Caritas: Keine Spur von „verstaubt und missionarisch“

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Ein Duo, das sich gut ergänzt: 30 Jahre liegen zwischen Meike Wilczek und Rainer Krebsbach. Der Altersunterschied bringt unterschiedliche Herangehensweisen mit sich, von denen die beiden Gemeindesozialarbeiter der Caritas letztlich profitieren. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Caritas-Gemeindesozialarbeit bewegt sich zwischen Besuchsdiensten und Open-Space-Veranstaltungen, zwischen Kleiderkammern und Quartiersentwicklung. Meike Wilczek (Aachen-Stadt) und Rainer Krebsbach (Aachen-Land) sind beim Caritasverband Aachen die Ansprechpartner für Kirchengemeinden, aber auch für Bürger, die in ihrem Viertel aktiv werden wollen.

Wie sie sich in diesem Spannungsfeld bewegen und warum das nichts mit „verstaubt und missionarisch“ zu tun hat, erzählen sie im Interview.

Der designierte Aachener Bischof Helmut Dieser hat provokant gefragt: „Warum sollte Jugend etwas unter dem Dach der Kirche tun?“ In welchem Zustand sehen Sie die Gemeinden?

Wilczek: Ich glaube, Gemeinde ist offen für Ideen von jungen Menschen. Es gibt immer mehr Gemeinden, die sagen: Visionen kommen auch aus uns heraus. Junge Menschen finden deshalb an vielen Stellen ein offenes Ohr für ihre Ideen. Gemeinde, die Kirche stellt sich ihnen als Plattform dar, eigene Projekte eingebettet zu sehen.

Ist das bei jungen Leuten schon angekommen?

Wilczek: Das ist sicher ein Prozess. Viele Gemeinden merken, dass die Mitglieder älter werden und solche Angebote geschaffen werden müssen. Aber es gibt auch bereits viele junge Menschen, die sich dort engagieren. Es gibt diese Strukturen, nur sind sie nicht immer so präsent nach außen.

Krebsbach: Wir müssen aber auch sagen, dass in der sozialen Arbeit in der Kirche junge Menschen kaum vorkommen. Vielleicht verkauft sich die Caritas dafür zu konservativ. Aber es gibt jetzt eine Initiative in vielen Bistümern mit dem vielversprechenden Namen „Young Caritas“. Dazu haben wir demnächst eine Fachtagung. Vielleicht ist das ein Ansatz, junge Menschen noch mehr einbinden zu können.

Können Sie diese Verjüngungskur als Gemeindesozialarbeiter der Caritas mit befeuern?

Wilczek: Ich definiere die Gemeindesozialarbeit nicht so, dass wir Gemeinden Themen aufdrücken, sondern wir werden eher als Berater hinzugezogen zu Themen, die aus der Gemeinde kommen. Dabei merkt man aber schon, dass die dort Engagierten überlegen, wie sie Caritasarbeit verjüngt bekommen und wie sie junge Menschen – und damit sind nicht nur die 18-Jährigen gemeint – besser erreichen. Da spielt zum Beispiel auch eine anders gedachte Öffentlichkeitsarbeit eine Rolle. Welche anderen Medien gibt es als den Pfarrbrief? Neue Medien ist hier das Stichwort. Viele Gemeinden sprechen auf solche Vorschläge von uns an.

Geben Sie Impulse in die Gemeinden oder warten Sie, bis Sie angefragt werden?

Krebsbach: Für uns Gemeindesozialarbeiter sind fast immer die Kirchengemeinden Auftraggeber. Manchmal kommt der Impuls aber auch aus der Bürgerschaft. Zum Beispiel wollte eine Frau aus Baesweiler Familienpatenschaften organisieren. Da kam es von ganz unten, nicht weil wir als Caritas oder als Kirchengemeinde das wollten. Nur manchmal geben wir Themen und Impulse hinein.

Wilczek: Die Eintrittskarte für unsere Arbeit ist nicht eine Visitenkarte von der „GdG xy“. Aber ich sitze auch in vielen Räten und Gremien und kann dort Themen hineingeben oder verstärken. Das ist unsere Kernkompetenz: Interessiert sein an allen Bereichen, Informationen aufnehmen, denn es kann sein, dass in der nächsten Sitzung, beim nächsten Treffen genau dieses Schlagwort fällt. Dann können wir uns als Multiplikatoren anbieten.

Kirchliche Gremien?

Wilczek: Ja, Räte von Gemeinschaften der Gemeinden, Katholikenrat, Caritas-Ausschüsse…

Entschuldigen Sie das Bild, aber wenn Sie so nebeneinander sitzen, drängt es sich auf: Alter Hase, junger Hüpfer. Gehen Sie unterschiedlich an Ihre Aufgaben heran?

