Haus verbringen können. Mit dem letzten Gong sind die Karten verteilt. Die Karteninhaber werden Teil eines mitreißenden sechsstimmigen Gesangsabends mit finnischen Folk-Songs und Eigenkompositionen, Rock- und Pop-Balladen von den Beatles bis Queen und zum krönenden Zugaben-Abschluss mit einem Chorwerk von Jean Sibelius ein Einblick in die finnische Seele.

In der „Chorbilounge“ im Spiegelfoyer des Theaters kommen dann noch einmal alle zusammen: Mitwirkende, Organisatoren, Besucher. Sie tauschen sich über das Vergangene und Kommende aus. Nicht zuletzt wird hier deutlich: Ohne das breite und zeitintensive Engagement der Mitglieder der Aachener Kammerchöre gäbe es die Chorbiennale nicht bereits in der fünften Auflage.

Sie bauen spontan Podeste auf, die nicht aufgebaut wurden, sie organisieren die Unterbringung und Konzerte der Gastchöre, sie regeln den reibungslosen Ablauf an den verschiedenen Spielstätten, sie sammeln fleißig Spenden und werben neue Fördermitglieder, damit es in zwei Jahren wieder heißen kann: Gesang erfüllt die Stadt – die Chorbiennale hat begonnen!

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