CHIO 2013: „Wir sind doch alle eine große Familie“

Von: Thorsten Karbach
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Die Reiterfamilie nimmt Abschied: Mit weißen Taschentüchern endet der CHIO 2013. Foto: Michael von Fisenne

Aachen. Zurücklehnen und genießen. Endlich kann Klaus Pavel den CHIO so erleben, wie die 50.000 Zuschauer um ihn herum auf den Tribünen. Der Ehrenpräsident des ALRV hat drei Jahre, nachdem er Carl Meulenbergh die Zügel des Aachen-Laurensberger Rennvereins überließ, alle Verantwortung hinter sich gelassen.

„Als Zuschauer ist dieses Turnier schon einfacher als als Präsident, aber mein Nachfolger und sein Team haben einen hervorragenden Job gemacht“, sagt Pavel.

Er fiebert mit, wie Nick Skelton den Großen Preis von Aachen gewinnt. Am Mittwoch wurde er 77 Jahre alt und hat dies mit der Familie in der Soers gefeiert, am Sonntagabend holt er sein Taschentuch heraus und winkt, als die Sportler beim Abschied der Nationen ihre letzte Runde durch das Stadion drehen. Und seine Gedanken kreisen dabei nicht darum, wie er das Turnier besser machen will. Das tun andere. Pavel kann auf einen ganz entspannten CHIO zurückblicken. Er hat ihn mit seiner Frau geschaut, auch mit den Kindern. Das ist das Familienfest CHIO.

Der Einritt ist Familiensache

Natürlich können Mama, Papa und die Kinder nicht mehr ihre Picknickdecken auf dem Hügel ausbreiten, wo sich seit den Weltreiterspielen die riesige Tribüne erstreckt. Natürlich hat Pferdesport in der Soers seinen Preis. Einen Tribünenplatz für 8,10 Mark wie bei der WM der Springreiter 1955 oder für 15 Mark bei der WM 1978 gibt es nicht mehr. Bei der EM 2015 wird die günstigste Stehplatzkarte 10 Euro, der billigste Sitzplatz fürs Springen auf der offenen Tribüne 14 Euro kosten. Doch die Besucher sollen auf ihre Kosten kommen, das verspricht der Gastgeber. So wie in diesem Jahr – 360.000 Zuschauer wurden letztlich gezählt.

Sie sind allgegenwärtig, die Familien, die dem CHIO auch 2013 ein Gesicht geben. Etwa an der Schranke am Einritt zum Springstadion, die mittlerweile ein Tor ist. Uneingeschränkt begeistert sind Vater Manfred und Tochter Marion Heinrichsen. Er steht seit 35 Jahren am Tor zum großen Triumph, sie seit sechs Jahren. Der 68-Jährige lebt und liebt den CHIO. Und auch die 41-Jährige ist auf dem CHIO dabei, seit sie 14 ist. Sie sind zwei von 1200 Turniermitarbeitern. Hinzu kommen 1000 im Ladendorf. Wie so viele andere hat sich Marion Heinrichsen für eine Woche im Öcher Sommerherbst (freilich mit tatsächlich sonnigem Finale) Urlaub genommen.

Wenn es ums Wetter geht, dann hat Klaus Pavel diesmal gut lachen. Beim ALRV, so wird es immer versichert, ist der Präsident fürs Wetter verantwortlich. „Damit habe ich also nichts mehr zu tun“, sagt er. Und wer will schon in die Sonne? „Ins Schwitzen sind wir nicht gekommen“, sagt Marion Heinrichsen und lacht ebenfalls. Dieses Lachen vergeht Vater und Tochter so schnell nicht. 109 Stunden Sport gingen am Sonntag zu Ende. 40 Stunden haben die beiden am Einritt gestanden. „Es macht uns unheimlich Spaß“, sagt der Vater.