Wilczek: Oft sind wir sehr eng beieinander in der Herangehensweise. Wir sind für unterschiedliche Gebiete zuständig, aber wir sind mit ähnlichen Strukturen und Problemen konfrontiert. Totale Ablehnung gegenüber meinen Vorschlägen gibt es von Rainers Seite aus nicht. Aber natürlich bin ich jünger und denke hin und wieder Dinge auch anders. Ich bin anders mit Medien, mit Öffentlichkeitsarbeit aufgewachsen. Ich war bereits im Studium und bin im Privatleben mit anderen innovativen Ideen konfrontiert und finde es nur natürlich, das in meine Arbeit einzubinden. Ich profitiere aber auch von seiner ganzen Berufserfahrung und von traditionellen Gedanken in Kirche, die ich gar nicht so wahrnehme. Manches Mal bewahrt er mich vor viel Aufwand für nichts, weil er sich daran auch schon mal abgearbeitet hat.

Krebsbach: Ich gebe zu: Ich profitiere nicht von ihren Erfahrungen mit den Neuen Medien. Das blockiere ich. Da verpasse ich natürlich eine Chance. Aber ich profitiere von ihrem Wissen. Zum Beispiel über die „Young Caritas“. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.

Welche Themen der sozialen Arbeit treiben Gemeinden denn zurzeit um?

Krebsbach: Flüchtlinge und der Nachwuchsmangel im Ehrenamt.

Wilczek: Überalterung im Ehrenamt. Wie kann man Strukturen neu denken? Altes pflegen, aber sich auch auf Neues einlassen. Die Waage halten zwischen den traditionellen Diensten und neuen Themen. Wie viel können wir erhalten und wie viel Neues ist notwendig, damit wir Gemeinde bleiben können? In solchen Prozessen von Gemeinden stecke ich im Moment sehr oft.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Wilczek: Klassisches Caritasfeld sind die ehrenamtlichen Besuchsdienste. Aber dafür lassen sich kaum mehr junge Leute finden, auch wenn es ein Teil von Kirche ist, der gepflegt werden muss und soll. Auf der anderen Seite steht die Frage, wie wir Menschen ansprechen, die in keinem unserer Angebote auftauchen? Die Anfang-30-Jährigen, die voll berufstätig sind, vielleicht gerade in Familie einsteigen oder schon eine haben. Dann reden wir von Projekten, an die sich Menschen kurzfristiger binden können, die nicht so verbindlich sind.

Krebsbach: Caritas-Ehrenamtliche in den Gemeinden treibt auch um: Wo sind die Alten, Einsamen, die materiell Armen? Die Ehrenamtlichen leiden ein Stück daran, diese Benachteiligten nicht mehr zu erreichen, weil diese selbst sich vielleicht schämen, sich selbst gar nicht als arm sehen oder mit Kirche nichts zu tun haben wollen. Sie melden sich nicht beim Besuchsdienst und ihre Angehörigen tun das auch nicht.

Also krankt der Besuchsdienst auch an der nachfragenden Seite. Muss man dann dieses Feld tatsächlich noch beackern?

Krebsbach: Wenn Scham die Nachfrage verhindert, ja.

Wilczek: Ich finde es schon wichtig, dass Kirche, dass die Gemeinde Angebote für Einsame hat. Und die werden auch wahrgenommen. Das sind dann häufig eher Nachbarschaftsdienste. In Burtscheid gibt es zum Beispiel „Gregor hilft“. Da melden sich die alten Menschen, damit sie mit zum Gottesdienst genommen werden oder jemand mal aus einem anderen Grund bei ihnen vorbeikommt.

Wie können Sie Menschen überzeugen, ehrenamtlich aktiv zu sein?

Wilczek: Ehrenamt wirkt sinnstiftend. Man macht etwas Sinnvolles in seiner Freizeit. Ich bekomme etwas zurück – nicht nur Dankbarkeit, sondern zum Beispiel Geschichten, wenn alte Leute anfangen, von ihrem Leben zu erzählen. Es soll kein Ungleichgewicht geben.

Krebsbach: Früher war es verpönt zu sagen, man übernimmt ein Ehrenamt, weil man selbst davon profitiert. Da machte man es, weil der Pastor es will. Oder vielleicht der liebe Gott. Das hat sich verändert. Da ist auch unser Job, Ehrenamtlichen so auf den Weg zu schicken, dass sie ihren eigenen Profit für sich formulieren: Ich bin ehrenamtlich tätig, weil es mir Spaß macht, weil ich dann selbst in Gesellschaft bin oder Ähnliches. Wir wollen – biblisch gesprochen – Talente entdecken. Wenn sich keiner mehr findet, der beim Besuchsdienst oder in der Kleiderkammer mitmachen will, ist das so. Alles hat seine Zeit. Wir wollen fragen: Was willst Du machen? Vielleicht muss man den Engagierten nur noch den Schlüssel für das Pfarrheim geben und sie dann ihre Ideen umsetzen lassen.

