Caritas-Unternehmensservice: Rettungsanker im Strudel der Lebenskrise

Von: Matthias Hinrichs
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Alarmierende Entwicklung: Nach einer aktuellen Studie der AOK sind zuletzt knapp acht Mal mehr psychische Erkrankungen bei Arbeitnehmern diagnostiziert worden als noch vor zehn Jahren. Foto: dpa
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Wichtige Beratung für Beschäftigte mit psychischen Problemen: Melanie Kugelmeier vom Caritas-Unternehmensservice (rechts) und Yvonne Michel von der Suchthilfe stellen sich den wachsenden Herausforderungen angesichts der explodierenden Zahl der Betroffenen gern. Foto: Jaspers

Aachen. Wenn man vom Regen in die Traufe kommt, ist das sprichwörtliche Fass schnell übergelaufen. Zugegeben: Die Einsicht klingt wenig originell. Und das „Phänomen“ ist es schon gar nicht: Die Zahl der Menschen, die aufgrund von permanenter Überlastung nicht mehr in der Lage sind, die vielfach wachsenden Anforderungen im Beruf zu bewältigen, ist in jüngerer Zeit geradezu explodiert.

Nach einer aktuellen Studie der AOK sind zuletzt knapp acht Mal mehr psychische Erkrankungen bei Arbeitnehmern diagnostiziert worden als noch vor zehn Jahren. Vor allem kleinen und mittleren Betrieben fehlt es indessen oft an geeigneten eigenen Strukturen und Angeboten, um Mitarbeitern rechtzeitig und gezielt zu helfen.

Daher sind die Expertinnen des Caritas-Unternehmensservice an der Hermannstraße zunehmend gefragt: Seit 2013 stehen Melanie Kugelmeier und ihre Kolleginnen Doris Hilbers, Marie Gurr und Christina Cytron Betroffenen – und häufig auch deren Vorgesetzten – mit Rat und Tat zur Seite. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir sowohl durch vorbeugende Maßnahmen als auch durch individuelle Beratung viele vor einer dauerhaften inneren Krise bewahren können“, berichtet Melanie Kugelmeier. Zudem könne die Einrichtung gegebenenfalls auf ein eng geflochtenes Netzwerk weiterer Hilfsorganisationen zurückgreifen.

Entscheidend sei dabei die Erkenntnis, dass der vielzitierte „Burnout“ bei immer mehr Menschen akut zu werden drohe, weil sie mit einer ganzen Fülle persönlicher, beruflicher, sozialer Probleme und Konflikte gleichzeitig konfrontiert seien, weiß die Sozialpädagogin. Und dies sei allzu oft verbunden mit dem Gefühl, eigenen moralischen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden zu können.

„Doppelrolle“ überfordert

Charakteristisch sei da etwa der Hilferuf einer Klientin gewesen, die mit ihrer „Doppelrolle“ als vielbeschäftigte Führungskraft in einem Aachener Unternehmen und Tochter einer pflegebedürftigen Mutter nicht mehr klargekommen sei. „Sie stand kurz vor der Krankmeldung, weil sie ständig zwischen dem Wohnort der Mutter und ihrem Arbeitsplatz pendeln musste“, erzählt Kugelmeier. Das entscheidende Problem machte die Beraterin – wie häufig – quasi im Kopf der Klientin aus: „Im Grunde hatte sie bereits alle wesentlichen Schritte unternommen, um ausreichende Hilfe zu gewährleisten. Im Gespräch ging es deshalb vor allem darum, ihre Rolle als vermeintlich allein verantwortliche Verwandte zu reflektieren und sich darüber klarzuwerden, dass sie längst genügend Unterstützung organisiert hatte. Am Ende war eine Krankmeldung für sie kein Thema mehr.“

Patentrezepte freilich können auch die Sozialarbeiterinnen der Caritas in der Regel kaum liefern. Intensive Kontakte zu den Partner-Betrieben pflegt der Unternehmensservice daher unter anderem durch regelmäßige Schulungen für Führungskräfte, Gesundheitstage, Vorträge und Seminare auch innerhalb von Firmen. Und nicht von ungefähr sind dabei auch die Kolleg(inn)en von der Caritas-Suchthilfe häufig mit im Boot. Denn allzu oft geraten die Betroffenen in den fatalen Sog von Alkohol, Drogen und/oder Medikamenten, weil sie dem Druck am Arbeitsplatz nicht mehr standhalten, berichtet Yvonne Michel, Sprecherin der Suchthilfe.

Enorme Ansprüche an sich selbst

Über die Gründe für den alarmierenden Anstieg beim Blick auf die Zahl der Beschäftigten, die aus eigener Kraft keinen Ausweg mehr finden aus dem Teufelskreis der drohenden Depression, machen sich Kugelmeier und Michel indes keine Illusionen. „Viele Menschen stellen heute enorm hohe Ansprüche an sich selbst, sind geradezu perfektionistisch, wenn es darum geht, Job, Freizeit, Kinder und Partnerschaft unter einen Hut zu bringen“, sagt Michel.

Andere fänden keinen persönlichen Halt mehr, weil traditionelle familiäre Bindungen verloren gingen, soziale Netze jenseits der Institutionen zusehends „zerfasern“, Smartphone und Co. kaum noch Zeit ließen, einmal durchzuatmen und zu sich selbst zu kommen, kaum einer noch die Gelegenheit zum Abschalten auch im Wortsinn ergreife.

Aber: „Wir haben festgestellt, dass sich immer mehr Chefs und Beschäftigte auf unsere Angebote einlassen“, berichtet Melanie Kugelmeier. „Es wird viel mehr über das Thema geredet.“ Und dies am besten bereits, bevor das Fass der körperlichen und seelischen Nöte übergelaufen ist.

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