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Casino: Selbst für Gangster nichts zu holen

Von: Robert Esser
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Ermittlungen auf Hochtouren: Nach dem Überfall sicherte die Polizei im Casino Spuren – und umfangreiches Video-Material. Foto: Ralf Roeger
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Geht das Casino weiter den Bach runter? Die Spielbank brachte auch einem Gangster in der Nacht zum Freitag kein Glück. Foto: Michael Jaspers
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Wechselt nach dem Aus für die unrentable Spielbank in Warnemünde als neuer Direktor nach Aachen: Thomas Salinger. Foto: Klonowski
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Ruhestand nach fast 16 Jahren an der Spitze des Aachener Casinos: Direktor Hans-Jürgen Strunck ging zum Jahresende. Foto: Kurt Bauer

Aachen. Dass in der Aachener Spielbank kaum Geld zu holen ist, hätte der maskierte Täter eigentlich wissen können. Besucherzahlen und Umsätze rauschen seit Jahren steil bergab. Warum der Räuber sich ausgerechnet das Casino an der Monheimsallee für seinen Überfall ausgesucht hat, in dessen Foyer allein zehn Überwachungskameras jeden Besucher ins Visier nehmen, ist der Polizei ein Rätsel.

„Wir haben noch in der Nacht und auch im Laufe des Freitags umfangreich Spuren gesichert“, erklärte am Freitag Polizeisprecher Paul Kemen. Vor allem von den Filmsequenzen der Überwachungskameras versprechen sich die Ermittler wichtige Erkenntnisse. „Unsere Spezialisten werten das Material jetzt aus“, sagte Kemen. Der Täter, der die Kassiererin des Casinos um 1.25 Uhr mit einer Schusswaffe bedroht hatte, war allein durch die panischen Schreie der 25-jährigen Angestellten in die Flucht geschlagen worden. Er entkam trotz direkt eingeleiteter Großfahndung unerkannt. Keine der etwa 20 Personen, die sich zum Zeitpunkt des Überfalls in der Spielbank aufhielten, wurde verletzt.

Salinger löst Strunck ab

Nach Angaben langjähriger Casino-Mitarbeiter ist dies der erste Überfall in der Geschichte des Aachener Glückstempels, der 1976 im Kurhaus eröffnet wurde. Was dem frisch gebackenen Direktor der Aachener Spielbank, Thomas Salinger, einen aufregenden Einstieg in seinen neuen Job bescherte. Salinger hatte am Freitag seinen zweiten Arbeitstag in Aachen, er löste zum Jahreswechsel den langjährigen Casino-Chef Hans-Jürgen Strunck ab. Zu sprechen war Salinger für die Aachener Zeitung am Freitag nicht. Wie er sich die Zukunft des Aachener Casino-Standorts vorstellt, wolle er erst kommende Woche erläutern, ließ er ausrichten.

Salinger gilt als ausgewiesener Experte für Poker-Turniere. Und er kennt sich mit Spielcasinos, die aufgrund mieser Ertragszahlen vor dem Aus stehen, bestens aus. Bis August 2013 war er Direktor der Spielbank Warnemünde. Aufgrund der schwachen Bilanzen löste die Spielbankgesellschaft Mecklenburg sein Haus auf. Übrigens kurz nachdem – ähnlich wie in Aachen – der Gastronomiebereich geschlossen wurde. 71 Mitarbeiter verloren dort ihre Arbeitsplätze.

In Aachen strömten in den 70er und 80er Jahren bis zu 1000 Spieler täglich zu Roulette, Baccara und Co. 2012 zählte der Betreiber Westspiel im Automatencasino im Kapuziner Karree und beim klassischen Spiel an der Monheimsallee noch 102 000 Besucher – über 70 Prozent weniger als damals. Die Einnahmen brachen ein; mehrfach war die Aufgabe des Aachener Standorts im Gespräch. Den hiesigen Bruttospielertrag – also die Differenz zwischen Einsätzen und Gewinnen – beziffert Westspiel für das Jahr 2012 auf knapp 7,5 Millionen Euro. Die Bilanz 2013 liegt nach Auskunft von Lena Tausend vom Pressebüro der Duisburger Westspiel-Zentrale noch nicht vor. Vor zehn Jahren strich man jedenfalls mit über 21 Millionen Euro die dreifache Summe ein. Millionen-Abgaben flossen an die Stadt. Das ist längst vorbei.

Der Boom der Online-Glücksspiel-Angebote im Internet und die Flut der Wettbüros in den Innenstädten kosteten staatliche Glückstempel Milliarden. Das Aachener Casino will sich „gesund schrumpfen“ und zwei Drittel seiner 1900 Quadratmeter Mietfläche abgeben. Auch das ist seit Jahren im Gespräch. Ein neues Varieté-Theater soll zudem Besucher- und Umsatzzahlen ankurbeln. Das ist erklärter Wille von Stadt und Westspiel. Unter Dach und Fach ist aber nichts.

Hinter Schloss und Riegel soll nun schnellstmöglich der glücklose Casino-Räuber landen. Die Polizei ermittelt auf Hochtouren. Dass solch ein Überfall auch anders enden kann, beweist ein Fall aus dem Jahr 1998. Damals überfielen drei schwer bewaffnete Gangster das Spielcasino Hohensyburg bei Dortmund und erbeuteten rund 450 000 D-Mark. Sie entkamen. Hohensyburg spült übrigens bis heute Höchstsummen in die Westspielkassen – bekanntlich ganz im Gegensatz zu Aachen.

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