Aber vergisst man dann nicht doch die, die diese Frage nie beantworten würden? Die, die ihre Stimme nicht erheben, weil sie sich schämen oder weil sie ihren Unterstützungsbedarf nicht formulieren können?

Wilczek: Das ist auch Teil von Gemeindesozialarbeit. Wir können aus einer neutraleren Perspektive Gemeinde betrachten. Der Blick aus dem Fenster. Wer lebt im Viertel und wer taucht in den bisherigen Angeboten nicht auf? Und wie können wir denjenigen sichtbar machen? Der Freitagstreff hier in der Scheibenstraße ist ein typisches Angebot. Da kommen Menschen mit offiziellen Briefen und Formularen hin, um sich zu versichern, ob sie sie richtig verstanden haben. Diese Menschen würden aber nicht an unsere Bürotüren klopfen mit der Bitte, doch mal ein Angebot der Formularhilfe zu schaffen. Das müssen wir als Caritas mit unserem Auftrag „Dienst am Menschen“ im Blick haben.

Krebsbach: Wir müssen sehen, dass diese Menschen zu Wort kommen. In Eschweiler hat der Pfarrer bemerkt, dass ein Quartier zunehmend verkam. Viele Wohnungen standen leer, Spielplätze verwilderten, die Bewohner gehörten zu den Benachteiligten der Gesellschaft. Er wollte wissen, wie es den Menschen geht. Gemeinsam mit Bündnispartnern aus allen gesellschaftlichen Bereichen haben wir einen runden Tisch ins Leben gerufen, der die Bewohner befragte und letztendlich zu einer deutlichen materiellen, aber auch sozialen Verbesserung im Viertel führte. Menschen haben Kirche da anders erlebt, nicht sakramental, sondern feiernd. Wir als Caritas haben uns da schließlich wieder herausgezogen und den Hut einem anderen überlassen. Das sehe ich als Stärke der Gemeindesozialarbeit. Es geht nicht um die eigene Reputation, sondern um die Ergebnisse.

Die Gesellschaft insgesamt und die Kirche im Speziellen bauen mehr denn je auf Ehrenamt. Unter welchen Bedingungen ist das tragfähig?

Wilczek: Ehrenamt braucht Hauptamt. Es braucht jemanden, der verantwortlich ist. Ehrenamt ist kein Selbstläufer, es braucht Wertschätzung von der hauptamtlichen Seite. Und das bedeutet: Ansprechpartner sein, sich verantwortlich fühlen, sich nicht herausziehen. Auf sich allein gestellt, laufen Ehrenamtliche schnell Gefahr, frustriert zu werden. Unsere Aufgabe ist auch, in den Gemeinden dafür Werbung zu machen.

Krebsbach: Da, wo die Gemeindestrukturen das nicht mehr abdecken können, bieten wir uns an. Zum Beispiel beim Frühstückstreff in Mariadorf. Da bin ich regelmäßig beim Leitungstreffen dabei. Ich höre zu, manchmal halte ich den Spiegel hin. Die hauptamtliche Pastoral steht zwar bei Fragen zur Verfügung, ist aber nicht kontinuierlich dabei.

Sind Sie die Innovationsbeauftragten der Caritas Aachen?

Wilczek: Zumindest kenne ich kein anderes Berufsfeld, in dem ich so kreativ und innovativ meine Ideen umsetzen kann. Wir haben mit Gemeinden unterschiedlichster Art und Zielsetzung zu tun. Wir arbeiten mit Menschen zusammen, die Gemeinde gestalten wollen. Und das sind nicht nur Pastoren, sondern immer mehr Mitglieder aus der Basis. Wenn ich sage, dass ich Gemeindesozialarbeiterin bin, verdrehen manche erst mal die Augen. Das Image ist alt, verstaubt, missionarisch. Wenn ich dann aber aus unserem Arbeitsalltag erzähle, welche spannenden Projekte wir umgesetzt haben, kommen sie aus dem Staunen nicht heraus. Ich habe mich zum Beispiel intensiv mit neuen Prozessen in der Gemeindeentwicklung auseinander gesetzt. Wochen später konnte ich dieses Wissen einsetzen und eine Gemeinde davon abhalten, von oben ein Angebot über eine Zielgruppe zu stülpen, sondern die Zielgruppe in einer Open-Space-Veranstaltung selbst zu fragen. Das kann eine neue Form von Kirche sein.

Krebsbach: Zu 80 Prozent sind wir selbstbestimmt. Wir sind frei in der Gestaltung unserer Arbeit und sind vielleicht Innovationsbeauftragte in den Gemeinden. Zum Beispiel habe ich als Beauftragter für die offene Altenarbeit in der Stadt Aachen in St. Donatus Brand dafür gesorgt, dass die Vertreter der Kinder- und Jugendarbeit und der offenen Altenarbeit zusammenkommen, um zu überlegen, ob sie nicht vieles gemeinsam stemmen können. So sorgen wir für Innovation.

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