Die Begeisterung liegt offenkundig im Blut. Und damit stehen die Heinrichsens am Einritt nicht alleine da. „Wir sind hier doch alle eine große Familie“, sagen die Heinrichsens.

Nur die Whitakers fehlen

Auch im Sattel ist diese Reiterfamilie allgegenwärtig: Die Beerbaums, die Capellmanns, Athina Onassis de Miranda und ihr Mann Alvaro. Sie alle kommen gerne in die Soers, bringen die Kinder mit. Bei den Weinbergs reitet Sohn Thomas, während Vater Peter im ALRV-Aufsichtsrat wirkt und Tochter Andrea unter anderem die Eröffnungsfeier verantwortet. Nur die britischen Whitakers fehlen diesmal. Dafür hat der belgische Springreiter Ludo Philippaerts Sohn Nicola an seiner Seite. Nicola startet erstmals in Aachen. Und Papa Ludo kann sein Glück kaum fassen, auch wenn der Reiter der ganz große Pechvogel der Woche war: Am letzten Hindernis des Nationenpreises fiel die Stange, der Sieg war verloren. Doch an der Seite seines Juniors war die Woche doch noch ein Gewinn: „Es ist ein absolutes Highlight, weil ich mit ihm in der Equipe war“, sagt er.

Es sind nicht mehr alle 350 Reiter aus 30 Nationen, die Pavel mit weißem Taschentuch verabschiedet. „Jeder CHIO war eine kleine Steigerung, auch dieser hier“, sagt er. Die 533 Pferde sind auf dem Heimweg – 18 000 Kilogramm Hafer haben sie verputzt. Zehn haben brüderlich geteilt: Calista (von David Will), Caruso 472 (Christian Ahlmann), Casper B (Jan Wernke), Charlie (Katharina Offel), Cocoshynsky (Emanuele Gaudiano), Cornado NRW (Marcus Ehning), Cornet‘s Cristallo (Marco Kutscher), Cornet‘s Hope (Paul Estermann), Crespo PKZ (Ludger Beerbaum und der deutsche Meister Cornet d‘Amour (Daniel Deusser) haben alle den gleichen Vater. Sie stammen allesamt von Cornet Obolensky, dem Fuchsschimmel, mit dem Kutscher 2011 Mannschafts-Europameister wurde, ab. Erfolg liegt im Reitsport eben nicht nur im Sattel in der Familie. Die 3559 Reitpferde-Zuchthengste (bei 59 886 Zuchtstuten) unter 1,2 Millionen Pferden überhaupt sind ein Versprechen in die Zukunft.

Zurück in die Gegenwart: Klaus Pavel, von 1993 bis 2010 Präsident und seitdem der siebte Ehrenpräsidenten des 115 Jahre alten ALRV (nach Gustav Rensing, Georg Talbot, Albert Servais, Albert Vahle, Hugo Cadenbach und Kurt Capellmann) sagt, es sei das erste Turnier gewesen, dass er ganz in Ruhe erleben und genießen konnte.

Am Einritt haben auch die Heinrichsens die Taschentücher wieder eingesteckt, es bleibt eine Träne im Augenwinkel. Und für viele Besucher ein letztes Glas Bier: anstoßen auf ein frisches aber gelungenes Reitturnier bei Alwin Fiebus oder seinem Schwiegersohn Thomas, dazu eine letzte Stärkung bei Soledad Fiebus oder Tochter Nicole. Auch so findet die Familie Geschmack am Pferdesport.

Der CHIO, er ist zu Ende. Die Reiterfamilie trennt sich wieder, Zuschauer, Mitarbeiter, Reiter und Pferde zieht es nach Hause. Nur für die 25 Festangestellten von ALRV und Aachener Reitturnier GmbH geht die Arbeit weiter: Der nächste CHIO beginnt am 11. Juli 2014. Die Pavels, die Heinrichsens, die Phillipaerts und wie sie alle heißen werden ihn wieder zum Familienfest machen.

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